Zwei bis drei Mal im Monat flattert eine Anfrage herein. Ein Arzttermin, ein Vorsprechen beim Migrationsamt, ein Elterngespräch. Shahid Iqbal (30) aus Stein wird immer dann zugezogen, wenn seine Künste als Brückenbauer gefragt sind. Er ist interkultureller Dolmetscher. Als solcher übersetzt er Gespräche für Migranten aus dem Deutschen in Urdu, Panjabi oder Hindi.

«Die Aufgabe macht mir enormen Spass», sagt Iqbal. «Einerseits kann ich den Leuten helfen. Andererseits kann ich ihnen zeigen, was in der Schweiz mit Motivation und Wille alles möglich ist.» 

Er nennt sich mit einem Lächeln als positives Beispiel für Integration. Geboren wurde Iqbal in Pakistan. Mit seinen Eltern kam er mit 7 Jahren, 1992, in die Schweiz. Heute arbeitet er bei der Baloise als Versicherungsfachberater im Aussendienst und studiert nebenbei Betriebswissenschaften.

Iqbal ist verheiratet, wohnt mit seiner Frau und den drei Kindern in Stein. «Die Schweiz bietet viele gute Möglichkeiten – wenn man sie versteht», sagt Iqbal.

Übersetzen und erklären

Für das Verstehen ist auch er zuständig. Seine Aufgabe ist es, die Aussagen vollständig, sinngenau und möglichst wortgetreu weiterzugeben – sei es von Fachperson zu Klient oder umgekehrt.

Aber: Zum interkulturellen Dolmetschen gehört mehr als die reine Übersetzung. «Migranten kennen die Vorgänge in der Schweiz oftmals nur schlecht», sagt Iqbal. Etwa das Sozial- oder das Bildungswesen. Deshalb hat er auch die Aufgabe zu erklären.

Und er will bei den Migranten Verständnis für die Schweiz schaffen, ihnen die Werte der Schweiz näherbringen. Etwa die Selbstverantwortung. Er versuche, den Migranten mitzugeben, was für ihn Integration heisse.

Den Spagat zwischen der alten und neuen Heimat zu meistern, in dem man das Beste beider Welten miteinander verbindet. «Integration bedeutet nicht etwa Selbstaufgabe, sondern respektieren und pflegen der hiesigen Werte und Traditionen. Ich bin überzeugt, ein kleines Geschenk zu Weihnachten für die Nachbarn und eine Einladung für sie zum Fest am Ende des Fastenmonats Ramadan würden das gegenseitige Verständnis fördern», sagt Shahid Iqbal.

Dolmetscher und Privatperson

Shahid Iqbal selber ist gläubiger Muslim, betet täglich, fastet, trinkt keinen Alkohol und isst kein Schweinefleisch. «Ich hatte deswegen noch nie ein Problem mit irgendjemandem», sagt Iqbal.

Das schreibt er seiner eigenen Offenheit, aber auch jener der Schweizer zu. Denn viele Vorurteile würden sich im direkten Kontakt auflösen. «Ich sage immer wieder zu Frauen, dass sie ihr Kopftuch ruhig tragen sollen. Dass ihnen das niemand böse nimmt, wenn sie zu ihrer religiösen Überzeugung stehen», sagt Iqbal.

Wichtig ist Shahid Iqbal nicht nur, dass seine Gesprächspartner sich verstehen. Er will seine Rolle als Dolmetscher auch genau definiert wissen. Ein privater Kontakt zwischen Migrant und Dolmetscher etwa gibt es nicht, auch wenn sich viele Migranten das wünschen würden. «Ich bin da und übersetze. Danach bin ich wieder Privatperson», so Iqbal.

Er versucht, die Gespräche möglichst ohne Gefühle zu bewältigen, wie ein Computer mit Übersetzungsfunktion. Das ist nicht immer ganz einfach. Spricht er sonst schnell und beendet seine Sätze mit einem Lächeln, so wird Shahid Iqbals Stimme bei einer Geschichte plötzlich etwas leiser, ist das Lächeln weg.

Schicksale und Gefühle

Ein Arztgespräch bei einem Psychologen sei es gewesen, erzählt Iqbal. Der Migrant hatte zuvor versucht, sich umzubringen. Das Gespräch hat Iqbal mitgenommen, ihm einige schlaflose Nächte beschert.

Noch Wochen später wachte er mitten in der Nacht auf und hatte das Gesicht des Migranten vor sich. «Ich bin eben kein Computer, sondern ein Mensch», sagt Iqbal.

Merkt er heute, dass ihn ein Gespräch zu sehr berührt hat, geht er joggen. 15 Minuten im Vollsprint. Dann sind die Gefühle weg, ist der Kopf leer. Reicht das nicht, stehen ihm Ansprechpersonen bei den Vermittlungsstellen zur Verfügung oder andere Dolmetscher, die Ähnliches erlebt haben.

«Mittlerweile kann ich das meiste gut verarbeiten», sagt Iqbal. Manchmal aber, in einer ruhigen Minute, denkt er wieder zurück an seine schwierigen Fälle. Fragt sich, was aus ihnen geworden ist.

Aber auch in seinen schwierigsten Momenten denkt Shahid Iqbal nicht daran, das Dolmetschen aufzugeben. «Ich habe zu viel Spass dabei», sagt er und das Lächeln ist zurück. «Ich will die tollen Eigenschaften der Schweiz weitergeben.»

Und er will gegenseitiges Verständnis schaffen. «Jeder kleine Beitrag hilft weiter», ist Iqbal überzeugt.