Frick
Der Kirchenkenner: «Das Christentum verdampft»

Vor 300 Jahren wurde die Kirche gebaut. Heute sind die Kirchenbänke zunehmend leer. Der Kirchenkenner und Historiker Linus Hüsser über die mühselige Bauzeit und die Mühsal der Neuzeit.

Thomas Wehrli
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«Die Kirchenbänke leeren sich zusehends»: Linus Hüsser bereitet die Entwicklung Sorgen.

«Die Kirchenbänke leeren sich zusehends»: Linus Hüsser bereitet die Entwicklung Sorgen.

Herr Hüsser, als Kind stöhnte ich, wenn ich als Ministrant wieder einmal knapp dran war und auf den Kirchenhügel sprinten musste. Schnaubend fragte ich mich: Weshalb nur haben die die Kirche auf den Hügel gestellt?

Linus Hüsser: Die Kirche sollte man von weitem her sehen, jeder sollte wissen: Da oben schlägt das Herz der Pfarrei. Die Adligen eiferten den Kirchen nach und stellten ihre Schlösser auf die Hügel. Dahinter verbarg sich auch viel Imponiergehabe.

Die Fricker Kirche ist eine der pompösesten in der Region. Was wollte man damit ausdrücken?

Prunkvolle Kirchen trafen im 18. Jahrhundert den Zeitgeist. In der Barockzeit konnte es nicht genug verschnörkelt sein. Dass die Fricker Kirche noch etwas pompöser ausfiel als andere, hat mit der damaligen politischen Situation zu tun. Frick gehörte zu Habsburg und lag in der Grenzzone zur Eidgenossenschaft. Die Fricker baten den Bischof deshalb um Unterstützung für den Kirchenbau. Man wolle auf dem Kirchenhügel, so beschieden sie ihm, ein starkes Symbol gegen die Reformierten setzen.

Da konnte er schlecht Nein sagen.

(Lacht.) Natürlich nicht.

Wer hat den Kirchenbau bezahlt?

Es war üblich, dass die Patronatsherrin – in Frick war dies die Deutschordenskommende Beuggen – für den Bau und Unterhalt des Chores zuständig war, das Kirchenschiff hingegen von der Pfarrei bezahlt wurde. Beuggen war über die Bauwünsche der Fricker nicht erfreut und zierte sich lange; sie sagten: Der Chor hält weitere 100 Jahre. Erst als sich der Bischof einschaltete und die Fricker auch einen grossen Teil der Kosten für den Chorbau übernahmen, lenkten die Beuggener ein. Statt Geld lieferten sie vor allem Naturalien. Korn für die Arbeiter etwa. Oder Wein, was bei den Arbeitern gut ankam.

Heute sorgen Kräne dafür, dass die tonnenschweren Baumaterialien in die Höhe kommen. Die gab es früher nicht. Wie schwer war es, einen solchen Monumentalbau zu erstellen?

Gefragt war vor allem eines: Muskelkraft. Die Kräne des 18. Jahrhunderts waren einfache Flaschenzüge. Umso mehr erstaunt, wie schnell der Bau stand. Am 24. April kam die Bewilligung von Beuggen, am 1. Mai wurde der Grundstein gelegt – und im Spätherbst stand das Kirchenschiff und war zum Teil schon ausgeschmückt.

Das tönt nach vielen fleissigen Händen. Wer hat alles mitgebaut?

Die Fricker Bevölkerung hat selber Hand angelegt; viel wurde in Fronarbeit erstellt. Zusammen mit den Handwerkergesellen dürften jeden Tag etliche Dutzend Personen auf der Baustelle gearbeitet haben.

Heute werden Grundsteinlegungen medial inszeniert. Behälter mit Schriftstücken und anderen Erinnerungsstücken werden mit viel Pathos in den Boden eingelassen. Damals auch schon?

