Hommage

Der Urschrei wird 30: Brüll weiter, Kultur-Dino!

Der Urschrei wird 30 Jahre alt. In den letzten drei Jahrzehnten hat er den Weg vom wilden Open Air zum Kulturzentrum bestritten und vor allem in seinen wilden, jungen Jahren – viel für die damalige Jugend bewegt. Eine Hommage.

Es war eine Zwickmühle, die mich an Hamlet erinnerte: Sein oder Nichtsein. Nur war das Verb, um die sich meine Seinsfrage im Sommer 1988 drehte, ein ganz anderes: Gehen oder Nichtgehen.

Die Frage, die mich umtrieb: Soll ich ans erste Urschrei-Open Air gehen, zu den «Birkenstock-Aktivisten», wie mein Vater die Urschreier der ersten Stunde nannte? Oder soll ich, was ihm als CVP-Mann aus gutbürgerlichem Haus deutlich genehmer gewesen wäre, zu Hause bleiben? Ich ging. Der Musik wegen; es spielte unter anderem Linard Bardill. Und des Protestes wegen; ich war ja schliesslich fast 20.

Cornelia Brennwald, 47, Urschreierin der fast ersten Stunde, lacht. «Der Urschrei war in der Gemeinde in den ersten Jahren nicht allzu gerne gesehen», erinnert sie sich. Weil den Open Airs ein Hauch Rebellion anhaftete; weil die Polizei oft präsent sein musste; weil die Musik (in den Ohren der älteren Garde) laut und schrecklich klang, «einfach nur Lärm», wie mein Vater zu sagen pflegte. Entsprechend distanziert war auch das offizielle Frick zum neuen Kulturangebot für die Jungen: Ein Unterstützungsgesuch lehnte die Gemeinde prompt ab.

«Der Urschrei war in der Gemeinde in den ersten Jahren nicht allzu gerne gesehen.»

Corneli «Flumi» Brennwald, Kultuvereinigung Urschrei

«Der Urschrei war in der Gemeinde in den ersten Jahren nicht allzu gerne gesehen.»

Heute, just 30 Jahre nach der Gründung der Kulturvereinigung Urschrei, ist sie ein wesentlicher Bestandteil der Kulturlandschaft im Fricktal. Sie ist nicht mehr aus der Region wegzudenken. Der Urschei ist gefestigt. Etabliert. Akzeptiert. Die Gemeinde wirbt auf ihrer Website mit dem Meck, wo der Urschrei seit 1998 zu Hause ist. Man erlebe hier einen bunten Mix an Kultur, heisst es auf der Gemeinde-Homepage. Das Meck-Programm, das ein ebenso bunter wie einzigartiger Mix aus Musik, Theater, Kulinarik, Biomarkt, Open-AirKino, Spiel und Familienplausch ist, legt die Gemeinde ihrem Willkommensgruss an die Neuzuzüger bei.

O tempra, o mores. Was ist da bloss passiert? Sind die Urschreier alt geworden? Oder macht die Gemeinde plötzlich auf Jung? Weder noch. Es hat eine Dynamisierung stattgefunden, wie man sie allenthalben erlebt hat. Starre Schemata sind aufgebrochen, nicht selten unter dem Zwang der Zwängenden, haben Raum geschaffen für (Selbst-)Verwirklichung und kulturelles Experimentieren. Das Schwarz-Weiss-Denken wich zusehends einer differenzierten Sichtweise. Zuerst einer in Grautönen, dann einer in Vollfarbe. Full HD.

Und, zugegeben: Etwas älter sind die Ur-Urschreier auch geworden; für viele von ihnen gilt, was Helmut Engler von Pur singt und was auch der Schreibende nicht von der Hand weisen kann: «Ein graues Haar, wieder geht ein Jahr.»

Ein Rückblick lohnt sich auf die Zeit, in der die Zeit noch nicht das Luxusgut war, das sie heute ist, in der es aber einiges an Kraft und Überzeugung brauchte, um gegen den Strom der Zeit zu schwimmen.

