Jakem AG
«Der Grossteil unserer Leute wird innert nützlicher Frist eine neue Stelle finden»

Markus Amsler über das Aus seiner Firma Jakem AG, die Schwierigkeiten der Branche und die Kritik von aussen.

Thomas Wehrli
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Luftig: Die Passerelle mit Aussichtsplattform auf Cardada, dem Hausberg von Locarno, hat die Jakem AG vor 15 Jahren erstellt. Montiert wurde der Stahlsteg mit Titanverkleidung per Helikopter. zvg

Luftig: Die Passerelle mit Aussichtsplattform auf Cardada, dem Hausberg von Locarno, hat die Jakem AG vor 15 Jahren erstellt. Montiert wurde der Stahlsteg mit Titanverkleidung per Helikopter. zvg

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Herr Amsler, letzten Montag informierten Sie Ihre Mitarbeiter, dass die Firma schliessen muss. Wie fühlen Sie sich eine Woche danach?

Markus Amsler: Gegenüber dem letzten Montag fühle ich mich etwas erleichtert und besser. Die Schliessung ist kommuniziert, die ersten Gespräche sind geführt, einiges ist schon etwas klarer. Ich bekam in den letzten Tagen sehr viele Rückmeldungen, das Bedauern ist gross. Das tat gut.

Der Entscheid, die Firma zu schliessen, reifte in den letzten vier Monaten. Welches war der schwierigste Moment?

Wir prüften in den letzten Monaten mehrere Varianten. Zur Diskussion standen unter anderem eine Restrukturierung, ein Management-Buy-out und ein Verkauf. Der schwierigste Moment für mich war, als vor einigen Wochen feststand, dass es nur einen gangbaren Weg gibt, nämlich die Schliessung. Diesen unwiderruflichen Entscheid zu fällen, war extrem hart.

Weshalb gab es keinen anderen Weg?

Letztlich fehlte es am notwendigen Kapital, das wir hätten einschiessen müssen. Das Problem ist, dass der Markt übersättigt und der Konkurrenzdruck aus dem Ausland hoch ist. Alle, die uns geprüft hatten, hielten schliesslich einen Einstieg angesichts der Branchenperspektiven und den knappen Margen für zu riskant. Der letzte Interessent sprang dann ab, als der Euromindestkurs im Januar aufgehoben wurde.

Ab wann verdüsterten sich die Branchenperspektiven?

Schwankungen gab es schon immer, das gehört zum Geschäft. Die Dotcom-Blase vor bald 15 Jahren etwa spürten wir deutlich. Richtig schlimm wurde es ab 2008, als der Export völlig einbrach und sich auch nie mehr erholt hat. Wir machten bis dahin zwischen 10 und 30 Prozent unseres Umsatzes in England. Dieser Teil brach weg und kam nie wieder.

Die Jakem AG hat an Prunkbauten wie dem Expo02-Monolithen, dem «Intercontinental» in Davos oder dem One Hyde Park in London mitgearbeitet. Viele begreifen nicht, weshalb ein solch renommiertes Unternehmen Schiffbruch erleiden kann.

Natürlich machen wir solche grossen, schönen und spektakulären Bauten. Doch das ist nur ein Teil des Geschäfts. Einen solchen Auftrag erhält man vielleicht einen, allenfalls zwei pro Jahr. Der grössere Teil des Auftragsvolumens sind unspektakuläre Bauten wie Hallen oder Strommasten. In diesem Segment ist ein enormer Preiskampf im Gange. Zudem drücken immer mehr ausländische Anbieter mit Dumpingpreisen auf den Markt, der erst noch seit Jahren rückläufig ist.

Dann könnte es noch weitere Stahlbaufirmen treffen?

Das kann durchaus sein. Der Druck wird sicher nicht kleiner. Ein Ausweg ist, dass man sich spezialisiert; das können vor allem kleinere Unternehmen. Oder man schliesst sich zu Grosskonzernen zusammen und konzentriert die Produktion an wenigen Standorten, wie man das von der Druckindustrie her kennt.

Wie geht es nun bei der Jakem AG weiter?

Wir werden den Betrieb schrittweise herunterfahren. Die Produktion wird Ende Mai eingestellt.

Sind die Kündigungen schon ausgesprochen?

Nein, diese erfolgen gestaffelt in dieser und der kommenden Woche. In den letzten Tagen haben wir erste Gespräche mit den Mitarbeitenden geführt. Am Mittwoch wird das Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA) hier bei uns im Betrieb ein Arbeitscenter einrichten.

Was erhoffen Sie sich davon?

Dass möglichst viele Mitarbeitende dank dem Arbeitscenter noch während der Kündigungsfrist eine neue Stelle finden. Das AWA rechnet mit 70 Prozent. Ich gehe davon aus, dass wir diese Quote erreichen oder sogar übertreffen. Der Grossteil unserer Leute wird innert nützlicher Frist eine neue Stelle finden.

Was stimmt Sie derart zuversichtlich?

In den letzten Tagen kamen bereits mehrere Firmen auf uns zu und boten unseren Mitarbeitern Stellen an. Angebote gingen für alle Berufsgruppen ein. Das gibt ein gutes Gefühl.

Ein noch besseres Gefühl gäbe ein Sozialplan. Ein solcher ist nicht möglich?

Nein, das geht nicht. Hier kommt die Arbeitslosenversicherung zum Tragen.

In den Kommentaren auf azonline zur Schliessung der Firma werfen mehrere Schreiber der Geschäftsleitung «Missmanagement» vor. Treffen Sie solche Kommentare?

Die Artikel habe ich gelesen, die Kommentare nicht. Sie interessieren mich auch nicht, denn sie sind nicht fundiert. Ich finde es anmassend, dass jemand von aussen beurteilen will, wie ein Management gearbeitet hat. Sie können es gar nicht beurteilen.

Wenn Sie mit dem heutigen Wissen zurückblicken: Haben Sie alles richtig gemacht oder würden Sie heute etwas anders machen?

Das müssen andere beurteilen. Sehen Sie: Wenn man in einer Situation ist, muss man aus dieser Situation heraus handeln. Das Schlimmste wäre, nichts zu machen und einfach zu warten. Ich denke, wir haben stets nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Ob ich heute etwas anders machen würde? Ich glaube nicht.

Sie sind seit 1996 im Familienunternehmen, haben 2004 die Geschäftsleitung und 2008 zusammen mit Ihrem Bruder Jakob die Aktienmehrheit übernommen. Gibt es für Sie ein Highlight?

Es gab viele Highlights. Die Bauten im Tessin gehören dazu, die Projekte in England oder jede neue Maschine, die wir in Betrieb nehmen durften. Ein besonderer Moment war auch, als wir 2002 mit der gesamten Belegschaft an die Expo nach Murten gingen und «unseren» Monolithen besuchten.

Sie sind 53 Jahre alt, verheiratet und Vater von zwei schulpflichtigen Kindern. Wie geht es für Sie selber weiter?

Ich weiss es noch nicht. Ich hatte bislang keine Zeit, mir darüber Gedanken zu machen. Das Wichtigste ist nun, den Betrieb sauber herunterzufahren. Alles andere wird sich weisen.