Frick
Der Nain-Sager und bürgerliche Anführer gegen das Bözberg-Endlager

Andreas Tscheulin führt den bürgerlichen Widerstand gegen ein Endlager im Bözberg an. Trotzdem ist er für die Atomenergie und dafür, dass die Schweiz ihren Atommüll nicht exportiert. Jetzt sammelt er Unterschriften. Eine Annäherung.

Thomas Wehrli
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«Es gibt keinen Grund zur Eile»: Andreas Tscheulin auf dem Bözberg vor der Linner Linde.

«Es gibt keinen Grund zur Eile»: Andreas Tscheulin auf dem Bözberg vor der Linner Linde.

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«Die nächste Frage.» Andreas Tscheulin schaut den Journalisten erwartungsvoll an, holt tief Luft, während «die nächste Frage» endlich daherschleicht, redet sich in Fahrt, gestikuliert mit beiden Armen, schnellt auf, holt einen Ausdruck vom Pult, tippt mehrfach mit dem Finger auf das Geschriebene. «Die nächste Frage.»

Andreas Tscheulin, 36, ledig, ist in seinem Element. Am Tag nach dem Nagra-Entscheid, diesem schwarzen Freitag für die Region, diesem Tag, als der Bözberg zusammen mit dem Zürcher Weinland in die Poleposition um das Endlager für radioaktive Abfälle gehievt wurde, hat Tscheulin, der SVP-Mann, die Petition «NAIN – Nein zum Atomendlager im Nordaargau» lanciert.

Zur eher linken Bürgerorganisation «Kein Atommüll im Bözberg» gesellt sich nun bürgerlicher Protest. Mehr noch: Der Kampf gegen das Endlager, von dem nicht wenige behaupten, er sei längst entschieden (pro Bözberg), eint die politischen Gegner. So gehört auch Jonas Fricker, Parteipräsident der Aargauer Grünen, zu den Erstunterzeichnern der Petition.

Stiller Schaffer

Der Tag nach dem Tag hat Tscheulins Leben massiv beschleunigt. Er wirkt aufgekratzt, wie er in seinem Büro im zweiten Stock der elterlichen Apotheke in Frick von seiner Mission erzählt, die Endlagerfrage in der Schweiz zwischenzulagern. Müde sei er, entschuldigt er sich mehrfach, er komme derzeit halt wenig zum Schlafen. Die Petition, die Arbeit, die Medien. «Sie wissen schon.»

Dass er es mit einem halbseitigen Artikel in die letzte «SonntagsZeitung» geschafft hat, freut ihn und es stört ihn auch nicht, dass er darin als «williger Schaffer im Hintergrund» und als «politisch ziemlich unbescholtenes Blatt» tituliert wird.

Wieso auch? Er war bislang der umtriebige Mann im Hintergrund. Tscheulin, seit 10 Jahren Mitglied des Bezirksvorstands, organisiert seit Jahren das SVP-Jassturnier, schreibt Berichte über Anlässe, fotografiert, ist bei Standaktionen dabei. Während sein Bruder Michael bereits dreimal auf einer Grossratsliste figurierte, tauchte Andreas’ Name bislang auf keiner auf. Das habe er so mit seinem Bruder ausgemacht, erklärt er. Unklug wäre es, wenn zwei aus der gleichen Familie zur selben Zeit kandidieren, nein, parallel gehe nicht, «allenfalls seriell». Ob er dereinst für ein Amt kandidieren will, weiss er nicht, vielleicht, man werde sehen.

Zurzeit konzentriert sich der Fricker, der ein Ökonomiestudium angefangen, aber nicht beendet hat, auf anderes. Auf die Firma der Eltern, sieben Apotheken und Drogerien in der Nordwestschweiz, ein KMU mit 105 Mitarbeitenden, bei dem er für das Marketing und die Finanzen zuständig ist. Und eben: auf den Kampf gegen das Endlager. Er sei nicht gegen Kernkraft, im Gegenteil, meint er ganz auf SVP-Linie. Auch sei klar, dass die Schweiz ihren Atommüll nicht exportieren könne, sondern selber entsorgen müsse.

Kein Grund zur Eile

«Aber nicht so schnell», mahnt er, «es gibt keinen Grund zur Eile.» Ihn stört, dass die Schweiz in der Endlagerfrage «voll auf dem Gaspedal steht» und den «zweifelhaften Ehrgeiz» hat, als eines der ersten Länder den Müll unter die Erde zu bringen. «Das ist nicht klug», ist Tscheulin überzeugt und plädiert dafür, die Erfahrungen von drei Ländern abzuwarten: Deutschland, Frankreich und die USA. Letztere, die Schwesterrepublik der Schweiz, habe ähnliche Strukturen wie die Schweiz, die Erfahrungen aus dem politischen Prozess dort «sind für uns hochinteressant».

