Kolumne
Der Tscholi vom Dienst: Warum geht ein Schulleiter?

Christoph Grenacher über einen Job, den es früher weder gab noch brauchte.

Christoph Grenacher
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Früber gab es einmal im Jahr einen Besuch des Schulinspektors, aber keinen Schulleiter. (Symbolbild)

Früber gab es einmal im Jahr einen Besuch des Schulinspektors, aber keinen Schulleiter. (Symbolbild)

Pixabay

Sehen Sie es einem Bald-Pensionär (was sich derselbige aber weder leisten noch davon profitieren möchte, weil er findet, mit 65 Jahren habe das Leben dann noch etwas mehr zu bieten als bloss die AHV – aber das wäre dann wieder ein anderes kolumnenfüllendes Thema)

also, sehen Sie es einem schon längst dem Schul- und Studier- und Elternalter Entwachsenen nach (man nennt diese meine Generation ja auch Golden Silver, was wahrscheinlich bedeutet, dass wir Silberhäupter von der nachrückenden Generation vergoldet, sprich ausgehalten werden – aber auch das wäre ein eigenes Thema, vielleicht ein andermal) also gestehen Sie mir zu, mich heute zu einem Thema zu äussern, das der Schreibende nur vom Hörensagen und Lesenwollen kennt:

Es geht um die Schulleiter.

Der Autor

Christoph Grenacher leitete verschiedene Medientitel. Heute ist er Inhaber der Kommunikationsagentur Mediaform. Er lebt im Kaister Ortsteil Ittenthal und in Zürich.

Damit, um gleich dieses Missverständnis zu klären, geht es nicht um ein Werkzeug in den Klassenzimmern, das es den Lehrpersonen ermöglichen soll, wie die Affen in die Bäume zu steigen, wenn die Zoobesucher alias Schüler mal wieder nur dumm gucken statt mitzutun.

Schulleiter ist nämlich ein veritabler Beruf, der Schulleiter ist also einer, wie es das Wort vermuten lässt, der die Schule leitet. Eine Schule besteht ja aus vielen Klassen, so wie das früher auch auf dem Hof so üblich war, mit einer Herde und einem Hirten. Das reichte dem Bauern völlig, er wusste sein Vieh in guter Gesellschaft, und sollte mal die Elsy über den Hag fressen oder die Karoline mit der Susi zicken, gabs eins auf die Hörner.

So wie früher also der Hirte die Herde gehütet hat, so leitet heutzutage dieser Schulleiter also offenbar ein Schulhaus, ist aber dort nicht nur quasi Chef vom Abwart und damit zuständig, dass immer aufgeräumt, gut gelüftet und falls nötig geheizt wird. Nein, er schmeisst den ganzen Betrieb in der Bude, ist also quasi der Experte, der für die pädagogische Qualität verantwortlich ist, der Spezialist für die Budgetplanung (Badi, Schulreise, Skilager etc.), kennt sich aus im Einkauf von Wandtafeln, Schulbänken, Computern und Backwaren für den Elterntag und steht auch vor die Schulpflege, den Gemeinderat, die Medien oder den schulpsychologischen Dienst, wenn die Buebe-Gang Chilerai am Mühliweiher mal wieder kleine Mädchen ins Wasser gemobbt hat.

Wir wissen nun also, dass der Schulleiter allerhand Aufgaben erledigen muss, so zwischen den Ferien, er muss ganz schön belastbar sein wie die Adduktoren von Neymar-Bändiger Valon Behrami oder das Knie unseres Nati-Strategen Xhaka, ja, er muss so hart sein wie Granit in seiner Linie, muss kuschelweich sein im Umgang mit seinem Personal, ein ausgebuffter schlauer Fuchs, ein Kraftwürfel dazu, ein Superman (wobei es gendermässig voll antizipiert durchaus auch Schulleiterinnen also Superwomen sein können, woraus wir schliessen, dass auf dieses Geschlecht das Attribut «schwach» nun wirklich nicht mehr zutrifft).

Das sind also Superkerlis oder Supergirls, diese SchulleiterInnen, und wenn ich so in die Zeitung schaue, dann lese ich auch immer wieder von ihnen.

