Am 31. Dezember wird Markus Klemm seinen Kleiderschrank öffnen und den langen schwarzen Mantel herausnehmen. Er wird sich einen schwarzen Schal um den Hals wickeln und seine Hände in schwarze Handschuhe stecken. Zuletzt wird er sich den alten, hohen Zylinder, ein Erbstück seines Grossvaters, auf den Kopf setzen.

So gekleidet wird Klemm das Haus verlassen und in die Silvesternacht treten. Um 20.30 Uhr wird er elf ebenfalls ganz in schwarz gekleidete Männer im Kirchgemeindehaus treffen, um sich mit ihnen einzusingen. Markus Klemm ist einer der Sebastiani-Brüder.

Nur wenige Meter hinter dem Bahnhof Rheinfelden liegt die Arztpraxis von Klemm. Auf einer bronzefarbenen Tafel steht: «FMH für innere Medizin». Drei Treppenstufen führen zum Hauseingang. Im Innern zieht sich ein brauner Spannteppich über die gesamte Bodenfläche. Ein Gang führt geradewegs in das Zimmer, wo Klemm seine Patienten empfängt. Auf dem Pult scheint jeder Gegenstand seinen Platz zu haben.

Markus Klemm ist ein aufgeräumter Mensch. Klemm hat die Praxis von seinem Vater übernommen. Dieser war für ihn nicht nur ein berufliches Vorbild, von ihm stammt auch die Faszination für die Sebastiani-Brüder. «Als kleiner Junge war ich stolz, dass mein Vater in der Bruderschaft war», sagt Klemm. Es sei etwas Besonderes gewesen, den Vater an Heiligabend und in der Silvesternacht im Dunkeln zu begleiten, wissend, dass er einer von denen war, der eine alte Tradition bewahrte. 1988 wurde Klemm in die Bruderschaft aufgenommen. Damals war er mit seinen 40 Jahren der Jüngste.

Als Sebastiani-Bruder muss man singen können. Für Klemm war das kein ein Problem. «Ich sang schon zu meiner Gymnasialzeit in einem Chor.» Nebst dem alljährlichen Brunnensingen, singt Klemm in einem Chor.

Bedachtheit des Arztes

Klemm sitzt hinter seinem Pult und schaut aus kleinen, dunklen Augen hinter runden Brillengläsern. Er spricht mit der Bedachtheit eines Arztes, ist zurückhaltend. Am Ringfinger der rechten Hand trägt er einen Siegelring. Das Familienwappen? Auf seiner Krawatte sind Äffchen und Papageien abgebildet.

«Ich finde das einen würdigen Brauch», sagt Klemm über die Sebastiani-Bruderschaft. Hätte er zur Zeit der Pest in Rheinfelden gelebt, dann wäre er vielleicht auch Pestarzt gewesen und hätte geholfen die Kranken zu versorgen, sagt er. Umso mehr fühlt er sich mit der alten Tradition verbunden. Es sei für ihn ein Gefühl der Verbundenheit mit der Stadt Rheinfelden. Hier sei er aufgewachsen und er könne sich nicht vorstellen, woanders zu leben.

Sebastiani-Bruder ist man so lange, bis man entweder nicht mehr gehen kann oder stirbt. «Wenn einer das Amt annimmt, dann ist das eine Lebensaufgabe», so Klemm. Das müsse man sich gut überlegen. Denn Ferien um die Weihnachtszeit gehören ab dann der Vergangenheit an. Auch Klemm musste den Beitritt zuerst mit seiner damaligen Frau besprechen, bevor er zusagte. Seither ist es ein Versprechen an die Bruderschaft, das unlöschbar ist.