Laufenburg
Das Interview mit Christian Haller geht weiter: «Mein Zuhause ist letztlich mein Werk»

Schriftsteller Christian Haller wird am nächsten Mittwoch 75 Jahre alt. Hier lesen Sie den zweiten Teil des Interview in 75 Stichworten.

Thomas Wehrli
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«Wer einen Menschen seinen Freund nennen darf, hat etwas ungemein Wertvolles in seinem Leben»: Christian Haller in seiner Laube in Laufenburg.

«Wer einen Menschen seinen Freund nennen darf, hat etwas ungemein Wertvolles in seinem Leben»: Christian Haller in seiner Laube in Laufenburg.

Sandra Ardizzone

Es ist ein Experiment, auf das sich Christian Haller eingelassen hat. Zum 75. Geburtstag lädt ihn die AZ zum Gespräch in 75 Stichworten.

Nach dem ersten Drittel des Gespräches zieht er ebenso wie ich eine positive Zwischenbilanz. «Das läuft ja rund», sagt er, blickt durch das Fenster auf den Rhein, der ruhig zu unseren Füssen fliesst.

Es bleibt nicht das Einzige, das an diesem grauen Februar-Tag in Laufenburg in Fluss ist: Seine Gedanken sind es – und ein Glas Wasser, das ich auf dem Salontisch in der kleinen Laube verschütte.

«Halb so wild», sagt er, holt einen Lappen und wischt die Bescherung beiseite. Behände tut er dies und ich muss schmunzeln, wie ich mich an die Wischaktion erinnere, als wir zu Stichwort 41 kommen.

26 Gesundheit.

Sie gehört zum Fundament des Lebens. Es ist eine Gnade, gesund und unversehrt zu sein. Ich habe erlebt, was es bedeutet, die Unversehrtheit zu verlieren, invalid zu werden. Alle bis dahin gewachsenen Lebensstrukturen werden schlagartig verändert.

27 Sport.

Als eigene Betätigung ist mir Sport völlig fremd. Ich konnte dem scheinbaren Vergnügen, sich künstlich zum Schwitzen zu bringen, nie etwas abgewinnen. Wenn andere sich abhetzen, schaue ich aber ganz gerne zu.

28 Freundschaft.

Eine Rarität, die man pflegen muss. Wer einen Menschen seinen Freund nennen darf, hat etwas ungemein Wertvolles in seinem Leben. Zugleich ist es eine Kunst, Freundschaften zu erhalten.

29 Abschied.

Es ist unvermeidlich in unserem Leben, dass wir Abschied nehmen müssen, von Menschen, von Situationen, von Orten. Abschied ist ein Begleiter, vielfach mit Verlust und Trauer verbunden. Der Verlust ist aber gleichzeitig die Voraussetzung, dass Neues entstehen kann.

30 Philosophie.

Eine wunderbare Disziplin des Nachdenkens über uns, unsere Welt und unser Hineingeworfen-Sein ins Leben. Philosophie hat mich früh fasziniert. Ich begann Philosophie zu studieren, merkte aber bald, dass sie als berufliches Feld nicht an meinem Weg gelegen hat. Ich wollte erzählend über die Welt nachdenken.

31 Gesellschaft.

Ein Begriff, der sich in meiner Lebenszeit immer wieder geändert hat. Gesellschaft war in der 68er-Bewegung ein grosses Thema.

Wir glaubten, sie sei zu verändern. Später hiess es, dass es keine Gesellschaft gebe, sondern nur Einzelne. Gesellschaftliche Prozesse und Veränderungen habe ich mein Leben lang verfolgt und zu verstehen versucht. Derzeit leben wir in einer grossen gesellschaftlichen Umbruchzeit. Wohin sie uns führen wird, lässt sich heute noch kaum abschätzen.

Christian Haller fotografiert in seinem Zuhause am Ufer des Rheins.

Christian Haller fotografiert in seinem Zuhause am Ufer des Rheins.

Sandra Ardizzone

32 Computer.

Ich interessierte mich früh für die neue Technik. Am Theater, an dem ich arbeitete, gab es bereits einen Computer. (Lacht.) Die ersten Schritte waren zwar ausgesprochen zäh, doch schnell tauchte ich in diese neue Welt aus grünen Buchstaben ein und wollte die Vorzüge schon bald nicht mehr missen.

