Schupfart

Das vielleicht letzte Halleluja: Die Musikgesellschaft feiert Jubiläum – und kämpft um ihre Zukunft

Die Musikgesellschaft Schupfart posierte 1899 mit ihren Instrumenten für ein Foto.

Die Musikgesellschaft Schupfart posierte 1899 mit ihren Instrumenten für ein Foto.

Die Musikgesellschaft Schupfart feiert 2021 ihr 175-Jahr-Jubiläum. Dennoch hat die gesellschaftliche Bedeutung mit den Jahren abgenommen. Nun lebt sie quasi am Rande des Existenzminimums.

Der Entscheid gibt eine gewisse Sicherheit: Die Musikgesellschaft Schupfart erhält vom aargauischen Swisslos-Fonds eine Defizitgarantie über 5000 Franken. Damit, sagt Vereinspräsidentin Astrid Müller, können die Planungen für das anstehende Jubiläumsjahr nun «etwas sorgenfreier» vorangetrieben werden. 2021 feiert die Musikgesellschaft ihr 175-Jahre-Jubiläum. Geplant ist neben einem Kirchenkonzert im Frühjahr und einem Grillplausch im Sommer auch ein Jubiläumsevent im Herbst, samt Auftritten von Gastformationen. «Die Vorfreude darauf ist schon jetzt riesig, trotz der Umstände und Unsicherheiten», so Müller.

Fünf junge Männer waren es 1846, die in Schupfart die Musikgesellschaft gründeten: Franz Josef Hasler, Fridolin Theodor Mathis, Fridolin Hohler, Fridolin Hasler sowie Josef Hermann Müller. «Sie folgten damit einem regelrechten Trend dieser Zeit», sagt Müller. Die Französische Revolution führte zur Gründung vieler Musikformationen – schliesslich war Napoleon als grosser Förderer der Militärmusik bekannt. Das zeigte sich auch in der Region. So wurden damals mehrere Harmonieblasorchester gegründet, etwa auch die Stadtmusik Rheinfelden 1833.

Schon bald reisten die Musiker an Anlässe

«Heute ist es kaum vorstellbar, wie die Musiker das damals geschafft haben», sagt Müller. Schupfart war ein kleines Bauerndorf, die Arbeitszeit eines Arbeiters lag täglich bei 15 bis 16 Stunden, der wöchentliche Lohn bei rund fünf Franken. «Wo also nahmen die Musiker die Zeit her, um die Instrumente zu erlernen? Wo das Geld, diese überhaupt zu kaufen?», fragt Müller. Und auch: Wer unterrichtete die Musiker damals? «Youtube-Anleitungen gab es ja nicht», fügt Müller lachend an.

Eine sichere Antwort gibt es nicht. Klar ist: Die Schupfarter schafften es irgendwie, Instrumente zu beschaffen und diese zu erlernen. Jedenfalls geht aus den Chroniken der Musikgesellschaft hervor, dass diese schon bald an musikalischen Wettkämpfen in der Region teilnehmen konnte und dabei durchaus überzeugte. Als erste Grossveranstaltung führte sie 1882 ausserdem das Fricktalische Musikfest durch.

Tanzabende waren wichtige Treffpunkte

Daneben spielte der Verein über Jahrzehnte gerade auch gesellschaftlich eine wichtige Rolle. Die Musikgesellschaft musizierte an Musikfesten im eigenen Dorf und in der Umgebung. Die Zuhörer konnten sich dabei unterhalten lassen und ihren anstrengenden Alltag etwas vergessen. «Das waren wichtige Treffpunkte für die Bevölkerung. So wurde der Zusammenhalt gestärkt auch über die Dorfgrenzen hinweg», sagt Müller. Sie ist sich sicher: So manche Eheleute fanden damals an einem Tanzfest zusammen. Die gesellschaftliche Bedeutung der Musikgesellschaft hat mit den Jahren abgenommen.

Astrid Müller aber ist auch heute noch überzeugt von den Vorzügen des Vereinslebens – allein der sozialen Aspekte wegen. «In der Musikgesellschaft sind die verschiedensten Generationen vertreten, die gemeinsam auf ein Ziel hinarbeiten und dabei auch viel voneinander lernen können», sagt sie. «Der Zusammenhalt ist gross.» Die Hartnäckigkeit und Geduld, die es braucht, ein Instrument zu lernen, sei ausserdem eine Lebensschule. «So war es in der Anfangszeit der Musikgesellschaft und so ist es auch noch heute», glaubt Müller.

Ein Leben am Existenzminimum

Entsprechend schade findet sie es, dass es immer schwieriger werde, neue Mitglieder zu finden – gerade Jüngere. «Es fällt vielen schwer, sich fest zu verpflichten für die Proben und Auftritte», so Müller. Und: Es gäbe heutzutage auch fast unendlich viele Möglichkeiten für die Freizeitgestaltung. Die Anzahl Mitglieder hat in den vergangenen Jahren so stetig abgenommen. 16 aktive Mitglieder zählt die Musikgesellschaft heute noch. Sie lebt damit quasi am Rande des Existenzminimums. Und steht vor einer offenen Zukunft. Vielleicht ist das Jubiläumsjahr das letzte Halleluja.

Die Hoffnung möchte Müller allerdings noch nicht aufgeben. Vielleicht helfe das Jubiläum ja, das eine oder andere neue Mitglied anzuwerben. «Wir sind jedenfalls für jeden offen, der es einmal versuchen möchte», sagt sie lachend.

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Autor

Nadine Böni

Nadine Böni

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