Gipf-Oberfrick

Der mit dem Sammelfieber – und den 25 Grammophonen

Franz Häseli repariert seine 25 Grammophone meist selbst. «Ersatzteile gibt es kaum mehr.» Thomas Wehrli

Franz Häseli repariert seine 25 Grammophone meist selbst. «Ersatzteile gibt es kaum mehr.» Thomas Wehrli

Franz Häseli brachte von jeder Reise ein bis zwei Grammophone mit. Nun hat er ein Sammel-Verbot.

Auf Franz Häseli trifft zu, was «Pur» 1992 zum Hit vertont hat: Wenn er diesen Tango hört, vergisst er die Zeit. Immer wieder sonntags trifft man Häseli im Wohnzimmer seines Einfamilienhauses in Gipf-Oberfrick an, wie er sich eine Tasse Mate-Tee einschenkt, sie genüsslich schlürft, den Federmotor eines seiner 25 Grammophone per Kurbel spannt – und eine alte Platte hört. «Am liebsten einen Tango.»

Es knarzt und knorzt hörbar, als die Feder die Musik aufnimmt und via Trichter im Wohnzimmer verbreitet. «So hat die Musik etwas Urtümliches», sagt Häseli – und genau das mag er. An der Musik, den Geräten, den Ländern in Südamerika, in denen er die Apparate gekauft hat.

Es ist nicht primär die Musik, die ihn zum Sammeln verführt hat, sondern die Technik. «Schon mit 14 zerlegte ich den ersten Flipperkasten», erzählt der heute 53-Jährige. Weil ihn interessierte, wie das Innenleben aussieht, weil er sehen wollte, wie ein elektromechanischer Impuls eine Aktion auslöst.

Mit dem Töffli durch die Schweiz

Diese Faszination für die Technik hat ihn nie mehr losgelassen, genauso wie jene fürs Reisen. Mit 14 tuckerte er mit dem Töffli durch die Schweiz, mit 17 fuhr er mit Interrail durch Europa und mit 26 entdeckte er Südamerika. Zwei Monate reiste er mit seinem Bruder und zwei Kollegen durch Peru und Brasilien. «Es war Liebe auf den ersten Blick», erinnert sich Häseli. Noch im selben Jahr kehrte er nach Südamerika zurück, diesmal alleine.

Das Reisevirus hatte ihn endgültig gepackt. 1990 kündigte er kurzerhand seine Stelle als Postbeamter in Basel und ging eineinhalb Jahre auf Weltreise. Nach seiner Rückkehr heuerte er wieder bei der Post an, reduzierte das Pensum bald fürs Reisen auf 50 Prozent. «Seit 1991 verbringe ich jedes Jahr mindestens drei Monate in Südamerika», erzählt er. Sehr oft in Bolivien, das zu seiner zweiten Heimat geworden ist.

Franz Häseli präsentiert ein Grammophon aus den 1890er-Jahren.

Franz Häseli präsentiert ein Grammophon aus den 1890er-Jahren.

Häseli faszinieren die Landschaften, ihn bewegen die Menschen und die Art, wie sie leben. «Sie hat die moderne Welt noch nicht verdorben», sagt er. Als natürlicher, hilfsbereiter und herzlicher erlebt er sie. Häselis Augen leuchten, wenn er von der Kultur der Inkas erzählt, der Ruinenstadt Machu Picchu («die muss man gesehen haben»), den Iguazú-Wasserfällen («ein Naturspektakel»), vor allem aber, wenn er von den unvergesslichen Begegnungen weit ab der Touristenströme schwärmt.

Nicht selten hört er hier, im Hinterland, Grammophone spielen, sieht, wie Leute zu der Musik tanzen. «Gerade in Bolivien gibt es noch viele Dörfer ohne Strom. Wer Musik hören will, braucht ein Grammophon.»

Musik im Handgepäck

An den Kauf seines ersten Grammophons erinnert sich Häseli noch genau. Er entdeckte es vor 25 Jahren in einem Antiquitätengeschäft in Cochabamba, einer Stadt mit 630'000 Einwohnern in Bolivien. Es machte bei Häseli sofort klick, «das Fieber packte mich». Noch im Laden schraubte er das Grammophon, für das er 25 Franken zahlte, auseinander, weil ihm der Ladenbesitzer gesagt hatte, das Gerät laufe nicht. Häseli brachte es wieder zum Laufen, packte es ein und nahm es per Handgepäck mit in die Schweiz.

Seither schaute er sich auf allen Reisen nach Geräten um, kaufte ein bis zwei Stück pro Trip und nahm sie im Koffer mit nach Hause. Den Platz dafür schuf er, indem er jeweils einen Teil seiner Kleider an Bedürftige verschenkte.

Das Sammelfieber weitete sich bald auf alles aus, was alt war. Er fragte in Dörfern nach Antiquitäten, kam mit den Menschen ins Gespräch und hörte ihre Geschichten. Etwa jene einer alten Frau, die ihm erzählte, wie sie mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann zur Musik getanzt hatte.

Neben Grammophonen schleppte Häseli alte Telefone, Uhren, Vorhängeschlösser, Bügeleisen und andere Kleinode mit nach Hause. Mit jeder Reise glich das Haus mehr einem Museum – bis die Mitbewohner im Haus, seine Eltern und Tochter Céline, ihr Veto einlegten. «Sie haben mich mit einem Grammophon-Sammelverbot belegt», sagt Häseli augenzwinkernd.

Ganz verlassen hat Häseli das Sammelfieber jedoch nicht. Er träumt davon, dereinst in einem der Zimmer ein Minimuseum mit all seinen Kostbarkeiten einzurichten. In der Zwischenzeit sammle er eben Erinnerungen, sagt er, das nächste Mal bereits Ende Woche: Häseli reist mit einer Gruppe einen Monat lang durch Argentinien und Bolivien, wenig später geht es ebenso lange nach Kolumbien.

Seine beiden Leidenschaften – jene fürs Reisen und jene für Südamerika – hat Häseli 2011 zum Beruf gemacht: Er kündigte bei der Post und machte sich als Reiseorganisator selbstständig. «Immer wenn ich vor einer tollen Kulisse stehe, denke ich: Du hast den schönsten Arbeitsplatz der Welt», sagt er.

Wissend, dass ihm diesen Platz manch einer neidig ist, fügt er an: «Es ist aber auch ein harter Job, denn man muss jedem Reiseteilnehmer gerecht werden.» Der eine wolle den Sonnenaufgang am Meer erleben, ein anderer das Nachtleben erkunden. «Das geht an die Substanz, macht aber trotzdem Riesenspass.»

Sagt’s, lehnt sich auf dem Sofa zurück, nimmt einen Schluck Mate-Tee und lauscht der Musik. Wenn er diesen Tango hört, vergisst er die Zeit.

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