Fricktal

«Das Manna fällt nicht vom Himmel» – GLP-Grossrat Agustoni im Gespräch

Roland Agustoni (GLP, links) sass 23 Jahre im Grossen Rat – lange Zeit zusammen mit Daniel Vulliamy (SVP); das Bild zeigt die beiden bei einem Streitgespräch um die Einführung des Einwohnerrates 2014.

Roland Agustoni (GLP, links) sass 23 Jahre im Grossen Rat – lange Zeit zusammen mit Daniel Vulliamy (SVP); das Bild zeigt die beiden bei einem Streitgespräch um die Einführung des Einwohnerrates 2014.

Am Dienstag sitzt Roland Agustoni (GLP) zum letzten Mal im Grossen Rat. Ein Gespräch über Erfolge, die Sitznachbarn und das Fricktal.

Er gehört zu den Fricktaler Politschwergewichten: Roland Agustoni, 64. Seit 23 Jahren politisiert der Rheinfelder im Grossen Rat, zuerst für die SP und seit 2010 für die GLP. Er fühle sich aus ökologischer, sozialer und wirtschaftlicher Sicht näher bei der GLP, sagte er beim Parteiwechsel.

Agustoni hat viel für das Fricktal getan – und auch viel erreicht. Gerade auch für sein Steckenpferd, den öffentlichen Verkehr. Eines seiner Husaren­stücke war, dass er seine Motion, auf dem S1-Ast zwischen Stein und Laufenburg sei wie zwischen Frick und Stein der Halbstundentakt einzuführen, im Grossen Rat durchbrachte – gegen den Willen der Regierung, die den verbindlichen Auftrag als unverbindlichen Prüfungsauftrag entgegennehmen wollte.

Den Kreditbeschluss für den Frequenzausbau im Grossen Rat und die Umsetzung wird Agustoni nicht mehr als aktiver Grossrat begleiten. Denn wie schon lange angekündigt, tritt er mit dem Erreichen des Pensionsalters zurück. Er erachte das Pensionsalter als den Zeitpunkt, seinen aktiven Platz für jüngere frei zu machen – «egal, wo auch immer», sagte er im ­Januar zur AZ. Anfang April wird Agustoni 65.

Am kommenden Dienstag wird Agustoni an seine letzte Grossratssitzung nach Aarau reisen – vorausgesetzt, die Sitzung findet statt. Die Sitzung ist zwar vorgesehen; definitiv ist die Durchführung aber noch nicht entschieden.

Eine Würdigung in 13 persönlichen Eindrücken.

Mein erster Tag im Grossrat

Mit grosser Spannung fieberte ich der ersten Ratssitzung entgegen. Bei der Vereidigung meinte ich, dass mein Herzschlag weitherum zu hören sei und es verspannten sich bei mir Muskeln, die ich bisher gar nicht kannte. In der SP Fraktion eckte ich schon zum ersten Mal an, mit einer gegenteiligen Meinung zu einem Ratsgeschäft und ich freute mich über meine Wahl in die Umwelt-Bau-Verkehr- und Energiekommission.

Meine Sitznachbarn

In den vergangenen 23 Jahren wechselten meine Sitznachbarn doch des Öfteren. Am längsten hielt es meine GLP-­Fraktionschefin Barbara Portmann neben mir aus. Wir profitierten beide von diesem Umstand. Ihr grosses Wissen in Natur- und Landschaftspolitik bereicherte mich und sie konnte sich auf meine strategischen Fähigkeiten verlassen. Ich konnte mich aber auch mächtig aufregen, wenn die hinter mir sitzenden Mitglieder der CVP einmal wieder «falsch» abgestimmt haben.

Meine Fraktion

Nach dem Wechsel zur GLP bot mir diese Fraktion eine neue politische Heimat. Sie liess mich so politisieren, wie mir der Kopf, das Herz und auch teilweise der Bauch mein Handeln diktierten. Auch, wenn ich nicht immer die Parteilinie vertrat, so stand mir die ideologische Grundausrichtung sehr nahe. Dabei deckte ich klar den linken Flügel der Partei ab. Bleibt zu hoffen, dass die nächsten Wahlen der Fraktion einen Zulauf bescheren, um ihre grundsolide Arbeit besser auf mehrere Köpfe zu verteilen.

