Die SMS erhielt Kurt Adler von der Fachstelle Bildung und Propstei der römisch-katholischen Kirche im Aargau am Freitag kurz vor der Segnungs- und Solidaritätsfeier für gleichgeschlechtliche Liebende, die er zusammen mit Theologin Susanne Andrea Birke in der Gipf-Oberfricker Pfarrkirche abhielt. Das Bistum, teilte Bischofssprecher Hansruedi Huber dem Religionspädagogen per Kurznachricht mit, stehe hinter der Feier.

Im Bistum Chur wäre das Handy von Adler stumm geblieben. Denn Bischof Vitus Huonder und seine Entourage halten von solchen Feiern, vorsichtig ausgedrückt, nichts. Als Wendelin Bucheli, Pfarrer von Bürglen (UR), vor einigen Monaten ein lesbisches Paar segnete, bekam Bucheli nicht nur einen Rüffel, sondern Huonder wollte ihn in sein Heimatbistum Lausanne abschieben. Erst auf massiven öffentlichen Druck und dem Versprechen von Bucheli, künftig auf Segnungsfeiern von gleichgeschlechtlichen Paaren zu verzichten, durfte er bleiben.

Im Bistum Basel sind solche Feiern nicht nur erlaubt, sondern durchaus auch genehm, wie Bischofssprecher Huber gegenüber dem «Echo der Zeit» von Radio SRF sagte. Unter einer Prämisse allerdings: «Dass Paare als Menschen auf ihrem gemeinsamen Weg gesegnet werden und nicht die Verbindung dieser gleichgeschlechtlichen Paare gesegnet wird.» Damit und mit der Vorgabe, dass sich eine solche Segnungsfeier «spürbar» von einer Hochzeit unterscheiden muss, will sich die Kirche vor der Forderung der Homosexuellen schützen, ebenfalls kirchlich heiraten zu können.

Versöhnung mit Regenbogen

Adler und Birke hielten sich an der Segnungsfeier in Gipf-Oberfrick an diese Vorgabe aus Solothurn. Die Feier war festlich – wofür nicht zuletzt das stimmgewaltige Quartett «gl’amoureuse» verantwortlich war –, aber erinnerte in keiner Weise an eine Hochzeit.

Adler wie Birke machten in der Feier aber auch deutlich, dass sie von der katholischen Kirche mehr erwarten; oder sich zumindest mehr erhoffen. Gottes Liebe kenne viele Farben, sagte Birke, sagte es am mit der Regenbogenfahne geschmückten Ambo. Der Regenbogen, dieses Symbol der Lesben- und Schwulenbewegung, ist für Birke auch Zeichen der Versöhnung. «Diesen Weg muss die Kirche bei den Homosexuellen noch gehen.» Sie wünsche sich, «dass wir als Kirche die ganze Schönheit des Regenbogens entdecken».

Für Adler ist klar: Gott nimmt jeden Menschen so, wie er ist. «Ich träume von einer Kirche, in der die Farben spür- und sichtbar werden», von einer Kirche, «die den Mut hat, Farbe zu bekennen». Sprich: Von einer Kirche, die gleichgeschlechtliche Paare auch als gleichwertig akzeptiert. «Ich hoffe, nicht erst in 20 Jahren», hatte Adler zu einem früheren Zeitpunkt gesagt. «Ich hoffe, dass dies schon morgen der Fall sein wird.»

Adler ist sich durchaus bewusst, dass nicht jeder zu jeder Farbe den gleich einfachen Zugang hat. «Zu manchen muss auch ich den Zugang erst finden.» Den (Zu-)Gang zur Feier fanden am Freitag gerade einmal eine Handvoll Personen, vorab Frauen. Damit nahmen an der zweiten Segensfeier, die Birke und Adler für gleichgeschlechtliche Paare durchgeführt haben, nur etwa halb so viele Personen teil wie bei der Premiere vor einem Jahr in Meisterschwanden.

Woran es lag? Am Ort? Am damit einhergehenden Outing? Am Tag? Am Interesse? Mag alles sein; vielleicht lag es auch etwas am (begrabenen) Glauben der Lesben und Schwulen, dass sich in der katholischen Kirche in absehbarer Zeit etwas ändern wird.

«Chur» kam mit Verspätung

Dass nicht wenige Homosexuelle die Hoffnung auf eine Veränderung verloren haben, hängt auch mit dem wieder erstarkten Einfluss der konservativen Kreise innerhalb der katholischen Kirche zusammen. Dafür steht exemplarisch der Churer Bischof Vitus Huonder.

Der Apéro an der Segnungsfeier in Gipf-Oberfrick wurde von zwei Frauen aus dem Kanton Zürich – also aus Huonders Bistum – spendiert. Sie trafen mit erheblicher Verspätung im Fricktal ein. «Das Bistum Chur hat eben bei vielem Verspätung», kommentierte Adler.

Die Kirche, so hofft Adler, wird ihre Verspätung bei gesellschaftlichen Entwicklungen wettmachen – dereinst.