Bad Säckingen

Der Fiat Punto war bald zu klein: Wie dieser Mann mit Paketen für Schweizer Geld verdient

Simon Kühn nahm 2019 etwa 150000 Sendungen entgegen. Pro Paket kassiert er rund drei Euro.

Simon Kühn nahm 2019 etwa 150000 Sendungen entgegen. Pro Paket kassiert er rund drei Euro.

Simon Kühn aus Bad Säckingen kam auf die Idee, wie er mit Paketen für Schweizer Geld verdienen kann. Im vergangenen Jahr nahm er 150000 Sendungen entgegen. Bis Corona kam.

Industriegebiet Bad Säckingen. Am Tag der Grenzöffnung im Juni bildet sich vor einem schlichten Industriebau eine lange Schlange, immer wieder kommen Männer und Frauen mit ganzen Stapeln von Paketen heraus: Schweizer, die sich ihre Internetware an «My Paketshop» liefern liessen, um Gebühren zu sparen, die anfallen, wenn die Waren direkt in die Schweiz gebracht werden.

Ein paar Wochen später ist es ruhiger. Nur vereinzelt fährt ein Auto mit Schweizer Kennzeichen vor. Simon Kühn (33), Gründer und Geschäftsführer von «My Paketshop», kennt den einen oder anderen, der am Schalter wartet, persönlich, begrüsst ihn, wie in Coronazeiten üblich, mit Kopfnicken.

«Wie die Jungfrau zum Kind bin ich zu meinem Paketshop gekommen», erzählt der gebürtige Bad Säckinger bei einem Rundgang durch die Lagerhalle: Bis unter die Decke stapeln sich Pakete, grosse, kleine, dicke, dünne. «Hier ist wahrscheinlich ein Fahrrad drin», sagt Kühn und zeigt auf einen Karton mit beträchtlichen Ausmassen. Daneben stehen vier Autoreifen. Am eigenen Leib hat er erfahren, wie gross das Bedürfnis der Schweizer nach solchen Paketshops an der Grenze ist. Nur deshalb kam er auf die Idee, daraus ein Geschäft zu machen.

Aus Freundschaftsdienst wird Belastung

Und so geht die Geschichte: Als Simon Kühn noch in Basel Jura studierte und in Bad Säckingen wohnte, fragte ihn einer seiner Onkel, der in die Schweiz gezogen war, ob er nicht für ihn Internetbestellungen entgegennehmen könne. «Mein Onkel war es aus Deutschland gewohnt, im Internet zu bestellen, doch viele Internetshops liefern nicht in die Schweiz», erzählt er.

Zudem wird es teuer, ein Paket über die Grenze zu schicken. Es muss verzollt werden. Bis zu 50 Euro Gebühren fallen an, wenn ein Schweizer etwa einen Pullover im Wert von 70 Euro im EU-Ausland bestellt. Bringt er die Ware dagegen selbst über die Grenze, hat er eine Frei­grenze in Höhe von 300 Franken. «Ich habe meinem Onkel gerne geholfen», erzählt Simon Kühn.

Doch bald schon fragten Chef und Arbeitskollegen des Onkels, ob Kühn nicht auch Pakete für sie entgegennehmen könne. Er sagte zu. Irgendwann kam der Tag, an dem aus Freundschaftsdiensten Belastung wurde: «An einem Tag im Oktober 2011 hatte ich 30 Benachrichtigungen für 30 Pakete im Briefkasten», erzählt er. Er war nicht da, als die Post sie abliefern wollte.

Mit seinem kleinen Fiat Punto musste er siebenmal hin- und herfahren, um die Pakete abzuholen. «Da waren auch welche in Stuhlgrösse dabei.» Seinem Onkel sagte er: So geht das nicht weiter. Damals wurde die Idee geboren, einen Paketshop aufzumachen. Simon Kühn gab dafür sein Studium auf. «Zu diesem Zeitpunkt hatten wir hier noch kaum solche Angebote», sagt er. Inzwischen finden sich aber in etlichen Grenzorten Paketshops.

Von Anfang an eine Erfolgsgeschichte

Am 1. Januar 2012 war es so weit. Zunächst machte er die Arbeit alleine, bald kam ein Mitarbeiter hinzu. Das Geschäft boomte. «Es war von Anfang an eine Erfolgsgeschichte», sagt er. Heute arbeiten drei volle Arbeitskräfte, zwei Halbtagskräfte und sieben Minijobber für Simon Kühn. Er selbst studierte nebenher Betriebswirtschaftslehre. Mit Erfolg.

Früher lud der Onkel Simon Kühn als Dank für seine Dienste zum Essen ein, heute kassiert der Unternehmer etwa drei Euro pro Paket. Im vergangenen Jahr nahm er 150000 Sendungen entgegen. Bis Corona kam. «Zum Glück hatten wir vorher umgebaut, so hatten wir genug Platz, um alle Pakete zu stapeln, welche die Schweizer Kunden wegen der Grenzschliessung nicht abholen konnten.» Trotzdem lagen die Umsatzverluste im sechsstelligen Bereich. «Wir werden es aber schaffen», sagt der Vater dreier kleiner Kinder. Sein Lächeln ist bei diesem Satz so optimistisch, dass man ihm das gerne glaubt.

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