Mein öffentlicher ­Verkehr

Durch die von Beginn weg 16-jährige Tätigkeit in der grossrätlichen Umwelt- Bau- und Verkehrskommission erhielt ich unter anderem Einblicke in diverse Verkehrsplanungen. Diese interessierten mich schon früh, so wie auch die Entwicklung der Verkehrsströme bei Auto, Bahn und Bus. Daraus entstand mein politisches Fachgebiet und ich konnte dazu nie genug Material und Daten kriegen und vernetzte mich dazu schon früh mit den angrenzenden Regionen und dem nahen Ausland.

Mein grösster Erfolg

Neben der Überweisung der Motion zum Halbstundentakt in Laufenburg zähle ich auch den SBB-Halt im Augarten, der Flugzughalt in Rheinfelden, die verkehrlichen Verbesserungen bei der Zollautobahn, Ausbauten von Park&Pool-Plätzen im ganzen Kanton, diverse Strassenverbesserungen und die Förderung des öffentlichen Verkehrs sowie die Sichtbarmachung der Verkehrsprobleme, vorab auf der Bözberglinie, zu meinen Erfolgen. Der grösste Erfolg war jedoch die Realisierung der Industrieumfahrung NK 495 von Möhlin nach Rheinfelden.

Meine grösste Nieder­lage

Dass ich mich damals nicht durchsetzen konnte bei der Abstimmung über das Standortkonzept der Berufsschulen. Das Konzept «Stabilo» macht das Rennen und nicht das von mir vehement vertretene Konzept «Regio». Als einziger Fricktaler- Redner dazu vermochte ich am Rednerpult nicht zu überzeugen. Mit «Regio» wäre unsere Fricktaler Berufsschule damals so gestärkt worden, dass wir heute nicht vor dieser Ausgangslage stünden.

Mein schönstes Erlebnis als Grossrat

Es ist so eine Sache mit den «schönen» Erlebnissen. Die schönen Erlebnisse, waren sicher sehr rar und die ganz schönen noch rarer. Aber es gab sie und ich trage sie in mir drin, wo sie hingehören und entsprechend nachwirken.

Mein lustigstes Erlebnis im Grossen Rat

Ich mag mich nicht an lustige Zeiten im Grossen Rat erinnern. Es kam zwar mal ab und zu vor, dass sich eine Sprecherin mit einem lustigen Versprecher bemerkbar machte. Aber lustig habe ich die Sitzungen nie empfunden.

Mein Eindruck von der Fricktaler Delegation

Dass Fricktaler Themen bei der Fricktaler-Delegation spezielle Beachtung finden, ist löblich und für unsere Region sicher wichtig. Die Zusammenarbeit unter uns ist je nach Geschäft aber auch nicht immer so einfach. Oft braucht es «Überzeugungsarbeit», um die Eintracht herzustellen. Aber grundsätzlich müssen wir als Randregion zusammenstehen, um im Kanton der Regionen bestehen zu können und das gelingt uns oft.

Mein Wunsch für das Fricktal

Das Fricktal muss auch als wirtschaftlich starke Region selbstbewusster auftreten. Wir müssen in Aarau unsere Anliegen und Bedürfnisse stärker einbringen. Unsere Kontakte in die Nachbarkantone und das grenznahe Ausland müssen intensiviert werden, da diese mit denselben wirtschaftlichen- und verkehrlichen Problemen konfrontiert sind. Wir müssen uns dazu stärker auf die Nordwestschweiz ausrichten und uns dazu bekennen, sonst werden wir zwischen den Polen Zürich, Baden/Aarau und Basel aufgerieben.

Meine Angst um das Fricktal

Ich habe keine Angst um mein Fricktal. Wir haben es selbst in der Hand und können unsere Zukunft selber bestimmen. Aber wir müssen uns dazu bewegen. Das Manna fällt nicht vom Himmel. Wir müssen auch wieder ein Fricktaler Heimatgefühl entwickeln, für das es sich lohnt einzustehen.

Mein Wunsch an meine Nachfolgerin

Sei immer so, dass du vor dir selbst bestehen kannst.

Mein letzter Tag im Grossen Rat

Ich hoffe, dass ich diesen wie alle meine Grossratssitzungen erleben darf und ich auch diesmal keine Zeitungen lese und den Ratssaal nicht fürs Kaffeetrinken verlasse und mich meine Emotionen nicht allzu stark überkommen.

Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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