Der Staub um die geplanten Aushubdeponien im Fricktal hat sich etwas gelegt. Zurück bleibt die Frage: Wie weiter? Denn in der Mitteilung, mit der der Kanton vor zwei Wochen den Planungsstopp – man kann auch sagen: den Abbruch der Übung – bekannt gab, machte er unmissverständlich Dreierlei klar: Es braucht, erstens, eine oder mehrere Deponien; das Verfahren wird, zweitens, neu gestartet; die vier bislang angedachten Deponiestandorte Bözen, Herznach, Hornussen und Wegenstetten sind, drittens, noch nicht vom Tisch. «Zum heutigen Zeitpunkt lässt sich nicht sagen, ob einer der vier Standorte wieder zum Thema wird», sagte Bernhard Fischer, stellvertretender Leiter der Abteilung Raumentwicklung beim Kanton, zur az.

In Herznach, Ueken und Bözen, wo der Widerstand gegen eine Deponie besonders massiv war, schrillen bei solchen Worten die Alarmglocken. «Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass erneut ein Standort in Bözen oder einem der umliegenden Dörfer aufs Tapet kommt», sagt alt Gemeindeammann Hanspeter Joss, einer der Vorkämpfer gegen die Deponie im Dorf. «Aber wir werden die Entwicklung genau verfolgen und uns bei Bedarf wieder zum Protest formieren.»

«Die Gefahr ist erst gebannt, wenn ein definitiver Entscheid in der Deponiefrage vorliegt», Max Sterchi, Präsident Verein «Erhalt Buech»

«Die Gefahr ist erst gebannt, wenn ein definitiver Entscheid in der Deponiefrage vorliegt», Max Sterchi, Präsident Verein «Erhalt Buech»

Für Joss kommt weder Bözen noch ein anderes Dorf im Tal als Standort infrage. «Unser Alleinstellungsmerkmal ist die hohe Wohnqualität», sagt er. «Da passt eine Deponie wie eine Faust aufs Auge.» Zumal die Erinnerung an jene Zeit, in welcher der gesamte Schwerverkehr durch das Dorf rollte, «noch in bester Erinnerung ist». Dass Joss nicht nur für sein Dorf denkt und spricht, liegt daran, dass sich Bözen, Effingen, Elfingen und Hornussen eine Fusion überlegen. «Wir müssen deshalb jetzt schon geschlossen und mit einer Stimme auftreten», fordert Joss.

Gefahr noch nicht gebannt

In Bözen wehrten sich 451 Personen gegen eine Deponie; in Ueken und Herznach waren es sogar 962 Personen. Wortführer war der Verein «Erhalt Buech» unter Präsident Max Sterchi. Auch er sagt: «Wir bleiben wachsam», denn: «Die Gefahr ist erst gebannt, wenn ein definitiver Entscheid in der Deponiefrage vorliegt.» Der Verein wird deshalb wohl nur auf «ruhend» gestellt – «damit wir sofort wieder aktiv werden können, sollte das ‹Buech› erneut als Standort ins Gespräch kommen.»

Ob einer der vier Standorte tatsächlich wieder ins Rennen geschickt wird, kann Christian Fricker, Präsident des Planungsverbandes Fricktal Regio, heute nicht sagen. «Sie stehen für mich derzeit nicht im Vordergrund», sagt Fricker, macht aber gleichzeitig klar: «Allein wegen des Widerstandes sind sie nicht vom Tisch. Wir rollen das Verfahren nun neu auf und gehen dies ergebnisoffen an.» Das heisst aber auch: «Die bisherigen Standorte werden ebenfalls nochmals diskutiert.» Zumal sie ja in einem aufwendigen Verfahren als die bestmöglichen taxiert wurden. Sterchi kontert: «Das ‹Buech› nochmals zu bringen, wäre politisch unklug, frech und arrogant.»

«Die vier bisherigen Standorte stehen für mich derzeit nicht im Vordergrund», Christian Fricker, Präsident Fricktal Regio

«Die vier bisherigen Standorte stehen für mich derzeit nicht im Vordergrund», Christian Fricker, Präsident Fricktal Regio

Der neue Prozess startet in rund drei Wochen; dann findet eine Re-Start-Sitzung mit dem Kanton statt. Fricktal Regio will sich noch stärker auf die Rolle des Koordinators besinnen. «Die Gemeinden und der Kanton sind im Lead.» Hier fordert Sterchi, dass insbesondere der Kanton «über die Bücher geht». Denn im ersten Verfahren blieb unbeachtet, dass zwei der vier Standorte im Jurapark liegen, was für Sterchi eine Deponie zum Vornherein ausschliesst. Dies «übersehen» zu haben, ist für ihn «ein gewaltiger Fauxpas».

Besser kommunizieren

Achten will Fricker insbesondere darauf, dass die Kommunikation diesmal besser läuft. Dies war beim ersten Verfahren – neben dem hohen Verkehrsaufkommen – einer der Hauptkritikpunkte; die Bevölkerung fühlte sich vor den Kopf gestossen, da sie erst informiert wurde, als praktisch schon alles besiegelt war. Joss nennt es eine «Kaskaden-Politik», die im heutigen, digitalen Zeitalter unhaltbar sei. Er wie Sterchi erwartet, «dass die Bevölkerung von Anfang an miteinbezogen wird». Dies werde so sein, sagt Fricker.

Die Grundfrage, ob es überhaupt eine weitere Deponie braucht, beurteilen die Protagonisten unterschiedlich. Für die Unternehmer ist klar: Ja. Für Sterchi und Joss ist dies «gar nicht so klar». «Es gibt genügend Deponieraum», sagt Joss. Ihn ärgert vor allem, dass die Deponie als Fricktaler Deponie verkauft wird, der Aushub aber dann aus anderen Kantonen herangekarrt wird. Der Verein «Erhalt Buech» stellte selber umfangreiche Berechnungen an und kam dabei ebenfalls zum Schluss: «Der Bedarf war deutlich zu hoch ausgewiesen.»

Er wie Joss erwarten, dass die Bedarfszahlen überprüft werden. Fricker verspricht, dass man dies tun werde und auch den Import-Vorwurf ernst nehme. Auch er findet: «Wir wollen nicht eine Deponie für alle sein.» Die strikte Trennung in unteres und oberes Fricktal indes findet er wenig zielführend. «Wir sind eine Einheit und müssen die Probleme gemeinsam lösen.»