Einwanderer

«Der richtige Entscheid»: Wie Familie Helm aus Bayern ins Fricktal zog

Die Dreharbeiten «waren eine spannende Erfahrung, total witzig auch»: Sonja und Christian Helm mit Christoph (links) und Vivian.

Die Dreharbeiten «waren eine spannende Erfahrung, total witzig auch»: Sonja und Christian Helm mit Christoph (links) und Vivian.

Die vierköpfige Familie Helm ist vor einem Jahr in die Schweiz eingewandert. Ihre Geschichte kommt nun am Fernsehen in der SRF-Serie «Grüezi Schweiz – die Einwanderer». Darin zu sehen ist, dass ihnen der Entscheid keineswegs leicht fiel.

Christian Helm, 35, ist noch immer «extrem schockiert», dass sie es getan haben. «Haben wir da wirklich mitgemacht?», fragt er seine Frau Sonja, 28, im Esszimmer der vor fünf Wochen bezogenen Eigentumswohnung in Frick. Eine Antwort braucht er nicht, denn er weiss so gut wie sie: Ja, wir haben es getan!

Was ihn schockiert, ist nicht etwa, dass sie eine Wohnung gekauft haben («das passt»). Und es ist auch nicht der Umzug der Familie vor einem Jahr aus Germering, einem 34 000-Seelen-Vorort von München, ins Fricktal, der ihm ein «oh Gott, oh Gott» entlockt; dieser Neuanfang, den sie zu viert gewagt haben, dieses Ankommen, das ein Aufbrechen voraussetzt, dieses Einwandern, das ein Loslassen und Zurücklassen bedingt, «war der richtige Entscheid». Kein einfacher, sagt er, sagt sie, ein Entscheid, dem ein langer Weg vorausging, eine Art Gebirgspfad, mit vielen Fragezeichen und noch mehr Unsicherheiten gepflastert. Heute sagen beide: «Wir sind angekommen.»

TV begleitete Familie 13 Monate

Was ihn umtreibt, ist vielmehr die Tatsache, dass die ganze Schweiz ihren Weg ab Freitag jeweils um 21 Uhr im Fernsehen mitverfolgen kann. In «Grüezi Schweiz – Die Einwanderer» erzählen auf SRF 1 vier Familien in einer fünfteiligen Dok-Serie ihren Weg in die Schweiz. Es ist die Geschichte eines Grafikers, der mit seiner Familie aus Genua ins Tessin einwandert, eines Schotten, der als Englischlehrer an die Klosterschule in Disentis kommt, einer Asylbewerberfamilie, die in der Schweiz ihr Glück versucht – und es ist die Geschichte der Familie Helm, die aus Bayern ins Fricktal zügelt, zuerst nach Stein, wo sie ein Jahr lang zur Miete wohnt, dann nach Frick in die eigene Wohnung.

Familie Helm packt: Trailer zur Dok-Sendung vom 5. Juni:

Quelle: SRF

Grüezi Schweiz - Dok Familie Helm

13 Monate lang begleitete SRF-Mann Mitja Rietbrock die Familie, filmte, wie Sonja die Schachteln in der alten Wohnung in Germering packt, wie Christian den Lw belädt, wie den beiden ein Stein – vielmehr: wie ihnen ein Felsbrocken vom Herzen fällt, als der Zollbeamte nichts an der 60-seitigen Packliste zu mäkeln hat («der kleinste Fehler könnte alles in Wanken bringen»), wie Sohn Christoph, 7, seinen ersten Kindergartentag meistert, wie sich Vivian, 2, im neuen Zuhause zurechtfindet.

