Repol
Der Charmeur, der Unsichere, der Gereizte: Wie Kontrollierte auf Polizistinnen reagieren

Nadia Frei und Nicole Holliger sind Polizistinnen im Fricktal. Wie reagieren Männer bei einer Kontrolle? Die Unbestechlichen in Uniformen unterscheiden vier Typen.

Thomas Wehrli
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«Ich habe den genialsten Job, den ich mir vorstellen kann»: Nicole Holliger (links) und Nadia Frei gefällt es bei der Polizei Oberes Fricktal. Thomas Wehrli

«Ich habe den genialsten Job, den ich mir vorstellen kann»: Nicole Holliger (links) und Nadia Frei gefällt es bei der Polizei Oberes Fricktal. Thomas Wehrli

Thmas Wehrli

Die Erinnerung. Es lief nichts rund, an jenem Tag im Juli 1996. Entsprechend genervt fuhr ich von Zürich, meinem damaligen Arbeitsort, nach Hause, in den Aargau. «Ich find’ dich scheisse» von Tic Tac Toe, lief gerade im Radio, ein Song, den ich eigentlich scheisse fand, nun aber, meinem Frust geschuldet, drehte ich das Radio auf und sang inbrünstig mit, oder besser: ich kreischte mit, denn singen konnte ich damals schon nicht wirklich.

Kurz vor meinem Wohnort, ich war schon fast wieder auf normaler Betriebstemperatur, sah ich sie schon von Weitem, die Polizeistreife. «Bitte heute nicht, HEUTE nicht», dachte ich, doch schon begann der eine Polizist freundlich mit seiner Kelle zu winken, und was ich dann dachte – mein Geheimnis bleibt’s.

Dann fiel mein Blick auf die zweite Uniform. «Was soll das denn?», schoss es mir durch den Kopf, denn in der Uniform steckte eine junge Frau, eine ausgesprochen gutaussehende obendrein. Ich war sprachlos, was man offenbar an meinem Gesichtsausdruck ablesen konnte, denn beide begannen zu grinsen. Und ich wurde rot.

«Vor 20 Jahren war man es sich noch nicht gewohnt, eine Frau in Uniform zu sehen», erinnert sich Nadia Frei, 46, die vor 23 Jahren die Polizeischule absolvierte und die 13. Frau im Korps der Kantonspolizei war. Entsprechend fielen die Reaktionen bei Kontrollen aus. Die einen waren verblüfft, andere erfreut. Dritte, vor allem Männer mit patriarchalem Denkmuster, gaben den Polizistinnen zu spüren, was sie von diesem – aus ihrer Sicht – neumodischen Gleichberechtigungszeugs hielten: nichts. «Einmal sagte ein Mann bei einer Verkehrskontrolle zu mir: ‹Mädchen, was willst Du? Ich kenne den Kommandanten›», erzählt Nadia Frei. Ruhig zu bleiben, «fiel da nicht immer leicht».

Wer ist hier der Chef?

Die Zeiten haben sich geändert. «Heute schaut niemand mehr komisch, wenn ich aus dem Polizeiauto steige oder bei einer Kontrolle nach dem Ausweis frage», sagt Frei, die seit nunmehr neun Jahren bei der Polizei Oberes Fricktal arbeitet. Nicole Holliger, 34, seit März bei der Repol, lacht. «Eines aber ist gleichgeblieben: Männer, die es gewohnt sind, den Chef zu mimen, haben gelegentlich auch heute noch Mühe, wenn sie von einer Polizistin kontrolliert werden.» Sie glauben, ihre Position mache eine Kontrolle überflüssig. Holliger stellt dann «höflich, aber bestimmt» klar, dass es nicht so ist. Bleibt das Gegenüber unkooperativ, «dann gebe ich ihm zu verstehen, dass es so nur länger dauert».

Das sitzt. Meist zumindest. Bei Asylsuchenden allerdings, die aus einer Kultur stammen, in der die Frau nichts oder wenig zu sagen hat, kann es auch einmal schwierig werden. «Diskutieren oder die Position markieren, bringt da wenig», sagt Holliger. Statt sich zu ärgern, übergibt sie die Kontrolle dann ihrem Kollegen. «Wir gehen wenn immer möglich als gemischtes Team auf Patrouille», erklärt Frei. «Das ist ideal, denn so haben wir alle Situationen abgedeckt.»

