Die kleine Turmfalken-Dame macht Marcel Laederach eine Freude. Erst am Abend zuvor wurde sie am Strassenrand bei Leuggern gefunden und in der Wildvogelpflegestation in Möhlin abgegeben. Sie war völlig entkräftet. Jetzt aber, nach einer Nacht in der Wärme des kleinen Quarantäne-Raums, frisst sie schon wieder selbstständig. Davon zeugt die halb verspeiste Maus in ihrer Holzbox.

Für Laederach und die anderen freiwilligen Pfleger ist das eine Erleichterung. «Fressen die Raubvögel nicht selbstständig, müssen wir sie füttern. Und das heisst, dass wir die Mäuse selber in kleine Stücke schneiden müssen», erklärt Laederach und sein Gesichtsausdruck verrät, dass dies nicht eben zu seinen Lieblingsaufgaben gehört.

Über zwölf Jahre war Marcel Laederach als Leiter der Möhliner Wildvogelpflege- und Storchenstation im Amt, bis vergangene Woche. Da gab er die Aufgabe an der Generalversammlung des Trägervereins Natur- und Vogelschutz Möhlin ab. Auch, weil er langsam das Alter spüre, sagt der 77-Jährige offen. «Es war an der Zeit, ins zweite Glied zurückzustehen.»

Nachfolger gefunden

Ein Entscheid, der ihm leichter fiel, weil mit Bruno Gardelli «ein absoluter Fachmann» die Leitung übernehme. Gardelli war bis zu seiner Pensionierung im vergangenen Dezember Tierpfleger im Basler «Zolli» und hat dort unter anderem die Wasservögel und Eulen betreut. Ausserdem ist er Regionsleiter der Nordwestschweizer Sektion von Storch Schweiz. «Er kennt seine Aufgaben schon mehr als gut», sagt Laederach.

Ganz auf seine Unterstützung verzichten muss der neue Leiter allerdings nicht: Laederach bleibt als Stellvertreter und hilft bei Bedarf weiterhin mit. «Ich werde wohl ab und zu in der Vogelstation anzutreffen sein», sagt er mit einem Lächeln.

Die Arbeit in der Station – mal abgesehen vom Zerschneiden der Mäuse – hat Laederach oft viel Spass bereitet. Kurz nach seiner Pensionierung begann er, in der Station mitzuhelfen. Zuvor, als Kältetechniker, hatte er mit Ornithologie nie etwas zu tun gehabt. Aber die Vögel, ihre Eigenheiten und ihre Fähigkeiten faszinierten ihn schon bald. Er erinnert sich an intelligente Krähen, freche Elstern und einen zutraulichen Spatz. Dieser hat sich ganz besonders in Laederachs Herz gezwitschert.

Vögel im Backofen

Stöpsel hiess der Spatz. Er wurde vor Jahren als Jungvogel in der Station abgegeben. Marcel Laederach und seine Frau Margrith nahmen ihn nach Hause, päppelten ihn auf. Um ihn zu wärmen, setzten sie ihn sogar in den Backofen. «Das machen wir mit vielen Jungvögeln», erzählt Laederach lachend.

Stöpsel erholte sich – aber er war zu lange auf die Pflege der Laederachs angewiesen gewesen, als dass er auf sich alleine gestellt hätte überleben können. Und so blieb er in einer Voliere in der Station, bis er im letzten Jahr starb.

Der Spatz ist damit die Ausnahme. Denn wenn immer möglich, versuchen die Pfleger, es zu vermeiden, dass sie eine Beziehung zu den Vögeln aufbauen. Einerseits ist das besser für die Vögel, denn sie müssen sich nach ihrer Pflege in der Station wieder in freier Wildbahn zurechtfinden. Andererseits auch für die Pfleger. «Das Schönste ist, wenn ein Vogel seine Flügel ausbreitet und davon fliegt», sagt Laederach. «Aber es ist immer auch ein Abschied.»

Strenge Tage stehen bevor

Geht alles gut, wird schon bald auch die kleine Turmfalken-Dame wieder in die Freiheit davon fliegen – wie viele der anderen Vögel, die derzeit in der Station gepflegt werden müssen. Marcel Laederach rechnet damit, dass während den besonders kalten Tagen diese Woche noch mehr entkräftete Vögel abgegeben werden. «Wenn die Böden gefroren sind, haben es vor allem die Greifvögel schwer, genügend Nahrung zu finden», sagt er. Ihnen zu helfen und zu sehen, wie sie sich erholen – das macht den Vogelvater auch nach zwölf Jahren immer noch glücklich.