Die Brisanz ist in der Fussnote 351 versteckt. Zum Umgang mit Geschiedenen, die nochmals geheiratet haben, schreibt Papst Franziskus in seinem apostolischen Schreiben Amoris Laetitia: «In gewissen Fällen könnte es auch die Hilfe der Sakramente sein.» Und weiter: «Gleichermassen betone ich, dass die Eucharistie nicht eine Belohnung für die Vollkommenen, sondern ein grosszügiges Heilmittel und eine Nahrung für die Schwachen ist.»

Was unscheinbar wirkt, ist in Wirklichkeit ein Paradigmenwechsel im Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen. Bislang durften sie nicht zur Kommunion, weil sie nach katholischer Lehre in grosser Sünde leben. Einzige Ausnahme: Sie lebten «wie Geschwister» zusammen. Im Gespräch mit Journalisten beantwortete der Papst die Frage, ob nun also wieder verheiratete Geschiedene zur Kommunion zugelassen seien, kurz und klar: «Ja. Punkt.»

Martin Linzmeier, Gemeindeleiter von Gipf-Oberfrick und Co-Dekanatsleiter im Fricktal, freut sich über die klare Ansage aus Rom. «Papst Franziskus bringt die Bewegung in die Kirchenstrukturen, die ich mir schon lange gewünscht habe.» Unter den beiden Vorgängern, Papst Johannes Paul II. und Benedikt XVI. habe die Kirche «einen starken Rigorismus» gelebt. Im Vergleich dazu «stellt Franziskus alles auf den Kopf».

Theorie und Praxis sind zweierlei

Zumindest die Theorie. Denn in der Praxis ist vielerorts längst Alltag, dass Wiederverheiratete die Kommunion empfangen. «Alles andere ist für mich nicht haltbar», sagt Linzmeier. Für ihn ist das entscheidende Moment das Gebet vor der Kommunion (Herr, ich bin nicht würdig, dass Du eingehst unter mein Dach...). Das treffe alle Menschen. «Die Eucharistie hat ein vergebendes Moment», so Linzmeier. Zudem: «Es gibt auf der Welt viel grössere Verstösse gegen den Gotteswillen, als nochmals zu heiraten.» Jedes Paar, das heirate, habe zum Ziel, dass diese Verbindung ewig halte. «Aber das Scheitern ist Teil des Lebens. Dem darf sich auch die Kirche nicht verschliessen.»

Für Linzmeier liegt es in der Eigenverantwortung eines jeden, zu entscheiden, ob er so lebt, dass er das Sakrament der Eucharistie empfangen kann. «Es ist ein Gewissensentscheid, den ich als Seelsorger nicht für jemanden treffen will und kann.» In seinen 26 Jahren als Seelsorger hatte Linzmeier noch nie das Gefühl, jemand sollte nicht zur Kommunion gehen. «Sollte das einmal vorkommen, werde ich dem Betreffenden sicher nicht die Kommunion verweigern, sondern nach dem Gottesdienst das Gespräch suchen.»

Kirche entdeckt Grautöne

Ein Signal aus Rom freut Linzmeier besonders: Die alte Tendenz der Kirche, nur schwarz oder weiss zu sehen, bricht zugunsten von Grautönen auf – und diese Grautöne sind nicht ein notwendiges Übel, sondern eine Bereicherung. «Franziskus ist auf dem Weg», so Linzmeier, einem Weg, «der aus dem Evangelium keine Steine mehr macht, mit denen man nach anderen wirft».

Dieser Weg ist noch lang und gebirgig, das weiss auch Linzmeier. Ein besonders hoher Berg – man könnte auch sagen: der Gott-hard unter den Pastoralthemen ist der Umgang mit gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. «Hier ist die Kirche noch nirgends», so Linzmeier. Ein starkes Zeichen aus Rom wäre für die gleichgeschlechtlichen Paare wie die Seelsorgenden schön. «Aber das ist wohl selbst unter Papst Franziskus eine Utopie.»

Eine kleine Chance sieht Linzmeier: Dass Franziskus, der viele Entscheide an die Ortskirchen delegiert, auch hier den Bistümern einen Freiraum gibt. «Das wäre eine wichtige Wegmarke.» Man kann auch sagen: ein Bergpreis.