Fünf Millimeter reichen für eine grosse Leidenschaft: Fredy Haltiner, 68, betreut Waldameisen. Er ist der erste und bislang einzige Ameisengötti im Aargau. Der pensionierte Unternehmensberater aus Zuzgen engagiert sich bei «Ameisenzeit», einem Basler Projekt, das sich um die Waldameisen kümmert.

Es ist Haltiners Verdienst, dass das Projekt vor drei Jahren in den Kanton Aargau gekrabbelt ist. Und Haltiner hat noch Grosses mit den kleinen Tieren vor: «Ich werde nach weiteren Göttis und Gotten suchen», sagt er. «Schön wäre es, wenn sich dereinst im ganzen Aargau Menschen um Waldameisen kümmern.» Auch bei kantonalen Stellen will er anklopfen und für das Projekt werben. Einen ersten Erfolg kann Haltiner bereits verbuchen: In Rheinfelden hat er einen Mitstreiter gefunden.

Die Frage, weshalb er sich ausgerechnet um Ameisen kümmere, entlockt Fredy Haltiner ein Lächeln. «Weshalb nicht?», fragt er zurück. Andere schützen Vögel oder Reptilien, er eben Ameisen. «Sie brauchen unsere Hilfe», erklärt er, «denn sie sind bedroht.»

Bestände stark zurückgegangen

In den letzten zehn Jahren ist der Bestand an Waldameisen laut Haltiner im Mittelland um die Hälfte zurückgegangen, im Fricktal um einen Viertel. Die Gründe sind vielfältig; die maschinelle Waldnutzung, das Güllen bis an den Waldrand und der Ausbau der Waldstrassen drängen die Waldameisen zurück. Auch das zunehmende Verschwinden der Nadelwälder wirkt sich auf die Ameisenpopulation aus. Denn: «Rund 70 Prozent des Materials, das die Ameisen für den Nestbau brauchen, sind Nadeln und Zweige.»

Aber auch der Mensch setzt den Tieren zu. «Es gibt immer wieder Leute, die mit Stecken in den Ameisenhügeln herumstochern», ärgert sich Haltiner. Und Forstarbeiter, die mit ihren schweren Maschinen die Hügel plattwalzen.

«Meine Ameisen»

Von den sieben Ameisenhügeln, die Haltiner in Zuzgen betreut, überlebte den letzten Winter nur einer. «Ein Teil ging bei Waldarbeiten kaputt», weiss er. Andere Nester wurden von Füchsen, Dachsen oder Wildsauen auf Nahrungssuche geplündert.

Haltiner muss deshalb in diesem Jahr fast bei null anfangen. «Das macht mir nichts aus», sagt er. Er sei vor allem froh, dass er nun endlich wieder raus könne. Denn in den letzten zwölf Monaten ging er wegen eines Knievorfalls an Stöcken. «Da musste ich meine Ameisen vernachlässigen», sagt er. «Das war schon ein komisches Gefühl.»

«Meine Ameisen.» Das trifft es bestens. Wenn Haltiner von den Ameisen erzählt, dann hört und spürt man die tiefe Faszination, die er für die kleinen Tiere hegt. «Die Leistung, die sie erbringen, ist gewaltig», sagt er. Bis zum 60-Fachen des eigenen Körpergewichts können sie schleppen; bis zu einer Million Tiere leben auf engstem Raum zusammen – ohne Verkehrsprobleme. «Sie haben ein Strassensystem, das ohne Staus funktioniert.» Haltiner lacht. «Im Gegensatz zu unserem, das oft ins Chaos führt. Vielleicht können wir von den Ameisen noch lernen.»

Eine Frage des Respekts

Dass viele seine Faszination für die Ameisen nicht teilen, ja, dass nicht wenige die kleinen Insekten sogar als Ungeziefer bezeichnen, weiss Haltiner. Seine Antwort an die Ungezieferfraktion: «Eine Ameise ist wie der Mensch ein Lebewesen und hat ebenfalls das Recht, zu leben. Es ist eine Frage des Respekts gegenüber der Natur, den Lebensraum der Ameisen zu schützen.»

Haltiner lehnt sich auf der Terrasse seines Einfamilienhauses zurück, blickt auf den kleinen Teich, in dem sich Goldfische tummeln. «Wer Ameisen als unnütz abtut, hat sich nie ernsthaft mit ihnen beschäftigt», sagt er dann. Denn Studien zeigen, dass es Wäldern besser gehe, wenn genügend Ameisen darin leben. «Ein Volk hält rund einen Viertel Hektar Wald gesund.» Zudem räumen sie mit Schädlingen wie Zecken oder Borkenkäfer auf. «In einer Saison vertilgt ein einziges Volk an die zehn Millionen Schädlinge», weiss Haltiner. Auch als Waldpolizisten sind die fleissigen Arbeiter im Einsatz: «Sie räumen die Kadaver von anderen Insekten weg.»

Entdeckt hat Haltiner seine Faszination für Ameisen vor bald 20 Jahren. Als er vom Rennvelo auf das Mountainbike umstieg, war er viel in Wäldern unterwegs. «Ich konnte noch so ambitioniert trainieren – sobald ich einen Ameisenhaufen sah, musste ich anhalten und die Tiere beobachten.» Er fotografierte sie, las Artikel über sie «und mit jedem Text wuchs die Begeisterung».

Nest-Tour durch sein Gebiet

Als er dann vor gut drei Jahren in einem Inserat las, dass Ameisengöttis gesucht werden, war für ihn sofort klar: «Das ist mein Ding.» Seither ist er noch aufmerksamer in den Wäldern unterwegs. Entdeckt er ein Nest, markiert er es mit einem Holzpfosten («damit die Waldarbeiter das Nest sehen»).

Regelmässig macht er dann eine Nest-Tour, um nachzusehen, ob alles in Ordnung ist. «Das Nest muss immer zu mindestens 50 Prozent besonnt sein», erklärt er. Sonst ziehen die Ameisen aus, denn sie tanken über die Sonne Energie und geben die Wärme im Nest wieder ab, damit es konstant 29 Grad warm ist.

Eine Stunde dauert ein Rundgang. «Eine gut investierte Stunde», findet Haltiner. Es sei sein Beitrag zum Funktionieren der Natur. «Es ist nur ein Mosaiksteinchen», sagt er, «aber alle diese Steinchen zusammen ergeben ein faszinierendes Ganzes: die Welt.»