Hochinteressant findet Tscheulin, der sich seit der Schulzeit «intensiv» mit der europäischen Geschichte der Neuzeit auseinandersetzt, auch die Figur von Ronald Reagan. Der ehemalige US-Präsident habe Leadership gezeigt, findet Tscheulin, sei ein Visionär gewesen und habe nichts weniger als die europäische Umgestaltung zu Ende geführt.

Die USA hat Tscheulin, der Weitgereiste, der von sich sagt: «Ich bin ein hybrider Konsument, der zwischen Rucksack und 4-Sterne-Hotel schwankt», auch schon bereist. Seine grosse Leidenschaft aber gilt Schweden. Bereits 13 Mal war er da und ist inzwischen Mitglied des Schwedenclubs. Ihn faszinieren die Landschaft, die Kultur, die Geschichte. Die Sprache spricht er fliessend.

Den Flug für den 14. Besuch hatte er bereits gebucht – und nun storniert, weil sein Land ihn braucht, weil er sich in den nächsten Wochen auf den Kampf gegen das Tiefenlager konzentrieren will. Unterschriften sammeln, so viele wie möglich, virtuell wie real, um dem Regierungsrat «den Rücken zu stärken», um ihm zu zeigen: Herren Regierungsräte, der Aargau steht hinter euch, wenn ihr eure Kreuze auf dem Sachplanverfahren macht – gegen ein Endlager im Bözberg.

Dass just ein skandinavisches Land, Finnland, zu den Pionieren in Sachen Tiefenlager gehört, wischt Tscheulin mit einer Handbewegung weg. «Die haben auch nur eine Gesteinsschicht.»

Den Petitions-Stein ins Rollen gebracht hat indirekt Baudirektor Stephan Attiger. «Als er nach dem Nagra-Entscheid sagte, der Regierungsrat sei gegen ein Endlager im Aargau, es sei denn, der Bözberg sei der sicherste Ort, war für mich klar: Jetzt muss die Bevölkerung ran.» Um ein Zeichen zu setzen, um das Hintertürchen, das Attiger öffnete, schnellstmöglich zu schliessen.

Region trägt genügend Lasten

Die Türe zum Büro geht auf, Vater Günther Tscheulin stapft herbei. Es sei ungeheuerlich, ärgert er sich, dass man ausgerechnet jener Region, die mit ihren drei AKWs und dem Zwischenlager wirklich bereits genügend Lasten trage, auch noch das Endlager aufs Auge drücken wolle. Dass man einfach so davon ausgehe, ja, diese Aargauer sind so gutmütig, die schlucken auch diese Kröte. Genau, pflichtet Andreas bei, es stimme auch nicht, dass das Fricktal nicht betroffen sei. «Man kann doch die emotionale Betroffenheit nicht per Zirkel verorten.»

Bis Ende Juli will Tscheulin Unterschriften sammeln. Eine Ziel-Zahl mag er nicht nennen, «sicher vierstellig» soll sie sein. Auf den Einwand, das sei nun doch arg ungenau, legt er sich dann doch auf ein «rund 5000» fest. Aktuell, nach gut einer Woche, sind es 328. «Nicht schlecht», findet Tscheulin, man müsse bedenken, dass hinter der Petition kein Parteiapparat stehe. Dass der Weg noch weit ist, weiss er und vertraut auf die Nach-Ferien-Zeit, in der auch einige Unterschriftensammler, ganz reale, im Aargau unterwegs sein werden.

Wann hat er sein Ziel erreicht, «den Bergpreis», wie er es nennt? «Wenn sich die Kantonsregierung 2016 dezidiert gegen ein Endlager im Bözberg ausspricht.» Die andere Frage, die viel wichtigere, die nämlich, ob er wirklich daran glaubt, dass der Bözberg endlagerfrei bleibt, beantwortet er auf seine Art: «Ronald Reagan hat immer an den Fall des Eisernen Vorhangs geglaubt. Die Geschichte gab ihm recht.»

Klar ist für Tscheulin, den Basisdemokraten, aber auch: «Wenn das Volk anders entscheidet, wenn es sich für ein Endlager im Bözberg ausspricht, werde ich das akzeptieren.» Auswandern werde er in einem solchen Fall sicher nicht. Auch nicht nach Schweden.

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