Man machte kaum das gleiche Brimborium um eine Grundsteinlegung wie heute. Aber es gab sicher einen speziellen Akt zu Baubeginn. Wie dieser aussah und ob irgendwo eine Schrift eingemauert wurde, weiss man heute nicht mehr.

Am selben Ort stand auch vorher eine Kirche. Wie viel ist von ihr erhalten?

Ein Teil des Kirchenturms stammt von der alten Kirche. Aus Geldmangel verwendete man auch einen Teil der Innenausstattung weiter – Secondhand, wenn man so will.

War der Neubau wirklich nötig?

Ja. Die Wände der alten Kirche mussten mit Streben gestützt werden, damit sie nicht einfielen. Zudem wuchs die Pfarrei stark und die alte Kirche wurde zu klein. Erstmals sprach man bereits um 1680 von einem Neubau; aus Geldnot verschob man das Projekt aber immer wieder.

Wer ging damals zur Kirche?

Alle, denn es herrschte faktisch ein Kirchgangzwang. Der Bischof setzte auch Visitatoren ein. Wenn ihnen die Zahl der Kirchgänger an einem Ort zu tief erschien, meldeten sie ihm: «Kirchenbesuch mangelhaft!» Das kam eher selten vor, meist nur in Kriegszeiten. Aber selbst in diesen Zeiten reichten die Sitzbänke an hohen Festtagen bei weitem nicht aus. (Seufzt.) Davon können wir heute nur träumen.

Da seufzt der Kirchenpflegepräsident von Herznach in Ihnen. Sind solche Feiern, wie sie nun Frick begeht, eine Erinnerung an eine gloriose Vergangenheit ohne Zukunft?

Solche Feiern können der Kirche Kraft geben und sie ins Bewusstsein rufen. Allerdings bin ich skeptisch, dass Kirche in Mitteleuropa eine grosse Zukunft hat. Bei der grassierenden Austrittswelle – bei Katholiken wie Reformierten – wird die Kirche zu einer Option unter vielen werden.

Wie sieht diese Zukunft für Sie aus?

Die Christkatholiken sind heute eine kleine Gemeinschaft mit kleinen Gemeinden. Ähnlich wird es bei den beiden grossen Landeskirchen in 30, 50 Jahren auch sein.

Heute ist das Christentum unsere Leitkultur. Wird sie das trotzdem bleiben?

Ich bin skeptisch. Denn zum einen wird es immer mehr Atheisten geben, zum anderen auch immer mehr Muslime. Berechnungen behaupten, dass der Islam Mitte des 21. Jahrhunderts die grösste Religionsgemeinschaft in der Schweiz sein wird. Trifft dies ein, wird sie entsprechend auch die gesellschaftlichen Werte mitprägen. Klar ist: Unsere Gesellschaft wird sich in den nächsten Jahrzehnten stark verändern; viele Werte, die mir wichtig sind, wird es in 50 Jahren nicht mehr geben. (Lacht kurz auf.) Ich werde das zum Glück nicht mehr erleben.

Ihnen macht die Entwicklung Sorge?

Ja, denn mit dem Christentum verflüchtigt sich auch unsere abendländische Kultur. Kurt Koch sagte als Bischof von Basel einmal: Das Christentum verdampft. Dieser Prozess ist im vollen Gang; die Dampffahnen sind inzwischen riesig.

Heute werden nicht mehr gebrauchte Kirchen als Konzertsäle genutzt oder gar zu Wohnungen umgebaut. Wird man auch im Fricktal dereinst in ausgedienten Kirchen wohnen?

Das kann ich mir durchaus vorstellen. Denn der Wandel geht immer schneller vonstatten, die Kirchenbänke leeren sich zusehends. Ich selber könnte mir nicht vorstellen, in einer Kirche zu leben. (Lacht.) Aber Wohnungen wären mir alleweil noch lieber, als wenn aus Kirchen Discos oder Markthallen würden. Ein Supermarkt «Zum Gottesacker»? Nein danke!

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