Oeschgen
Das Internet machts möglich: Wiedersehen nach 47 Jahren

Mathies Schwarze und Takashi Nakazato verbindet eine besondere Geschichte. Sie haben gemeinsam eine Keramiker-Ausbildung absolviert - vor 47 Jahren. Vor zwei Jahren kam es zu einer Überraschung.

Susanne Hörth
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Takashi Nakazato möchte anlässlich der bald 50-jährigen Bekanntschaft mit Mathies Schwarze eine Ausstellung in Japan organisieren.

Takashi Nakazato möchte anlässlich der bald 50-jährigen Bekanntschaft mit Mathies Schwarze eine Ausstellung in Japan organisieren.

ZVG

Vorsichtig löst Mathies Schwarze das Band, mit dem das vor ihm auf dem Tisch stehende Holzkistchen verschnürt ist. Im Zeitlupentempo hebt er den Holzdeckel ab, nimmt behutsam das in ein Tuch gewickelte Etwas heraus. Die Spannung ist greifbar. Der Oeschger geniesst das Moment und schlägt bedächtig das Stücklein Stoff auseinander. Eine gelb-rötliche, grobkörnige und nicht ganz gleichmässige Schale kommt zum Vorschein. «Eine japanische Teeschale», sagt Mathies Schwarze und schmunzelt ob der sichtlichen Überraschung seines Gegenübers.

Ein lebendes Kulturdenkmal

Die Schale ist eine Kostbarkeit. Ein Geschenk von Takashi Nakazato. «Ein solches Präsent ist eine sehr grosse Ehre», sagt Mathies Schwarze und erklärt: «Takashi Nakazato ist in Japan ein lebendes Kulturdenkmal.» Eine Schale von diesem Künstler zu besitzen, ist etwas ganz Besonderes.

Etwas, das sich zudem nur ein paar wenige auch wirklich leisten können, kostet ein Objekt des berühmten Japaners mindestens eine vier-, nicht selten gar eine fünfstellige Dollarsumme. Takashi Nakazato wurde die Berühmtheit schon mit in die Wiege gelegt. Er ist die siebte Generation in einer hoch angesehenen japanischen Keramiker-Familie. Gehört zu den ganz wenigen, die noch die ursprüngliche Art der Keramik pflegt. Entgegen der bekannten, hauchdünnen japanischen Porzellanmanufaktur wird bei dieser ursprünglichen Keramikherstellung nicht auf Perfektionismus gesetzt. Die in Holz gebrannten Stücke sind oftmals sogar ganz bewusst mit Fehlern verarbeitet.

Je länger Mathies Schwarze das Gefäss in seinen Händen bewegt und betrachtet, desto faszinierender findet er es. Und das liegt wirklich nicht «nur» am materiellen Wert des Sommerteegeschirrs. «In Japan ist das Teetrinken aus solchen Gefässen mit einer grossen Zeremonie verbunden», weiss Schwarze. «Sie sitzen da und betrachten das Geschirr von allen Seiten, reden darüber. Das Trinken des Tees wird zweitrangig.»

Gemeinsame Ausbildung

Den 70-jährigen Mathies Schwarze und den 78-jährigen Takashi Nakazato verbindet eine besondere Geschichte. Vor 47 Jahren haben sie gemeinsam in Deutschland eine Keramiker-Kunstausbildung absolviert. Nach Beendigung der Ausbildung brach der Kontakt ab.

Dann, vor zwei Jahren, die Überraschung. Als herausragende Keramiker haben sich beide Männer in der internationalen Kunstbranche einen guten Ruf erarbeitet. Nakazato stiess im Internet zufällig auf seinen früheren Studienkollegen. Nahm daraufhin Kontakt mit Mathies Schwarze auf. Dessen Überraschung war ebenso gross, wie auch die Spannung auf das erste Wiedersehen.

Dieses Treffen vor zwei Jahren – der Japaner weilte zu Besuch in Oeschgen – beschreibt Schwarze wie folgt: «Japaner haben eine sehr eigenwillige Mentalität. Takashi war bei unserem ersten Wiedersehen sehr, sehr zurückhaltend. Hat nur geschaut und beobachtet. Positive oder gar lobende Worte blieben komplett aus.» Erst beim zweiten Treffen – wiederum bei Mathies Schwarze und seiner Partnerin Franziska Gloor in Oeschgen – öffnete sich der Japaner seinen Freunden.

Geplante Ausstellung in Japan

In etwas mehr als zwei Jahren sind es 50 Jahre her, seit sich die beiden Männer kennenlernten. Für Takashi Nakazato ist es klar, dass das Jubiläum mit einer gemeinsamen Ausstellung gefeiert werden muss. «Selbstverständlich in Japan», schmunzelt Mathies Schwarze. Die vier- und fünfstelligen Preise, die der Japaner für seine Werke verlangt, würden hier niemals bezahlt. Ansehen und Geld sind für Takashi Nakazato sehr wichtig.

Dass dem so ist, macht Mathies Schwarze mit einem Beispiel deutlich: «Auf der Auffahrt zu Nakazatos Haus steht in der Pflästerung in lateinischen Worten geschrieben, «Venite cum pecunia» (Kommt mit Geld). Schwarze lacht herzlich und verstaut vorsichtig die Teeschale seines japanischen Freundes in der Holzkiste.

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