Als Legastheniker war zuvor Tipp-Ex mein ständiger Begleiter gewesen, und die Nachbesserungsarbeit fiel am Computer deutlich einfacher aus. Ich schaffte mir deshalb bald selber einen Computer an, einen Atari. Einen Apple – wir nannten den Classic «Vogelhäuschen» – konnte ich mir nicht leisten.

33 Nähe.

Das Wort ist für mich zweideutig. Nähe bedeutet einerseits Wärme, ist angenehm, gibt Geborgenheit. Andererseits kann sie auch bedrängend werden. Nähe braucht deshalb ein stetes Aufeinander-Zugehen und Sich-wieder-Entfernen, sie muss atmen, damit der Sauerstoff nicht ausgeht.

34 Beobachten.

Meine grosse Leidenschaft, der ich mich nicht entziehen kann. Es beobachtet einfach mit mir, was mir hie und da einen Rüffel einträgt. Gerade letzte Woche sagte mir meine Begleiterin, ich solle nicht ständig zum Nachbartisch hinüberstarren. Doch das ist leichter gesagt als getan. Es zieht meinen Blick magisch zu einem Geschehen, das ich lesen bzw. verstehen will.

35 Sinne.

Ich bin ein Augenmensch. Wichtig ist für mich auch der Tastsinn, die Berührung. Meine auditiven Fähigkeiten dagegen sind leider nicht sonderlich ausgeprägt, wie auch Geschmack- und Geruchssinn nicht. Die Sinne sind Türen und Fenster zu dieser Welt, einzig durch sie haben wir Zugang zur Welt.

36 Lebenssinn.

Der Lebenssinn ist ein Konstrukt, an dem wir täglich herumschrauben. Wir selbst müssen ihn uns bauen. Und mich fasziniert es, zu beobachten, wie es Menschen verstehen, einen verknüpfenden Sinn in die Heterogenität des Daseins zu legen, einen Lebensfaden zu spinnen, um sich im Labyrinth zurechtzufinden. In Bezug auf den Lebenssinn sind wir alle Dichter.

37 Karriere.

Ich verspürte nie ein Bedürfnis, Karriere zu machen, mich in dieses Spiel um Stellung und Macht zu stürzen. Für mich war es wichtig, an meinen Projekten zu arbeiten, Zeit für das Erleben und das Erkennen zu haben.

38 Lehren.

Dazu habe ich ein gespaltenes Verhältnis. Es ist notwendig, Wissen weiterzugeben, doch Lehrer sein wollte ich nicht. Das Didaktische empfinde ich als der Kunst fremd. Das Lehren will etwas Zweckhaftes. Das will meine Literatur nicht. Ich habe zwar selber rund zwei Jahre unterrichtet, wusste aber schon zu Beginn, dass dies eine Episode in meinem Leben bleiben wird.

39 Lernen.

Mir eine lebenslange Aufgabe. Das Lernen hat mich mein Leben lang begleitet. Voraussetzung für das Lernen ist die Neugierde. Sie ist bei mir ausgeprägt vorhanden. Ich bin neugierig auf die Welt, die Menschen, die gesellschaftlichen Prozesse. Ich schaue genau hin, frage nach, suche nach Antworten. Im lerne im Leben, durch das Leben.

40 Essen.

Das Essen hat bei mir keinen sehr hohen Stellenwert. Natürlich, ich esse gerne gut – vor allem, wenn es jemand anderer zubereitet. Selber kann ich sehr genügsam sein. Da neige ich eher zur Askese als zum Schlemmen.

41 Haushalt.

Eine der grässlichen Notwendigkeiten dieses Lebens. Sie ist uns aufgetragen und wir müssen sie irgendwie erfüllen. Ich bin weder geschickt noch wirklich brauchbar im Haushalt – wie im restlichen Leben übrigens auch nicht.

Für jemanden, der den Haushalt gut zu versorgen versteht, bin ich eher ein ärgerliches Hindernis. Ich mühe mich zwar, doch selbst wenn ich mich anstrenge, sieht es noch nach Verweigerung aus – was es wirklich nicht ist.

