Laufenburg

Der Abschied fällt schwer: Villa wird geräumt – die Asylsuchenden werden verlegt

«Wie eine Familie»: Mitglieder der IG Asyl zusammen mit zwei Asylsuchenden im Treffpunkt in Laufenburg.

«Wie eine Familie»: Mitglieder der IG Asyl zusammen mit zwei Asylsuchenden im Treffpunkt in Laufenburg.

Der Treffpunkt ist für die Asylsuchenden «wie eine Familie». Sie gehen nur ungern aus Laufenburg weg. Eine Bilanz.

Mitte Juli wird die Asylunterkunft an der Hinteren Bahnhofstrasse in Laufenburg geschlossen. Spätestens dann heisst es für die 27 Asylsuchenden, die derzeit in der ehemaligen Villa leben: Abschied nehmen. Sie werden in andere Unterkünfte verlegt, wohin, ist derzeit noch nicht klar. Eine Option ist das Container-Dörfli in Frick.

Der bevorstehende Abschied fällt Ghias Kuki, 26, nicht leicht. «Es ist schön hier», sagt der Afghane, blickt in die Runde, lächelt verlegen und fügt an: «Es ist wie in einer Familie.» Gemeint sind die Freiwilligen der IG Asyl, die in Laufenburg seit zwei Jahren den Treffpunkt betreiben. Dieser Ort der Begegnung hat viel dazu beigetragen, dass die anfängliche, massive Angst vor dem Fremden bei etlichen Laufenburgern einer Neugier am Unbekannten wich.

Auch Amanuel Yemane, 24, würde liebend gerne in Laufenburg bleiben. Der Treffpunkt bedeutet dem Eritreer viel. «Gemeinsam ist es einfacher, Lösungen zu finden», sagt er, verstummt kurz, sucht im Gedächtnis nach einem passenden Sprichwort. «Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg», fährt er fort – und strahlt. «Amanuel ist unser Sprichwortsammler», erklärt IG-Mitglied Dora Freiermuth.

Er werde die Menschen in Laufenburg nie vergessen, versichert Yemane und fügt dann einen Satz an, der die vier anwesenden IG-Mitglieder sichtlich rührt. «Ich habe mit den Menschen hier einen Herzensvertrag für immer abgeschlossen.» Falls Yemane nach Frick verlegt wird, was er sich wünscht, «werde ich ab und an auf Besuch kommen». IG-Mitglied Hannelore Haberthür lacht, denn Yemane ist dann in guter Gesellschaft: «Etliche Asylsuchende, die im Notspital untergebracht waren, kommen noch heute im Treffpunkt vorbei.» Die Asylunterkunft im Notspital war bis im letzten Sommer in Betrieb.

Die Menschen in Laufenburg machen für Hussein Alamary, 21, den Unterschied zu anderen Unterkünften aus. «Sie bedeuten mir viel.» Der Eritreer schätzt an der Unterkunft beim Bahnhof, dass sie relativ klein ist. «Wo viele Menschen zusammenleben, gibt es in der Regel auch viele Probleme.»

Alle drei Asylsuchenden sprechen erstaunlich gut Deutsch. Das ist auch das Verdienst der IG Asyl; neben dem wöchentlichen Treffpunkt ist der Deutschunterricht das zweite Hauptangebot der IG.

Dora Freiermuth lacht, wie sie sich an die Anfänge der IG zurückerinnert. «Wir wussten nicht, was da auf uns zukommt.» Als sie den Treffpunkt zum ersten Mal öffneten, «waren wir schon etwas nervös». Die Asylsuchenden, so sollte sich zeigen, ebenfalls. Denn beide Seiten beschritten damals Neuland. «Es lief von Anfang an toll», so Freiermuth. Und es hinterliess bei allen «viele bleibende Eindrücke».

Ein Moment berührte Hannelore Haberthür besonders: der Abschied von Abdullah. Im letzten Juli ertrank der 19-jährige Afghane im Rhein. «Wir nahmen zuerst am Rhein, dann an einer Feier im Wald von ihm Abschied», erzählt Haberthür. «Die Feier hat mich tief bewegt.» Es gab in den letzten zwei Jahren «viele bewegende Momente», sagt IG-Mitglied Marlies Hauser. Der Eritreaabend etwa, an dem Asylsuchende von ihrer Heimat erzählten und am Schluss gemeinsam sangen. Oder die Weihnachtsfeiern.

Zukunft ist offen

Bewegend waren stets auch die Momente, in denen es galt, Abschied zu nehmen. Manche mussten in ihr Land zurück, andere zogen an einen neuen Ort, dritte nutzten das Angebot der IG nur eine Zeit lang. «Sie lernten bei uns, selbstständig in der Schweiz zu leben. Damit hatten wir unser Ziel erreicht.»

Wie es mit dem Treffpunkt weitergeht, wenn Mitte Juli die Asylunterkunft geschlossen wird, ist noch offen. «Unsere Idee ist es, den Treffpunkt als Begegnungsort für und mit Migranten offenzuhalten», sagt Hauser.

Damit die Idee nicht ein Luftschloss bleibt, braucht es zweierlei: Menschen, die mitwirken – aktuell zählt die IG Asyl noch zehn aktive Mitglieder. Zweitens braucht es Geld; die Miete für den Raum im «Schützen» zahlt bis Ende Juli der Kanton, danach muss eine neue Lösung gefunden werden. Man werde beim Kanton einen Antrag um finanzielle Unterstützung stellen, sagt Hauser. Gesucht werde auch das Gespräch mit der Stadt und «mit.dabei Fricktal».

In einem ersten Schritt will sich die IG klar werden, wie sie weitermachen will. Yemane, der Sprüchesammler, würde dazu wohl sagen: «Kommt Zeit, kommt Rat.»

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1