Veltheim/Frick
Der wartende Kämpfer: Er braucht dringend eine Spenderniere

Rolf Heuberger leidet an einer chronischen Nierenentzündung. Dreimal pro Woche muss er sein Blut reinigen lassen. 4,5 Stunden dauert die Dialyse jeweils. Er wartet seit über einem Jahr auf eine Spenderniere. Das Beste des Tages ist ein Sandwich.

Sarah Serafini
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Seit einem Jahr wartet Rolf Heuberger auf eine neue Niere - aufgeben kommt aber nicht infrage. Er arbeitet immer noch so oft es geht als Winzer und Kellermeister auf dem Weingut seines Bruders in Bözen, derzeit ist er zu 50 Prozent angestellt.
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Dreimal pro Woche muss Heuberger für viereinhalb Stunden zur Dialyse, von morgens um halb sieben bis elf Uhr.
Ärzte verbanden bei einer Operation die Pulsader am Vorderarm mit einer Vene, um ein grossvolumiges Blutgefäss zu schaffen, das zur Dialyse angezapft werden kann.
430 Milliliter Blut laufen pro Minute durch die Maschine, 116 Liter sind es insgesamt während der viereinhalb Stunden pro Dialyse.
Rolf Heuberger mit zwei Pflegern der Dialysestation in Frick.
Wartender Kämpfer: Rolf Heuberger wartet auf Spenderniere

Seit einem Jahr wartet Rolf Heuberger auf eine neue Niere - aufgeben kommt aber nicht infrage. Er arbeitet immer noch so oft es geht als Winzer und Kellermeister auf dem Weingut seines Bruders in Bözen, derzeit ist er zu 50 Prozent angestellt.

Mathias Marx

Hauptstrasse 31 in Frick, Dialysestation: Von der Strasse sieht man durch die Fensterscheiben ins Zimmer. Dort liegen in einem Abstand von ein paar Metern fünf Menschen nebeneinander.

Viele sind schon älter. Einige schauen aus dem Fenster, andere in einen Bildschirm. Eine Frau hat die Augen geschlossen, döst vor sich hin. So vergehen die langen Stunden Blutreinigung schneller.

Bei einem gesunden Menschen ist die Niere das Entgiftungsorgan. Alle wasserlöslichen Endprodukte des Stoffwechsels landen dort und werden dann mit dem Urin ausgeschieden. Die Niere reguliert den Blutdruck, den Wasserhaushalt und den Säure-Basen-Haushalt des Körpers. Sie bildet Hormone, wie zum Beispiel das Erythropoetin, das wichtig ist für die Bildung von roten Blutkörperchen.

Bei Dialysepatienten macht das die Niere nicht mehr. Alle Reinigungsfunktionen des Organs übernimmt ein Gerät, das neben den liegenden Menschen steht und leise vor sich hin pumpt. Blut rein, Blut raus.

Neben dem Mehrbettzimmer gibt es ein Einzelzimmer. Der Raum ist verdunkelt, eine schwarz-weiss gemusterte Decke liegt über einem Körper, dessen Brustkorb sich in regelmässigen Abständen hebt und senkt. Dort liegt Rolf Heuberger aus Veltheim, 45 Jahre alt, gelernter Winzer.

Zuerst auf Rheuma behandelt

Am 16. Mai 1996 musste er zum allerersten Mal zur Dialyse. Heuberger erinnert sich genau. Lange hatte er nicht bemerkt, dass er an einer chronischen Nierenentzündung litt. Aufgrund der starken Schmerzen im unteren Rücken wurde er auf Rheuma behandelt.

Sein Zustand verschlechterte sich. Heute sagt er, dass es vielleicht nicht so schlimm gekommen wäre, hätte er früher reagiert.

Als man bemerkte, was los war, wurde er ins Kantonsspital nach Aarau geschickt. Zu diesem Zeitpunkt waren seine beiden Nieren bereits kaputt.

Heuberger drückt auf einem Gerät herum und seine Liege fährt hoch. Die blauen Augen sind blutunterlaufen, darunter geschwollene Tränensäcke.

Dreimal in der Woche muss Heuberger für viereinhalb Stunden zur Dialyse, von morgens um halb sieben bis elf Uhr.

