Walter Wunderlin erinnert sich auch nach 55 Jahren noch genau an diesen 23. September 1962: «Es war Sonntagabend. Wir waren in der Mannschaftsmesse am Jassen, da ging plötzlich die Türe auf und ein Offizier befahl: ‹ alle Mann an Deck›. Ein Flugzeug sei abgestürzt und wir seien dem Unglücksort am nächsten.» Der damals 29-jährige gelernte Zimmermann und Pontonier aus Mumpf hatte fünf Monate zuvor auf der MS «Celerina» der Reederei Suisse Atlantique als Schiffszimmermann angeheuert.

Bei seiner Rettungsaktion war Walter Wunderlin als Zimmermann auf der MS «Celerina» tätig.

Bei seiner Rettungsaktion war Walter Wunderlin als Zimmermann auf der MS «Celerina» tätig.

«Ich bin vor allem aus Interesse an fernen Ländern zur See gefahren», erzählt er. Die harte Arbeit auf einem Frachtschiff war zu dieser Zeit eine beliebte Art, günstig die Welt zu sehen. Dass Walter Wunderlin einmal Seemann war, ist auch heute noch spürbar. Sein braun gebranntes, offenes Gesicht erzählt von Wind und Wetter. Und die stämmige Gestalt und der feste Händedruck zur Begrüssung in seiner Wohnung beim Bahnhof Laufenburg lassen die Kraft erahnen, die als junger Zimmermann in ihm steckte.

Notwasserung mit einem Motor

Am 23. September 1962 kämpfte sich die MS «Celerina» mit 12 000 Tonnen Getreide aus Kanada an Bord durch einen Herbststurm im Nordatlantik. Rund 800 Kilometer westlich von Irland brachen bis acht Meter hohe Wellen über das Schiff hinweg. Es schlingerte und stampfte. Um 21.20 Uhr Greenwich Mean Time (GMT) hörte Funkoffizier Georg Stöckli eine Alarmmeldung der irischen Seefunkstelle EJK mit. Bei einer Super Constellation der «Flying Tiger Line» mit 76 Personen an Bord, vor allem Soldaten der US-Armee, seien auf dem Flug nach Europa zwei der vier Motoren ausgefallen.

Flugkapitän John Murray wollte mit nur zwei Motoren noch Shannon in Irland erreichen. Eine vergebliche Hoffnung: Mehrmals löste der dritte Motor Feueralarm aus und versagte ebenfalls den Dienst. Eine Notwasserung wurde unausweichlich. Um 22.28 Uhr GMT nahm Stöckli folgende Meldung auf: «Bitte nach 54 Grad 10 Minuten Nord, 24 Grad 05 Minuten West fahren, wo das Flugzeug bereits notgelandet ist.»

Rettung nach sechs Stunden

Zu diesem Zeitpunkt war die «Celerina» rund 115 Kilometer von der Absturzstelle entfernt. Kapitän Domenico Lugli liess sofort den Kurs ändern und gab Order, alles für die Rettung von Überlebenden vorzubereiten. Was man auf der «Celerina» zu dieser Zeit noch nicht wusste: Bei der Notwasserung war der linke Flügel der Super Constellation abgerissen worden und die Kabine rasch vollgelaufen. Von den 76 Menschen an Bord erreichten nur 51 in der Dunkelheit im sieben Grad kalten Wasser schwimmend das einzige nach dem Aufprall verfügbare Rettungsfloss. Es war ausgelegt für maximal 25 Personen.

Erst nach sechs Stunden Fahrt gegen Wind und Wellen tauchte im Kegel des Suchscheinwerfers das Rettungsfloss auf. Über dem Floss kreisende Maschinen der US Air Force und der Royal Air Force hatten dem Schiff mit dem Abwurf von Leuchtsignalen den Weg gewiesen. Wie ein Ball wurde das Floss von den Wellen auf- und niedergeworfen; der Steuermann der «Celerina» brauchte zwei Anläufe, bis es längsseits festgemacht war. «In einem Moment war das Floss auf der Höhe der Reling, zwei Sekunden später acht Meter tiefer», schildert er.

Salto ins Rettungsfloss

Dem heute 84-jährigen Walter Wunderlin geht der Anblick des Rettungsflosses bis heute nach: «51 Personen waren da zusammengepfercht, lagen kreuz und quer übereinander. Verletzte stöhnten, Verzweifelte riefen um Hilfe.» Aus eigener Kraft schaffte es niemand, über die herabgelassenen Strickleitern an Deck zu klettern. «Einige Leute zogen wir an der Leiter hoch über die Reling.» Wunderlin realisierte, dass die Rettung so nicht gelingen würde. Er ersuchte den ersten Offizier um die Erlaubnis, selbst ins Rettungsfloss hinabzusteigen.

Zuerst kletterte er die Strickleiter hinunter. «Das Boot wurde von den Wellen hochgeworfen, ich bekam den ausgestreckten Arm einer Frau zu fassen und liess ihn nicht mehr los.» Mit der anderen Hand hielt er sich an der Leiter fest. So wurden er und die Stewardess Carol Ann Gould an Deck gezogen. Beim zweiten Mal liess sich Wunderlin mit einem Tau ins Rettungsfloss abseilen. Wieder warfen die Wellen das Rettungsfloss hoch. Wunderlin wurde am Gesäss erwischt: «Ich machte einen Salto und fiel mitten in die Verzweifelten.»

«Nicht jeder hätte das gekonnt»

Er begann, immer zwei Überlebende mit Gurten zusammenzubinden. Auf sein Kommando wurden sie an Bord gehievt. Mit einem Stellmesser, das er zwischen den Zähnen hielt, kappte er die ineinanderverwickelten Riemen der Schwimmwesten. Nach rund einer Stunde war das Floss leer. Von den 51 Personen im Rettungsfloss konnten zwei nur noch tot geborgen werden und ein Passagier verstarb nach der Rettung an Deck. Auch Walter Wunderlin selbst musste sich an Bord ziehen lassen: Auf Deck brach er entkräftet zusammen.

Ins Floss hinunterzusteigen, sei ein spontaner Entscheid gewesen, erzählt Walter Wunderlin. «Ich machte das von innen heraus ohne grosse Gedanken, dass etwas passieren könnte. Ich sah einfach die Leute, die verzweifelt waren.» Natürlich, so sagt er, hätte auch er über Bord gehen können: «Erst nachher kam mir zum Bewusstsein, dass auch ich das Leben hätte verlieren können», schrieb er kurz nach der Rettungsaktion in einem Brief an seine Eltern. Für seine mutige Tat als Lebensretter wurde Wunderlin später von der Carnegie-Stiftung auszeichnet. Aber als Held will er sich bis heute nicht sehen, und wird fast etwas verlegen: «Nein, eigentlich nicht. Ja, ich weiss nicht, es gibt andere Helden», formuliert er bedächtig, aber dann schwingt doch verhaltene Genugtuung in der Stimme mit: «Was ich weiss: Nicht jeder hätte das gekonnt.»

Nach der Rettungsaktion fuhr Walter Wunderlin noch neun Monate auf der «Celerina» zur See. Im Juli 1963 kehrte er in die Schweiz zurück und fand sofort Arbeit. Doch die Faszination der Seefahrt blieb. Hätte er nicht seine heutige Gattin Dorli kennen gelernt, hätte er wohl wieder auf einem Schiff angeheuert, räumt er ein. «So blieb ich eben hier hängen.» Sein kerniges Lachen und der Blick, den er seiner Gattin zuwirft, verraten, dass er auch so glücklich geworden ist.