Der Film zeigt den Einwanderungsalltag von vier Familien, die unterschiedlicher nicht sein könnten, und er tut dies auf eine wohltuend unaufgeregte Art und Weise. Es gelingt den Filmern, eine Nähe zu ihren Protagonisten herzustellen, und das erst ermöglicht starke, weil authentische Szenen. Eine davon ist jene, in der Christian in der alten, inzwischen leer geräumten Wohnung in Germering sitzt, in jenen vier Wänden, die sich die beiden «vom Mund abgespart haben». Nun ist sie verkauft, die Wohnung, an deren Wand ein gelber ADAC-Helikopter auf ihre Berufe hinweist (Christian ist Anästhesiepfleger und Rettungssanitäter, Sonja Pflegefachfrau). Er hätte nicht gedacht, dass ihm der Abschied so schwerfalle, sagt er, sagt es mit bebender Stimme, wischt eine Träne beiseite, mit ihr die trüben Gedanken und fügt schnell hinzu: «Es sind die Menschen und Momente, die Spuren in der Seele hinterlassen.»

Zwischen Hoffen und Bangen

Eine eindrückliche Szene, wie auch jene, in der Sonja keinen Hehl daraus macht, dass sie den Schritt in die Schweiz primär ihrem Mann zuliebe macht und dass sie dabei doch recht viel aufgibt – unter anderem ihren Kaderjob, bei dem sie 45 Mitarbeitende in zwei Pflegeteams führte.

Diese Nahaufnahmen, die der Film bietet, diese Einblicke in das Hoffen und Bangen, in die «Jaaa!»-Momente und die «Das darf nicht wahr sein»-Augenblicke waren nur möglich, weil die Familien den Kameramann nah an sich heranliessen. Christian Helm formuliert es so: «Wir wurden Freunde.» Das spürt man.

Ein Freund der Familie stand auch am Anfang des TV-Abenteuers. Er erzählte Christian und Sonja, dass das Schweizer Fernsehen eine deutsche Familie suche, die in die Schweiz einwandern wolle. Dafür seien sie doch prädestiniert, sie sollten sich melden, was sie nach kurzer Bedenkzeit auch taten. Sie nahmen am Casting teil und «hofften inständig, dass wir nicht gewählt werden». Es kam anders, die Produzenten waren begeistert und wollten sie unbedingt dabei haben. «Schliesslich willigten wir ein; man muss im Leben ja auch einmal etwas wagen.»

Film selber noch nicht gesehen

Das Wagnis, darin sind sich die beiden einig, habe sich «absolut gelohnt». «Es war eine spannende Erfahrung, total witzig auch», sagt Christian und gespannt ist auch er auf das Ergebnis. Denn den Film haben er und seine Frau selber noch nicht gesehen, «das wird eine Überraschung», auch deshalb, weil viele Szenen getrennt gedreht wurden; Christian lebt bereits seit 2012 im Fricktal, seine Frau und die beiden Kinder kamen im Mai 2014 nach (siehe Artikel unten).

«Ich bin gespannt, welche Wünsche und Erwartungen mein Mann im Film äussert», sagt Sonja, und auch darauf, was davon bereits wahr geworden ist. Gespannt sind beide auch darauf, wie das Gesagte wirkt, wie sie sich bewegen, wie sie rüberkommen.

Einen Vorgeschmack erlebten sie letzte Woche, als sie sich gemeinsam einen Ausschnitt aus der Sendung ansahen. «Ich zog mir die Bettdecke über den Kopf», meint Sonja schmunzelnd. Diese Kleider, diese Gesten, diese Bewegungen, diese Sprache, «oh Gott!». Vivian dagegen «war süss» und Christoph «absolut natürlich». Aber eben: «Sich selber zu sehen und zuzuhören, ist sehr gewöhnungsbedürftig.»

Daran können sie sich ab Freitag gewöhnen. Sie seien schon nervös, jetzt, keine vier Tage vor der Ausstrahlung der ersten Folge, sagt Christian. Ihn treibt vor allem eine Frage um: «Wie viele Leute werden das sehen?» Auf Popularität, auf das Auf-der-Strasse-erkannt-Werden, auf diesen typischen Den-kenn-ich-doch-von-irgendwoher-Blick lege er nämlich gar keinen Wert. Wir können Christian beruhigen: Die Dok-Serie werden nur einige wenige sehen, so an die 600 000 bis 700 000.

Lesen Sie auch diesen Artikel zu Christian Helm und seinen langen Weg in die Schweiz!

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