«Dann versuche ich noch ein wenig zu schlafen oder löse Sudoku.» Vor der Dialyse fährt er jedes Mal bei der Bäckerei vorbei und kauft sich ein Sandwich.

Das spart er sich auf bis um zirka halb zehn Uhr. «Dann mein feines Sandwich zu essen, ist der beste Moment des Tages.» Es sind die kleinen Freuden, die Heuberger Lebenslust geben.

116 Liter Blut wird gereinigt

Als vor siebzehn Jahren klar war, dass er eine neue Niere brauchte und bis zur Transplantation dialysiert werden musste, verbanden ihm die Ärzte in einer kleinen Operation am Vorderarm die Pulsader mit einer Vene, um so ein grossvolumiges Blutgefäss zu schaffen, das zur Dialyse angezapft werden kann.

«Dialyseshunt heisst das», sagt Heuberger und schaut auf seinen rechten Arm, der mit einem Kissen unterbettet auf der Lehne liegt.

Er darf ihn nicht zu fest bewegen, weil es ihm sonst die zwei Nadeln aus den Blutgefässen reisst.

Durch einen Schlauch wird Heubergers Blut in die Dialysemaschine gepumpt. In einem grossen Filter wird dort sein Blut gereinigt und wieder zurückgegeben. 430 Milliliter Blut laufen pro Minute durch die Maschine, 116 Liter sind es insgesamt während der viereinhalb Stunden, die Heuberger dort liegen muss

Drei Monate nachdem Heuberger 1996 zum ersten Mal in die Dialyse musste, bekam er eine neue Niere.

«Es war wie im Film. Der Assistenzarzt stotterte stark und sagte mir gefühlte fünfzig Mal, dass ich nach der Operation niemals meine Medikamente vergessen darf. Dann ging die Türe auf, der Arzt kam herein und sagte: Guten Tag, ich bin Ihr Arzt und leite diese Operation.»

Wessen Niere Heuberger damals bekam, weiss er nicht. Nur, dass es sich dabei um eine weibliche Leichenniere handelte und dass die Schwesterniere irgendwo in der Westschweiz transplantiert wurde.

Fünfzehn Jahre ging es gut mit den drei Nieren, zwei verkümmerten und eine, die arbeitete. Dann plötzlich nicht mehr. Heuberger nahm an Gewicht zu, hatte starke Wasserablagerungen in den Beinen, musste wieder ins Spital, wurde mit Kortison und Antibiotika behandelt, bekam Medikamente für die Nebenwirkung anderer Medikamente.

Bis zuletzt hat er gehofft, dass seine Spenderniere weiter funktioniert. Am 7. Januar 2013 gab es keine Hoffnung mehr, seine dritte Niere wollte nicht mehr, wieder musste er zur Dialyse.

Warten auf die Ergebnisse

Seither wartet er. Schon über ein Jahr lang. «Ein Jahr auf der Dialysestation macht dich zwei Jahre älter», sagt Heuberger und schaut müde aus dem Fenster.

Bisher haben sich sein Vater und eine Freundin für eine Nierenspende testen lassen. Zweimal negativ.

Jetzt wartet er auf die Ergebnisse eines Freundes, der sich diesen Monat hat testen lassen. Sich deswegen allzu grosse Hoffnungen machen, will Heuberger nicht. «Es war jedes Mal katastrophal, als herauskam, dass die Niere nicht passt.»

Aber deswegen aufgeben? Das kommt für Heuberger nicht infrage. Er arbeitet immer noch so oft es geht als Winzer und Kellermeister auf dem Weingut seines Bruders in Bözen, derzeit ist er zu 50 Prozent angestellt.

Sein Job bedeutet ihm viel. Er sagt: «Hätte ich meine Arbeit und mein gutes Umfeld nicht, würde es mir noch viel schlechter gehen.»

Und trotz der positiven Energie, die aus dem müden Gesicht strahlt, stinkt es Heuberger manchmal extrem, dreizehneinhalb Stunden in der Woche an eine Maschine gekettet zu sein. «Als am Montag die Sonne schien und ich hier drinnen lag, da dachte ich, wie schön es jetzt wär, draussen das Rebholz zu hacken.»