Hinter der Tür von Zimmer Nummer drei wohnen jetzt Yvonne und Josef Späni. Links ist ein langer Schrank in die Wand eingelassen, rechts das Badezimmer und geradeaus eine Fensterfront mit fast blickdichtem, weissem Vorhang, der bis zum Boden reicht.

Rechts stehen zwei Betten, in der einen Ecke eine hohe Kommode, darauf platziert ein Fernseher, in der anderen ein Tischchen, daneben ein beigefarbener Sessel. Darin sitzt Josef Späni und blättert in einer Zeitung.

Seine Frau, Yvonne, sitzt neben ihm auf dem Bettrand. Konzentriert schaut sie nach unten auf ihre Hände. Darin liegt ein abgegriffenes Buch mit dem Titel «Nachtschwester Daniela». Auf dem Nachttischchen neben ihr blinkt eine digitale Uhr. Es ist 9.30 Uhr.

Seit vier Wochen wohnen Herr und Frau Späni an dem Ort, wo sie den letzten Abschnitt ihres Lebens verbringen werden.

Die Quadratmeter, auf denen ihr Hab und Gut verteilt ist, haben sich von einem Tag auf den anderen um ein Vielfaches verkleinert. Vorher wohnten sie in einer Eigentumswohnung auf 90 Quadratmetern. Jetzt auf 30 Quadratmetern ohne Balkon, ohne Sofa, ohne Wohnzimmer.

Mit dem Umzug ins Alterszentrum verkleinert sich nicht nur der Wohnraum, auch die Einrichtung verringert sich auf ein Minimum.

Von vielem Vertrautem, das einem in all den Jahren so lieb geworden ist, das Bestandteil der eigenen Persönlichkeit war, muss man sich trennen.

Bereits 2005 hat sich das Ehepaar Späni für das Alterszentrum angemeldet. Josef Späni sagt, er habe mit seiner Frau schon früh darüber gesprochen, was sie beim Umzug zurücklassen wollten.

Er zeigt auf die Kommode mit dem Fernseher darauf und sagt: «Dieses Möbelstück ist ein Teil einer ganzen Kombination.» Als er damals eine neue Wohnwand brauchte, habe er diese ausgelesen, weil er wusste, dass er sie beim Umzug ins Alterszentrum auseinander nehmen könne.

«Herr Späni, Sie klingen sehr gefasst und pragmatisch. Bereitet es Ihnen gar keine Mühe, hier im Alterszentrum zu sein?»

«Nein, das ist doch normal. Als ich mit 70 nach Oberfrick zog, sagte ich zu Yvonne: «Hier können wir noch zehn Jahre lang wohnen, dann gehen wir ins Alterszentrum.» Aus den zehn wurden schliesslich 19 Jahre. Dafür bin ich dankbar. Und jetzt ist es, wie es ist.»

Nach der Pensionierung von Josef Späni wollte das Ehepaar sein Haus in Sissach aufgeben und dachte sich: «Wenn wir schon umziehen, dann in die Nähe unserer Kinder.»

In Oberfrick, nur wenige Autominuten von einem ihrer fünf Kinder, Ruth Salzmann, entfernt, wurden sie fündig. Dort lebten sie ohne grössere Sorgen, Bis Yvonne Späni krank wurde und ins Spital musste. Wieder zu Hause wurde ihre anfänglich leichte Demenz zu einem immer grösseren Problem.

Josef Späni faltet die Zeitung und legt sie beiseite. Langsam rutscht er bis zur vorderen Kante des Sessels, stemmt sich dann mit beiden Armen mühsam auf und greift nach der Stuhllehne. Er zieht den Stuhl zu sich hin und lässt sich vorsichtig auf das Polster sinken.

Spänis Geist ist glasklar, nur sein Körper will nicht mehr so wie früher. «Es ist ganz in Ordnung hier. Aber so richtig eingelebt habe ich mich noch nicht», sagt er. Das brauche seine Zeit.

Während er spricht, blättert seine Frau eine Seite in ihrem Buch um und wirft einen kurzen Blick auf die Uhr. 10.15 Uhr.

«Bald ist es Mittagszeit», sagt sie. Das Sprechen fällt ihr sehr schwer und sie ärgert sich, dass die Worte nicht so aus ihrem Mund kommen, wie sie es will. Sie zuckt mit den Schultern und lächelt verlegen, widmet sich wieder ihrem Buch und flüstert die gelesenen Sätze leise vor sich hin.

Eine seiner frühsten Kindheitserinnerung ist, als Späni mit drei Jahren von Horgen nach Wollishofen umziehen musste, weil sein Vater eine Arbeitsstelle in der damaligen Seidenweberei in der roten Fabrik annahm.

Späni hatte sich eine starke Lungenentzündung eingefangen und musste mit dem Krankenwagen in die neue Wohnung nach Wollishofen transportiert werden.

«Ich lag auf dieser Liege und meine Mutter stand irgendwo rechts hinter mir.» Wie der Vater zog es auch den Sohn in die Textilbranche.