In Möhlin, beispielsweise, in Möhlin ziehen sie neuerdings die Dorffahne vom Halbmast wieder ganz hoch, wenn ein Schulleiter sein Amt angetreten hat. Ein paar Tage später steht die Flagge korrekt unterkant auf Mastmitte – weil der Schulleiter seinen Job schon wieder quittiert hat und die Suche nach einem neuen Kraftwürfel wieder von vorne beginnt. Das geht so ungefähr gefühlt seit gut fünf Jahren so, dort, im Dorf, das fast nie mehr aufhört, wenn man sich einmal anschickt, es zu durchfahren.

Nun, siehe ganz oben, erschliesst sich mir als mässig involviertem Zeitgenosse nicht ganz die Problematik, die hinter der regen Fluktuation auf diesen Jobs steht.

Zu meiner Zeit jedenfalls gabs diesen Beruf noch nicht, es gab lediglich gute und schlechte Lehrer und eine artige Schülerschar (okay, Göggi selig, die Sache mit den signalorange gespritzten Chüngel vom Schmid war schon etwas grenzwertig...), im Turnus irgendwelche Rektoren, ein Besuchstag und einmal jährlich eine Visite durch den Schulinspektor.

Tempi passati – und ich behaupte schon gar nicht, dass damals alles besser war. Es gibt ja heutzutage auch immer mehr Menschen auf dieser Welt und die müssen ja auch etwas zu tun haben: Also gibt’s jetzt halt die Schulleiter, weil die Bestellung der Schulhefte oder der Kreide und die Organisation der Altpapiersammlung und das Schullager und die Anstellung neuer Lehrer sogenannt professionalisiert wurde. Das heisst: Das, was früher alle gemeinschaftlich entschieden und dann paritätisch bestimmten, wer dieses Aufgäbli und jenen Job erledigen muss, das ist Schnee von gestern, Schule 1.0, vom letzten Jahrhundert.

Heute mit Schule 2.0 macht das, ich mutmasse mal, grösstenteils der Schulleiter, weil Herr Lehrer und Frau Lehrerin schon so ungemein damit beschäftigt sind, sich an die neuen Schulpläne anzupassen, mit der Legasthenielehrerin grad noch die neusten Fortschritte beim Kevin besprechen müssen oder der Polizei erklären, wieso der schulpsychologische Dienst mit der Betreuung von Liam völlig überfordert sei und der Goof dringend einer spezialisierten ambulatorischen Tagesstätte zuzuweisen sei. Oder man lobpreist im Kollegenkreis die Vorteile des integrativen Unterrichtes und fixt für Sofia nun endlich den überfälligen Termin in der Psychomotorik-Therapiestelle.

Das ist, zugegeben, schon ein bitzli viel, wenn dann noch dazukommt, dass man den Klassenschülern ja noch Lehr- und Lernstoff vermitteln müsste, den bevorstehenden Elternabend vorbereiten, sich mit den Kolleginnen und Kollegen in der Pause austauschen möchte und in dieser Reparaturwerkstätte namens Schule noch dafür verantwortlich ist, dass die Goofen richtig erzogen werden, weil zu Hause dafür weder Mami noch Papi zuständig wären, sondern höchstens mit dem Leasing-Chlapf die Kinder vom Unterricht zurück ins Tollhaus Familienstall chauffieren. Soll noch einer behaupten, da bleibe Zeit für Bestellungen, Buchhaltung und ähnlichem administrativem Krimskrams.

Dafür und drum also gibts den Schulleiter. Der muss dann auch noch allen Bedürfnissen gerecht werden, muss mit den Lehrerinnen und Lehrern klarkommen und sie beurteilen, führt Standortgespräche, vereinbart Ziele und macht gut Wetter bei der Schulpflege.

Und wenn das den 25 Lehrerinnen und Lehrern nicht mehr passt, so wie neulich in Kaisten?

Dann quittiert der Schulleiter zehn Monate nach Stellenantritt aufgrund «unterschiedlicher Auffassungen in Bezug auf die Ausübung der Funktion einer Schulleitung» den Job.

Und man sucht einen neuen Superkerli.

PS: In Möhlin steht die Flagge noch immer auf Halbmast.