Der erste Urschrei am Dino-Fest

Frick, 1986. Die Zentrumsgemeinde feiert mit einem grossen Dorffest ihre Dorfheiligen, pardon: ihre Dorf-Ur-Vorfahren, die Dinosaurier. Mit dem Gewinn aus dem Fest konnte 1991 das Sauriermuseum eröffnet werden. «Es gab damals auf dem Land noch nicht sehr viele Angebote für Junge», erinnert sich Cornelia Brennwald, besser bekannt als «Flumi». Sie lacht. Herzlich. «Ich hatte damals eine Frisur wie ein Flumer», erzählt sie. Das gab ihr den Spitznamen – und der blieb, wie ein Haar in der Bürste, an ihr hängen.

Mit dem Abstauben nahm es die Handvoll junger Frauen und Männer, die sich zusammentaten, um etwas für Junge auf die Beine zu stellen, wohl nicht so genau, wer weiss das nach so vielen Jahren noch so genau. Dafür staubten sie mit einer Idee gehörig ab: Sie gründeten – passend zum damals wie heute grassierenden Dino-Fieber in Frick – den Urschrei und führten am Dino-Fest eine Beiz mit Livemusik. Schon damals war den Machern klar: Das ist der Startschuss zu etwas Grösserem, zu einem Urschrei, der weit über die Region hinaus gehört werden sollte.

Dieses Grössere war das Open Air Urschrei. 1987 sollte die erste Ausgabe im Guul, einem wunderschönen Flecken Erde hinter den vier Gleisen, über die Bühne gehen; sie fiel buchstäblich ins Wasser. «Dank einer Versicherung gingen die Urschreier nicht leer aus», weiss Brennwald, die damals noch nicht dabei war, aus den Erzählungen. Sie schmunzelt. «Eine solche Versicherung würde heute kein Institut mehr abschliessen.»

Open Air mit Abwaschstrasse

1988 klappte es dann. «Der Urschrei war eines der ersten Open Airs in der ganzen Nordwestschweiz», sagt Brennwald. «Der Urschrei leistete Pionierarbeit.» Eine nachhaltige obendrein, denn die Open-Air-Macher schrieben sich Ökologie ganz oben auf die Fahne. Oder besser: aufs Geschirr. Man richtete im Guul eine Abwaschstrasse ein, verlegte dafür jedes Mal viele Meter Kanalisation.

«Wir waren die Ersten, die mit echtem Geschirr arbeiteten», erzählt Brennwald. Sie sollten die Einzigen bleiben: Nach dem letzten Urschrei-Open-Air, 1997, behielt man das Geschirr noch lange, «weil wir daran glaubten, dass es andere Open-Airs ausleihen würden.» Angefragt hat nie jemand.

Es sei eine Super-Zeit gewesen, blickt Conrelia Brennwald, die mit ihrer Familie 1993 von Basel ins Fricktal zog und im Urschrei ihr neues soziales Netz, ihre zweite Familie fand, auf die Open-Air-Zeit zurück. Eine intensive auch, denn gut zwei Wochen vor dem Open Air hiess es für die Urschreier jeweils: ab ins Guul, aufbauen.

«Wir hatten so zwei Wochen Aktivferien», meint Brennwald schmunzelnd. Der Lohn war: «Gute Musik, schöne Begegnungen, neue Freundschaften und eine Festgemeinde von 3000 bis 4000 Leuten». Das Open Air legten die Macher bewusst breit an, jeder sollte im Guul auf seine Rechnung kommen. Von World Music bis Jazz reichte das Spekturm; von Stop the Shoppers über Michel Besson bis Gigi Moto hiessen die Acts. Ein breites Rahmenprogramm gehörte ebenso dazu wie ein Kinderprogramm, Schlammbäder – und eine Zeltstadt, die für viele gerade den Reiz eines Open Airs ausmacht.

Das Aus kam 1997 – und es kam gewollt: Denn im Jahr darauf, 1998, wollte der Urschrei sein Kulturhaus an der Geissgasse eröffnen. «Ein Kulturhaus und ein Open Aair – das konnten und wollten wir nicht beides stemmen», erzählt Brennwald.