In Europa tobte der Zweite Weltkrieg, als Späni eine KV-Lehre begann. Auf die Rekrutenschule 1944 folgte ein Jahr, in dem sich Militär und Arbeit abwechselten. Einmal musste Späni die Schweizer Grenze gegen Italien verteidigen, danach arbeitete er in La Chaux-de-Fonds in einer Filiale des Schuhladens Bata, bevor er wieder ins Militär einrücken musste.

Als er nach vier Monaten in die Westschweiz zurückkehrte, versetzte man ihn ins aargauische Möhlin, wo er auf dem Bata-Areal arbeiten sollte.

Er erinnert sich, dass ihm das zunächst missfiel. Als er aber in Möhlin in den Kirchenchor eintrat und dort Yvonne, seine zukünftige Frau kennenlernte, gefiel ihm sein neuer Arbeitsort doch ganz gut. Vor seiner Pensionierung arbeitete er 32 Jahre in der Textilfabrik Hanro.

Ein Stockwerk tiefer, in der Cafeteria sitzt Ruth Salzmann. Die Tochter des Ehepaars Späni ist die zweitjüngste unter ihren zwei Brüdern und den zwei Schwestern. Eine dünne silberne Brille auf der Nase, dahinter blaue Augen.

Eine schlanke Frau mit ruhigem Blick. Da sie nur wenige Meter neben dem Alterszentrum an der Musikschule in Frick als Blockflötenlehrerin unterrichtet, kommt sie oft in ihrer Kaffeepause auf einen kurzen Besuch vorbei.

Sie sagt, dass es lange sehr gut ging mit ihren Eltern in der eigenen Wohnung. «Sie ergänzten sich. Was der eine nicht schaffte, konnte die andere.»

Ihre Mutter sei auch mit 95 Jahren noch sehr mobil. Lange habe sie zu Hause selber gekocht, bis sie eines Tages vergass, wie viel Salz es für die Speisen braucht. Ihr Vater habe da aber gut aushelfen können.

Und so waren sie ein gutes Team, die Zwei. Er der Kopf, sie der Körper. Und so habe man vorzu geschaut, wie lange sie es zu Hause noch alleine schaffen.

Gedrängt habe sie ihre Eltern nie, so Salzmann. Ihre Mutter ging gerne spazieren, der Vater fuhr bis vor kurzem noch Auto. «Ich musste mit dem Gedanken, dass vielleicht einmal etwas passiert, leben.»

Den Eltern ihre Freiheiten zu lassen, sei ihr lieber gewesen, als sie zu bevormunden. «Den Wunsch, dass sie so lange wie möglich in ihrer eigenen Wohnung leben möchten, habe ich unterstützt», sagt Salzmann.

Yvonne Späni wird langsam ungeduldig. Sie schaut alle paar Sekunden auf die Uhr. «Es ist schon 11 Uhr. Wir müssen los», sagt sie.

«Ja, gleich», antwortet JosefSpäni und seine Frau scheint für einen Moment besänftigt. Er schaut sie an, wie sie dort sitzt und liest. Sie, die er vor 64 Jahren geheiratet hat. Früher habe sie immer gerne Kinder um sich herum gehabt.

Schon als Jugendliche hat sie die Nachbarskinder gehütet. Sie arbeitete als Schneiderin. Später konnte sie in einer Anstalt für behinderte Kinder arbeiten.

Als gelernte Schneiderin konnte sie einerseits Kleider nähen, habe aber auch im Haushalt und in der Betreuung der Kinder mitgeholfen. Nach der Heirat hat sie dann vor allem zu Hause gearbeitet.

Späni sagt, sie habe die Kleider von allen fünf Kindern in den ersten Jahren immer selbst genäht. «Und auch gesungen hat sie gerne.» Seit die Spänis im Alterszentrum wohnen, habe sie schon ein paarmal am Singnachmittag teilgenommen.

«Und Sie? Sie haben doch früher auch gerne gesungen?»

«Ach, nein. Ich mag mich hier nicht so an den Aktivitäten beteiligen.»

«Wieso nicht?»

«Ich habe die Tendenz zum Eigenbrötler. Lese gerne Zeitung, löse Kreuzworträtsel. Und warum muss ich etwas tun, das mir nicht zusagt?»

Yvonne Späni klappt das Buch zu, legt es beiseite und steht auf. Ein trüber Schleier liegt auf ihren Augen, der Blick ist verträumt, die Bewegungen ihres Körpers aber umso kräftiger.

«Jetzt müssen wir aber los», sagt sie und zeigt auf die Uhr, die 11.15 Uhr anzeigt. In einer halben Stunde gibt es Mittagessen und sie will nicht in den Stau der Rollatoren vor dem Aufzug geraten.

Josef Späni hat keine Angst vor dem Tod, nur vor dem Sterben fürchtet er sich. Mit seiner Frau rede er oft darüber, sagt er. Er hofft, dass es für sie beide nicht mehr allzu lange geht.

Yvonne Späni steht auf, ihr Mann tut es ihr gleich, nur viel langsamer. Sie rollt voraus, er hinter ihr her.

Josef Späni löscht das Licht, schliesst die Tür seiner neuen Bleibe und reiht sich ein in den Strom von alten Menschen, die sich auf ihren Rollatoren durch die Gänge schieben.