Zum einen können so alle Personen direkt vor Ort kontrolliert werden (eine Leibesvisitation darf bei einer Frau nur eine Frau, bei einem Mann nur ein Mann vornehmen). Zum anderen kann ein «gemischtes Doppel» helfen, eine brenzlige Situation schneller zu deeskalieren. «Jeder Mensch reagiert anders», sagt Frei. «Der eine lässt sich eher durch eine Frau, der andere durch einen Mann beruhigen.» Wer spricht und wer sichert, ergebe sich. «Funktioniert es nicht, wechseln wir die Rollen.» Gerade Männer in Ausnahmesituationen, so Frei, sprechen oft besser auf eine Frau an als auf einen Mann.

In eine solche scheint manch ein Autofahrer – beiderlei Geschlechts – zu geraten, wenn er in eine Kontrolle fährt. «So viel Gehässigkeit wie bei Verkehrskontrollen erleben wir sonst nirgends», sagt Holliger. «Aber es gibt zum Glück auch viele nette Begegnungen.»

Vier Verhaltens-Grundmuster

Unterscheiden lassen sich mindestens vier Grundmuster menschlichen Verhaltens bei einer Kontrolle:

Der Unsichere: Er wird bleich, wenn er in eine Kontrolle gerät. Sein Puls wird schneller, was ihn selber ärgert, denn er hat sich ja (meist) nichts zuschulden kommen lassen. Nach der Kontrolle hört man, so man im gleichen Auto sitzt, ein Seufzen der Erleichterung.

Der Gelassene: Er nimmt es, wie es kommt, zeigt artig seine Papiere, beantwortet ruhig die Fragen und denkt insgeheim: «Lieber die als ich. Bei diesem Sauwetter möchte ich nicht da draussen stehen.»

Der Charmeur: Er freut sich, dass ihn eine Frau kontrolliert, und setzt all seinen Charme ein. Nützen tut es ihm zwar nichts, «aber eine solche Begegnung ist natürlich angenehmer, als wenn wir angeschnauzt werden», sagt Holliger.

Der Gereizte: Sein Blick verdüstert sich, wenn er die Polizeistreife sieht; über seinem Fahrzeug scheint eine schwarze Wolke zu schweben. Das kurze «Ja», das er nach dem Herunterkurbeln der Scheibe zur Begrüssung ausstösst, tönt wie ein Schlachtruf. Er tut sich keinen Gefallen. Denn: «Wenn jemand aggressiv auftritt und uns Schlötterlings anhängt, dann nehmen wir die Kontrolle genauer, als wenn jemand anständig bleibt», sagt Frei.

Gleiche Rechte, gleiche Pflichten

Bleibt die Frage aller Geschlechterfragen: Wer ist der unangenehmere Zeitgenosse bei einer Kontrolle? Er oder sie? Nicole Holliger lacht. «Beide können es gleich gut.» Einen Unterschied zwischen den Geschlechtern gibt es allerdings: «Wenn ein Mann merkt, dass wir seinen Versuch, die Wahrheit zurechtzubiegen, durchschauen, steckt er das lächelnd weg. Eine Frau hingegen ist zutiefst beleidigt.»

Keine Frage ist die Geschlechterfrage dagegen im Polizeikorps selber. «Wir sind absolut gleichberechtigt und auch voll akzeptiert», sagt Holliger. Das bedeutet umgekehrt: «Von uns wird die gleiche Leistung und Belastbarkeit wie von unseren männlichen Kollegen erwartet.» Diese ist jobbedingt hoch und das Erlebte ist nicht immer einfach zu verdauen. «Wir sind oft mit sehr traurigen Sachen konfrontiert, die mir dann auch recht nahe gehen», sagt Frei. Natürlich versuche man, eine professionelle Distanz zu wahren, aber das gelinge nicht immer. «Die eine oder andere schlaflose Nacht gehört zum Job dazu.»

Auch diese Belastung trägt wohl dazu bei, dass der Polizeiberuf nach wie vor männerlastig ist; bei der Polizei Oberes Fricktal arbeiten derzeit drei Polizistinnen und elf Polizisten. «Wir werden nicht geschont», sagt Frei, «jeder macht alles.» Die beiden Frauen blicken sich kurz an, nicken. «Gerade die immense Abwechslung, die der Job bietet, macht für mich auch den Reiz aus. Ich möchte keinen anderen Job machen», sagt Frei dann und Holliger ergänzt: «Ich habe den genialsten Job, den ich mir vorstellen kann.»

Juli 1996. Ich mimte in der Kontrolle den Charmeur. Genützt hat es nichts. Die Busse wegen «Nichttragen der Sicherheitsgurte» musste ich gleichwohl zahlen.