Schon seit acht Jahren lebt er mit seiner Familie in der Schweiz, in einer Gemeinde im Fricktal, Kanton Aargau. Er wohnt dort mit seiner Schweizer Freundin, mit der er zwei Töchter im Alter von 7 und 5 Jahren hat. Die Familie ist in der Gemeinde gut integriert, die Töchter sprechen deutsch und englisch, gehen dort in die Schule und er führt ein bürgerliches Leben. Nur wenige wissen, dass es sich bei dem gebürtigen Waliser mit dem amerikanischen Pass um Roger Glover handelt. Rock-Bassist und Produzent von Deep Purple sowie Co-Autor von «Smoke on the Water», einer der weltweit bekanntesten Rock-Hymnen.

Roger Glover lebt in der Gemeinde weitgehend inkognito. Die Leute erkennen ihn nicht, weil sie gar nicht wissen, wer er ist. «Ich sage es ihnen nicht», sagt Glover, «ich bin Rockmusiker und mag es nicht, berühmt zu sein. Ich bin froh, dass ich in meiner Gemeinde als normaler Bürger leben kann.» Er will seine Privatsphäre wahren. Nicht nur seinetwegen, vor allem aus Rücksicht auf seine Familie.

Glover hat seine Freundin auf einem Flug kennen gelernt. Sie war Flight Attendant. Es dauerte aber eine Weile, bis der Rockmusiker zu ihr in die Schweiz zog. 30 Jahre lang lebte er mit seiner ersten Frau in den USA. Nach der Scheidung war es für ihn ein pragmatischer, praktischer Entscheid, zu ihr in die Schweiz zu ziehen. Das zentral gelegene Fricktal liegt für einen tourenden Musiker ideal.

Deep Purple VIII ist die langlebigste Formation in der bald 50-jährigen Geschichte der Band. Mit Roger Glover, Don Airey, Ian Paice, Steve Morse und Ian Gillan (von links). Fotos: Jimi Rakete/HO

Deep Purple VIII ist die langlebigste Formation in der bald 50-jährigen Geschichte der Band. Mit Roger Glover, Don Airey, Ian Paice, Steve Morse und Ian Gillan (von links). Fotos: Jimi Rakete/HO

Glover liebt das Landleben

An die Lebensweise im Fricktal musste sich Glover aber erst gewöhnen. Jahrzehnte lang lebte er in einer urbanen Umgebung, doch heute sagt er: «Ich liebe das Landleben.» Er mag die Leute dort, die sogar von der anderen Strassenseite grüssen. «Sie sind unvoreingenommen, reserviert, konservativ und respektieren die Privatsphäre», sagt er.

Doch ganz verheimlichen lässt sich die Sache nicht. Kontakte werden geknüpft, auch über die Schule und die Freundinnen der Töchter und ihre Eltern. Freundschaften in der Schweiz entstehen. In seinem Haus sieht man keine Goldenen Schallplatten, keine Awards, aber die Gitarren an der Wand verraten den Rockmusiker.

Hin und wieder kommt es zu peinlichen Situationen. Als er im lokalen Kopierladen neue Fankarten drucken lassen wollte, erkannte ihn der Inhaber nach einiger Zeit auf dem Bandfoto und geriet ganz aus dem Häuschen. Ähnlich war es auf der Gemeindekanzlei. Die junge Dame am Schalter lief rot an, als sie merkte, wer vor ihr stand. «Ich hasse solche Situationen, sie sind mir unangenehm», sagt Glover und fürchtet, dass die Leute in seiner Gemeinde ihr Verhalten zu ihm und seiner Familie ändern, wenn sie wissen, wer er ist.

«Time For Bedlam» vom neuen Album «Infinite» (2017)

Der neuste Deep Purple-Song «Time For Bedlam» vom Album «Infinite» (2017)

Er lebt seinen Traum

«Als ich 15 war, träumte ich davon, Rockmusiker zu werden. Mein Traum ist wahr geworden. Das ist mein Leben, meine Liebe», sagt Glover, der nie etwas anderes gemacht hat. Schon in der Schule, im College. Mit 19, im Jahr 1965, wurde er Profi-Musiker in der Band Episode 6, wo er auch den späteren Purple-Sänger Ian Gillan kennen lernte. 

Als Glover 1969 bei Purple begann, war er vor allem Bassist. Organist Jon Lord, Gitarrist Ritchie Blackmore und Schlagzeuger Ian Paice prägten die Band. «Ich bin ein ordentlicher Bass-Spieler, als Musiker und Instrumentalist komme ich aber nicht an diese grossen Virtuosen heran», sagt Glover. Das war mit ein Grund, weshalb er sich auf das Songschreiben und das Produzieren verlegte. Neben den Purple-Alben «Perfect Stranger» (1984), «The House of Blue Light» (1987), «Purpendicular» (1996), «Abandon» (1998) produzierte er für Bands wie Nazareth, Spencer Davis Group, Rory Gallagher, Status Quo, David Coverdale, Judas Priest und Ritchie Blackmore’s Rainbow, bei denen er von 1979 bis 83 auch Bassist war. 

Im letzten Jahr hat Ritchie Blackmore mit Rainbow ein Comeback gegeben. Doch Glover hat keinen Kontakt zu dem egozentrischen Gitarristen mehr. «Ritchie kann sehr nett und charmant sein, aber er hat seinen eigenen Weg eingeschlagen. Ich hoffe, er ist glücklich», sagt Glover. 

Kein Abschiedsalbum

Am nächsten Freitag erscheint «Infinite», das 20. Studioalbum von Deep Purple. «Infinite» (endlos, unendlich) sowie der Titel der anstehenden Tournee «The Long Goodbye Tour» sind absichtlich zweideutig. Das Album soll «möglicherweise das letzte sein», heisst es in den Promo-Unterlagen. Wirklich? Setzt sich Roger Glover schon bald im Fricktal zur Ruhe? «Noooo», sagt er mit einem Lachen. Die letzten beiden Studioarbeiten mit Produzent Bob Ezra waren so fruchtbar und ein so grosses Vergnügen. Nein, ich will nicht aufhören.» Ähnlich geht es mit den Touren. Rund ein halbes Jahr ist Glover mit Deep Purple «on the road». «Wir machen keine Tour, um ein neues Album zu promoten. Wir sind ohnehin unterwegs. Wir sind fit und gefragt, finden auf der ganzen Welt ein Publikum. Es macht so viel Spass. Es gibt keinen Grund aufzuhören.»

Also kein letztes Album, keine letzte Tour. «Ich glaube an das Unplanbare. Ich will das Leben nicht designen, aber ich kann es umarmen», sagt Glover, «die besten Dinge im Leben lassen sich nicht planen. Auch die Kinder waren nicht geplant, aber es passierte.» Festlegen lässt sich Glover nur auf das Fricktal und die Schweiz. «Die Schweiz ist meine Heimat», sagt er und kann sich sogar vorstellen, die Schweizer Staatsbürgerschaft zu erlangen. «Wieso eigentlich nicht?»