Die Affäre um den langjährigen Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz, dem unsaubere Geschäftsführung vorgeworfen wird, bewegt die Gemüter stark. Besonders auch jene der Raiffeisenkunden. Das spüren auch die Raiffeisenbanken in der Region. Sie halten in den nächsten Wochen ihre Generalversammlungen ab. Wie gehen sie da mit der Causa Vincenz um?

Vier Raiffeisenbanken haben auf die Fragen der AZ geantwortet. Sie alle wollen an ihren Versammlungen die Affäre thematisieren. Man werde im Rahmen der Berichterstattung auf das Thema Vincenz eingehen, sagt Urs Obrist, Vorsitzender der Bankleitung der Raiffeisenbank Mettauertal.

Er betont, wie seine Kollegen, dass man zwischen der Raiffeisen Schweiz Genossenschaft und den autonomen regionalen Raiffeisenbanken unterscheiden müsse. «Wir verlangen vom Verwaltungsrat und der Geschäftsleitung von Raiffeisen Schweiz Genossenschaft eine lückenlose Aufklärung und vollständige Transparenz», hält er fest.

Auch Jascha Schneider, Verwaltungsratspräsident der Raiffeisenbank Wegenstettertal, spürt, dass die Affäre die Mitglieder beschäftigt. Die Mitglieder wie die Bankleitung seien «stark interessiert an den Vorkommnissen und möchten umgehend Transparenz über die Geschehnisse», so Schneider.

Fragen offen beantworten

Man werde an der Versammlung Fragen, die auftauchen, «offen und ehrlich nach bestem Wissen und Gewissen» beantworten, halten Peter Senn, Vorsitzender der Bankleitung der Raiffeisenbank Regio Laufenburg, und Verwaltungsratspräsident Urs Siebenhaar fest.

Und auch Susanne Kaufmann, Vorsitzende der Bankleitung der Raiffeisenbank Möhlin, sagt: «Selbstverständlich werden wir anlässlich unserer Generalversammlung zu diesbezüglichen Fragen unserer Genossenschafter Stellung nehmen.»

In Möhlin und Kaisten können diese die Mitglieder bereits in vier Tagen tun: Die beiden Banken halten – als erste in der Region – ihre Versammlung am Samstag ab.

Obrist spricht die Dynamik der Affäre an. «Verwaltungsrat und Bankleitung der Raiffeisenbank Mettauertal wissen zum heutigen Zeitpunkt nicht mehr, als in den Medien bereits veröffentlicht wurde.»

Diese Dynamik sorgt auch dafür, dass heute noch unklar ist, was genau an den Mitgliederversammlungen, die in den nächsten Tagen und Wochen stattfinden werden, gesagt werden kann. Senn und Siebenhaar formulieren es so: «Wir sind bestrebt, den Kunden möglichst aktuelle Informationen mitzugeben. Aufgrund der täglich oder fast stündlich wechselnden Medienberichte wissen wir heute jedoch nicht abschliessend, welche Informationen wir an die Kunden herantragen werden.»

Banken vor Ort nicht betroffen

Klar ist den regionalen Bankleitern auch, dass die Affäre den Namen «Raiffeisen» belastet. «Das Image und der Ruf von Raiffeisen allgemein leiden unseres Erachtens sehr», sagt Obrist und auch Schneider «spürt den Unmut, aber auch das Vertrauen in unsere Bank im Wegenstettertal».

Diese Einschätzung teilt Obrist. Die Kunden und Mitglieder würden sehr wohl zwischen den Ereignissen bei Raiffeisen Schweiz und der Bank vor Ort unterscheiden. «Im täglichen Kundenkontakt spüren unsere Mitarbeiter und wir unverändert ein starkes, gegenseitiges Vertrauen.»

Auch Schneider betont: «Unsere Bank ist von den Ereignissen nicht direkt betroffen. Wir haben keinen Abfluss von Geldern feststellen können.» Diese Aussagen machen auch die anderen angefragten Bankleiter.

Es gebe «vereinzelte Rückmeldungen mündlicher Art», halten Senn und Siebenhaar fest. «Abflüsse von Kundengeldern sind bis jetzt keine zu verzeichnen.» Auch Obrist spricht von vereinzelten mündlichen Rückmeldungen. Weitergehende Kundenreaktionen wie Kündigungen oder Misstrauensbekundungen habe man bis heute nicht gehabt.

Ob die Affäre der Bank vor Ort langfristig schade, sei schwer einzuschätzen, sagen Senn und Siebenhaar. «Momentan sind wir überzeugt, dass der Kunde sehr wohl unterscheiden kann zwischen den Vorgängen in St. Gallen und der tagtäglichen Arbeit vor Ort.»

Mit Fragen der Mitglieder an der Versammlung rechnen Senn und Siebenhaar «nicht unbedingt.» Aber sie wären darauf vorbereitet. Anders Schneider. «Ich rechne an der Versammlung mit Fragen zur Affäre Vincenz und zur Finma. Ich werde proaktiv das Thema ansprechen. Ich will maximale Transparenz schaffen.»

In der Höhle des Löwen

Gerade die Bank im Wegenstettertal sei im Bezug auf Raiffeisen Schweiz in einer speziellen Situation, so Schneider. «Wir haben erfolgreich gegen die Strategie von Raiffeisen Schweiz gekämpft, kleine Banken zu einer Fusion zu zwingen.»

Er ist überzeugt: «Der Genossenschaftsgedanke muss wieder höher gewichtet werden. Rendite und Wachstumsdenken haben hinten anzustehen.»

Im Wegenstettertal kommt es an der Generalversammlung vom 24. März zudem zu einer speziellen Konstellation: Michael Auer, Geschäftsleitungsmitglied von Raiffeisen Schweiz, wird im Fricktal auftreten.

Geplant ist eine Podiumsdiskussion zum Thema «Die Zukunft einer kleinen Bank». «In diesem Zusammenhang werden wir sicher auch auf Vincenz und die Finma-Untersuchung zu sprechen kommen», so Schneider.