Loslassen, um Neues zu bauen

Etwas loslassen, um etwas Neues zu ermöglichen. Im Fall der Kulturvereinigung Urschrei ging es zu 100 Prozent auf. Das einstige, grün-links-autonome Kulturmekka mutierte im Laufe der Jahre zum breit anerkannten Kultur- und Genusstempel. Zugegeben, den alternativen Touch hat das Meck bis heute; doch längst sind die Schwellenängste, mit denen viele Fricker dem ach so Anderen lange Zeit begegnet sind, abgebaut. Im Meck, der Urschrei-Zentrale, finden afroafrikanische Abende ebenso statt wie Lesungen gesetzter Literaten. Hier werden Sonnwenden ebenso gefeiert wie 80. Geburtstage.

Der Urschrei ist erwachsen geworden – und trotzdem (oder gerade deswegen) jung geblieben. Zum Glück. Inzwischen hat sich die basisdemokratische Bewegung von einst Strukturen gegeben, sprich: Der Urschrei brüllt heute als Verein mit Vorstand. «Das hat durchaus Vorzüge», sagt Brennwald. «Jetzt muss nicht mehr jede Kleinigkeit von einer Mitglieder-Vollversammlung abgesegnet werden.» Rund 80 Aktivmitglieder zählt der Verein derzeit; «es dürften gerne noch etwas mehr sein», so Brennwald.

Die neuen Strukturen lassen den Urschrei etwas weniger laut tönen, zumindest politisch. «In den ersten Jahren gehörten politische Statements klar dazu», sagt Brennwald. Peace, Freiheit, Selbstbestimmung. «Als Verein ist es heikler, sich politisch zu äussern.» Der Kulturverein sei keine politische Partei, so Brennwald, «und trotzdem setzen wir uns klar für Humanität und den grünen Gedanken ein».

Drei Generationen Urschrei

Wie im Leben, gehört auch der Nachwuchs zum Erwachsenwerden hinzu. Heute ist der Urschrei ein Multi-Generationenprojekt, aktuell wirken drei Generationen Urschreier mit: Die Gründer (sie sind zwischen 40 und 60), die Tonspione (um die 30) und, als jüngstes Kind, Meckamdo (um die 20). «Alle zehn Jahre ist eine neue Generation dazugekommen», bilanziert Brennwald. «Das sorgt für Leben und hält jung.» Sie lacht. «Heute gelten wir Urschreier der ersten Stunde als die Urzeitlichen.»

Manchmal taucht Brennwald ab, in die Welt der Erinnerungen, ins Jahr 1994, als Jellybeans im Guul auftrat. Oder in den Sommer 1996, als Gigi Moto in Frick spielten. «Es war eine lässige Zeit», sagt Brennwald. «Heute geniesse ich es aber auch, nur Gast an einem Open Air zu sein.»

«Lässig» war die Ausgabe 1996, fürwahr. In diesem Jahr spielten auch Züri West in Frick. Es war das letzte Open Air, das ich im Guul miterlebt habe. Als wir die paar Höhenmeter überwunden hatten, cool rauchend, wie sich das gehörte, und auf die junge Frau am doch recht wackelig wirkenden «Kassenhäuschen» zugingen, schüttelte diese ungläubig den Kopf.

Etwas irritiert begutachtete ich mich, sah meine Begleiterin an, stellte kein Fehl-Outfit oder sonstige Abnormitäten fest, ging festen Schrittes auf die junge Frau zu, die den Kopf immer noch rhythmisch hin- und her bewegte. Ich wollte schon etwas sagen, doch sie kam mir zuvor, zeigte auf eine Gruppe Leute, die gerade von dannen zog, schüttelte den Kopf noch etwas kräftiger. «Jetzt tritt dann Züri West auf. Und die gehen einfach.» – «Unglaublich», sagte ich, zahlte, setzte mich an den Hang, lehnte mich zurück und wartete darauf, dass mir jemand das Herz schenkt. Rein musikalisch.

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Autor

Thomas Wehrli

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