Rheinfelden
Der Wächtertruppe fehlen die Wächter

«Unser Rheinfelden» will sich für mehr Lebensqualität einsetzen, hat aber selber Startschwierigkeiten.

Thomas Wehrli
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«Unser Rheinfelden» will dazu beitragen, dass die Lebensqualität im Städtchen und im Naturraum erhalten wird.

«Unser Rheinfelden» will dazu beitragen, dass die Lebensqualität im Städtchen und im Naturraum erhalten wird.

HENRI.LEUZINGER@BLUEWIN.CH;Henri

Die Euphorie bei der «IG Nein zur Deponie im Wäberhölzli» war riesig, als die Rheinfelder im letzten Juni an der Urne klar sagten: Wir wollen keine Aushubdeponie, wir wollen, dass das Wäberhölzli ein Wald bleibt. Die Truppe um Jürg Keller hatte sich damit gegen den Stadtrat und das gesamte politische Establishment durchgesetzt.

«Uns braucht es weiterhin», waren Keller und seine Mitstreiter nach gewonnener Schlacht überzeugt – und zu sechst gründeten sie im letzten Sommer den Verein «Unser Rheinfelden». Transparenz schrieben sie sich auf ihr Banner, Fairness auch, dies als Reaktion auf den Abstimmungskampf, in dem auf beiden Seiten mit harten Bandagen und zum Teil mit Halbwahrheiten operiert wurde. Eine Plattform sollte «Unser Rheinfelden» sein, die sich einmischt, sich um mehr Lebensqualität im Städtchen bemüht und, fallweise, mit anderen Gruppierungen zusammenarbeitet.

Das war vor bald acht Monaten. Seither ist es ruhig geworden um «Unser Rheinfelden». Sehr ruhig.

Anruf bei Jürg Keller. «Eine missliche Situation», sagt der 74-Jährige. Von der ursprünglich sechsköpfigen Kerngruppe seien nur noch drei an Bord. Zwei mussten aus gesundheitlichen Gründen passen und Sandra Frei habe «Unser Rheinfelden» verlassen, um aktiv in die Politik einzusteigen. Sie trat der CVP bei und kandidiert im Sommer für den Stadtrat. Die Unterstützung von «Unser Rheinfelden» werde Frei «dennoch haben», sagt Keller augenzwinkernd. Ebenso unterstützen wollen er und seine Mitstreiter Stadtrat Walter Jucker. Die beiden anderen Wiederkandidierenden, Stadtrat Hans Gloor und Stadtammann Franco Mazzi, dagegen könne man «beim besten Willen nicht empfehlen».

Die Frage derzeit ist indes eine andere: Interessiert die Empfehlung von «Unser Rheinfelden» überhaupt jemanden? Oder, ganz konkret: Braucht es den Verein eigentlich? «Aber sicher», sagt Keller, sagt es im Brustton tiefster Überzeugung. Er ist sich sicher, dass viele der 1432 Stimmberechtigten, die das Referendum gegen die Deponie im Wäberhölzli unterschrieben haben, die Stimme von «Unser Rheinfelden» auch künftig hören wollen. Keller lacht. «Solange es mich gibt, geht es weiter. Und, glauben Sie mir, ich spüre derzeit keinerlei Ermüdungserscheinungen.»

Im Schneeballsystem mobilisieren

Für Keller geht es in den nächsten Wochen und Monaten darum, aus der arg dezimierten Kerngruppe wieder eine agile Stosstruppe zu formen. Die künftige Organisationsform lässt er dabei bewusst offen. «Wir sind uns nicht sicher, ob ein Verein wirklich die richtige Struktur ist.» Keller kann sich auch eine sechs- bis achtköpfige Wächtertruppe vorstellen, welche die Entwicklung in der Stadt beobachtet und bei Bedarf ein Netz von Sympathisanten aktiviert. «Eine Art Schneeballsystem», so Keller, das per Facebook und klassische Medien mobilisiert wird.

Diese Organisationsform würde die gesellschaftliche Entwicklung der Betroffenheitspolitik auffangen. Sprich: Man engagiert sich erst und nur dann, wenn es vor der eigenen Haustüre brennt. Damit dieser Brand erkannt und gelöscht werden kann, braucht es Feuerwehrleute. «Diese Rolle kann ‹Unser Rheinfelden› übernehmen», glaubt Keller. Er spricht von einer «ruhenden IG», einer Anlaufstelle, einer Klagemauer auch. «Die Leute können sich mit ihren Sorgen an uns wenden und wir sorgen dafür, dass diese nicht ungehört bleiben.»

Bis die Interventionsgruppe steht, will Keller mit «Unser Rheinfelden» auf Sparflamme weiterfahren. Dazu zählen für ihn die Unterstützung der Deponiegegner im oberen Fricktal, das Bekanntmachen der Wald-Initiative und ein klares Statement zu den Stadtratswahlen. «Wir müssen uns vernetzen, denn gemeinsam sind wir stärker.» Dies gelte lokal ebenso wie regional.

Im Hintergrund läuft das Radio. Klassik. Keller kommt ins Philosophieren. «Wenn es uns gibt, braucht es uns eventuell nicht», sagt er. «Wenn es uns aber nicht gäbe, würde es uns brauchen.» Er seufzt. «Ich bin überzeugt: Bereits die Drohung, dass ‹Unser Rheinfelden› der Stadt künftig auf die Finger schaut, hat einiges bewirkt.»

Sagts und geht mit seiner Hündin Jana spazieren. Hinaus in sein Wäberhölzli. «Es ist jedes Mal ein Glücksgefühl, wenn ich im Wald unterwegs bin und sehe: Das haben wir mit unserem Kampf erreicht.»

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