42 Auszeichnungen.

Preise, wie der Kunstpreis des Kantons Aargau, den ich 2015 entgegennehmen durfte, sind wunderbar. Sie sind eine Ehre, eine Anerkennung und befriedigen die Eitelkeit. Sie sind aber auch für den Verlag wichtig, der einen begleitet, der einen mitträgt. Preise haben auch ihren pekuniären Wert: Sie helfen mit, ein Buch zu verkaufen und seinen Autor zu nähren.

43 Narzissmus.

Die Krankheit der Autoren. Als Autor ist man immer auch Narzisst. Ich spiegle mich in meinen Texten, bin dieser Text, der versucht, die grosse und unerklärliche Schöpfung auf dem Papier selber nochmals zu schöpfen.

Doch obwohl der Narzissmus Teil des Prozesses ist, man muss ihn gleichzeitig bändigen. Denn der Text und damit sein Autor wird auch hart beurteilt oder nicht beachtet. Da droht man als Autor leicht in den Zustand eines Dauerleidenden zu fallen.

44 Kritik.

Die Kritik ist eine zentrale Voraussetzung für das Entstehen eines Textes. Eine unentbehrliche Funktion hat dabei der Lektor. Er ist der erste Kritiker, der sich intensiv mit der Textmasse auseinandersetzt. Reibung ist vorprogrammiert, doch sie führt letztlich zu einem besseren Text. Negative Kritiken schmerzen.

Denn wenn ein Werk erscheint, ist es wie ein Kind, das man in die Welt entlässt. Wird es abgeurteilt, dann tut das weh. (Lacht.) Positive Kritiken liest man dagegen mit einem inneren Nicken und ist froh, dass es noch so kluge Köpfe wie eben diesen Kritiker gibt.

45 Verlag.

Er ist eine Lebensnotwendigkeit für den Schriftsteller. Ich habe das Glück, dass ich seit Jahren bei einem sehr guten Verlag, Luchterhand, aufgehoben bin, von dem ich mich sehr gut betreut fühle. Es wächst dadurch ein Vertrauen heran, das für das Werk wichtig ist, vor allem, wenn es eine Kontinuität in der Lektoratsarbeit gibt.

46 Heimat.

Dieses Wort mag ich nicht. Es ist mir fremd, ich habe keine wirkliche Beziehung zu ihm. Es ist für mich auch ein belastetes Wort. Dadurch, dass es in meiner Familie viele internationale Bezüge gibt, verspürte ich in mir nie die Art örtlicher Verbundenheit, die viele meiner Kollegen empfinden.

47 Zuhause.

Mein Zuhause ist letztlich mein Werk; dort fühle ich mich daheim.

48 Rückschau.

Jetzt, in einem Moment, in dem ich im Alter angekommen bin, halte ich Rückschau. Das dreiteilige Romanprojekt, an dem ich aktuell arbeite, ist eine Rückschau auf den Weg, den das Ich einmal gesucht und auch gefunden hat.

Ich folge dem Weg nochmals, unterziehe ihn gleichzeitig aber auch einer kritischen Schau. Mich beschäftigen Fragen nach den Motiven für diesen Weg, nach den Einflüssen, nach den Formierungen der Zeit, nach den geistigen Begegnungen.

49 Autobiografie.

Den Begriff empfinde ich als problematisch, da er sehr missverständlich ist. Bei «Autobiografie» denken viele Leser, es handle sich um ein realistisches Abbild des Lebens. Das ist es nicht. Jede Autobiografie, zumindest jede gute, hat auch etwas ausgesprochen Fiktionales.

Diese Fiktionalität ergibt sich daraus, dass ich eine bestimmte Auswahl aus dem Lebenszusammenhang treffe. Dazu kommt: Ich schaffe die Wirklichkeit, die ich einmal gelebt habe, in eine sprachliche Wirklichkeit um. Die Sprache wird zur Realität und ist kein Abbild einer einmal gelebten Realität.

50 Blick voraus.

Er wird im Alter stets etwas kürzer. Der Blick voraus interessiert mich enorm. Ich möchte noch erfahren, welche grossen Entwicklungen sich anbahnen, was aus den gesellschaftlichen Verwerfungen wird.

Ich beobachte Auflösungserscheinungen, die sich auch in den Fake News manifestieren, und möchte wissen, was danach kommt. Ich bin unglaublich neugierig, was die Zukunft bringen wird.