Harte Arbeit
Der Schafscherer weiss: Mit der richtigen Technik bleiben die Tiere ruhig

Daniele Bolognese aus Oberzeihen schert seit 30 Jahren im ganzen Land Schafe. Er weiss: Ist ein Schaf gut genährt, hat aber einen leeren Magen und schwitzt etwas, dann geht das Scheren am besten.

Jean-Marc Felix
Drucken
Das Schaf lässt das Scheren geduldig über sich ergehen.
8 Bilder
Daniele Bolognese nimmt ein 70 kg schweres Schaf zum Scheren vom Schurstand.
Die ungeschorenen Schafe warten auf der Weide auf ihren «Coiffeur-Termin».
Geschorene Schafe in der Koppel, bevor sie wieder auf die Weide dürfen.
Das Schaf lässt das Scheren geduldig über sich ergehen.
Schafscherer Remo Ackermann ruht sich vor dem nächsten «Run» kurz aus.
Jakob Maurer packt die Schur in sogenannte«Big Bags».
Daniele Bolognese schert seit 30 Jahren Schafe

Das Schaf lässt das Scheren geduldig über sich ergehen.

Jean-Marc Felix

«Heute Abend brauche ich sicher kein Fitnesstraining», meint Daniele Bolognese, während er gekonnt ein rund 70 Kilogramm schweres Suffolk-Schaf von seiner dicken Wolle befreit. Gut 100 Tiere kommen an diesem Tag unter seine elektrische Schere. Drei, vier Minuten dauert dieser «Coiffeur-Termin», dann trottet das Schaf zurück zu seinen Kollegen, die in einer Koppel warten, bis die ganze Gruppe durch ist.

Daniele Bolognese aus Oberzeihen schert seit 30 Jahren Schafe, seit gut fünf Jahren professionell. Unterwegs ist er im Aargau, in angrenzenden Kantonen, aber auch in anderen Regionen der Schweiz bis ins Berner Oberland. Im Frühling ist er während zweier Monate wochenweise am Scheren, im Herbst vielleicht während eines Monats.

Dazu führt er seinen eigenen Hof mit Schafen und Hühnern und bildet Schäfer- oder Hütehunde aus. Die Aufgabe mit den Border Collies erfüllt ihn ganz besonders. Bis vor kurzem nahm er als Mitglied der «Swiss Sheep Dog Society» auch an Arbeitsprüfungen teil. Die Hunde helfen ihm aber vor allem bei seiner täglichen Arbeit mit den Schafen.

Nachwuchs fehlt in der Schweiz

Bolognese ist mit 53 Jahren ein älteres Semester in der Szene. Er fühlt sich noch äusserst fit und will so lange wie möglich weitermachen. In der Schweiz mangelt es an Schafscherer-Nachwuchs, deshalb kommen während der Saison Arbeitskräfte aus Grossbritannien, Irland und sogar aus Neuseeland nach Europa.

«Arbeit gibt es genug. Ich freue mich jedes Mal sehr auf meine Einsätze», sagt Bolognese. «Es braucht schon Kraft, aber Technik und Erfahrung sind ebenso wichtig. Wenn man das Tier richtig anfasst, fühlt es sich sicher und bleibt ruhig. So ergibt sich auch das schönste Schurbild mit einem regelmässigen Schnitt. Am besten geht es, wenn das Schaf gut genährt ist, aber einen leeren Magen hat und etwas schwitzt», fährt er fort, «dann läufts wie geschmiert.»

An diesem Tag ist Bolognese in Gontenschwil auf dem Hof «Im Bogen» von Jürg Haller. Er arbeitet, wie oft bei grösseren Aufträgen, Seite an Seite mit Remo Ackermann (28) aus Aarau. Zu zweit scheren sie an diesem sonnigen Frühlingstag Hallers 208 Schafe. Sie fangen um 8 Uhr morgens an und lassen fast zwölf Stunden später das letzte geschorene Schaf auf die Weide zurück.

300 Kilogramm Schafwolle haben sie dann gewonnen und fein säuberlich in 17 sogenannte «Big Bags» abgefüllt. Längere Pausen – ausser zum Mittagessen – liegen bei diesem Pensum nicht drin. Nach einem zweistündigen «Run» kurz das Schermesser wechseln, etwas trinken, und weiter gehts.

Die Wolle wird ein paar Tage später zur Weiterverarbeitung abgeholt. Am wertvollsten ist das Vlies von der Flanke des Tieres, das einen Drittel des Schnittes ausmacht. Es wird in verarbeiteter Form vor allem in der Textilindustrie verwendet.

Der Rest ist minderwertig und eignet sich sehr gut für Isolationsware im Baugewerbe. Jürg Haller stellt erfreut fest, dass die Nachfrage nach Schafwolle in den letzten Jahren zugenommen hat.

Rund 420 000 Schafe werden in der Schweiz gehalten, und gemäss dem Tierschutzgesetz muss jedes Tier mindestens einmal jährlich geschoren werden. Da kommen schon ein paar Tonnen Schafwolle zusammen. «Die Verarbeitung ist sehr aufwendig», fährt Jürg Haller fort.

«Die Wolle muss aus Umweltschutzgründen zum Beispiel im Ausland gewaschen werden. Aber Ende Mai oder Anfang Juni, je nach Wetter, kommen meine Schafe für 100 Tage im Kanton Uri auf die Alp. Da hätten sie ungeschoren zu heiss, und die Gefahr etwa eines Parasitenbefalls wäre viel zu gross.»

Aktuelle Nachrichten