Stein

Das grösste Exportzentrum der Schweiz ist ein «Schlafdorf» im Fricktal

Novartis verbaut in Stein AG 500 Millionen Franken.

Novartis verbaut in Stein AG 500 Millionen Franken.

Im Fricktal produzieren BASF, DSM, Novartis und Syngenta Güter für mehr als 20 Milliarden Franken. Das sind über zehn Prozent aller Warenexporte der ganzen Schweiz.

Betriebsamkeit sieht anders aus: Ein paar Senioren treffen sich morgens um 9 Uhr zum Kaffeeklatsch im «Steiner Stübli» mitten in Stein im aargauischen Fricktal.

An einem Tisch in der Gartenbeiz sitzen drei Büezer im Übergwändli beim Znüni. Die Lüftungsspezialisten von Cofely sind dauernd im Einsatz für BASF, DSM, Novartis und Syngenta, die hier im und um das Dorf Fabriken betreiben.

Diese Life-Sciences-Riesen produzieren jährlich Güter für mehr als 20 Milliarden Franken. Das sind mehr als zehn Prozent aller Warenexporte der Schweiz. Daher ist das von Bewohnern als «Schlafdorf» bezeichnete Stein mit 3018 Einwohnern heute unser grösstes Exportzentrum.

Vor 100 Jahren war dies ganz anders. «Damals zählte das Fricktal noch zu den ärmsten Gegenden», sagt Steins Gemeindeammann Hansueli Bühler.

Das änderte sich in den Fünfziger-jahren, als die später in den Novartis-Konzern integrierte Ciba Betriebsamkeit in die Region brachte. In Stein fand der Pharmakonzern über 500 000 Quadratmeter Land, um seine Expansionspläne zu verwirklichen.

Das war der Beginn eines unglaublichen regionalen Aufschwungs. Allein Novartis bezog 2012 laut einer Sprecherin im Kanton Aargau Güter und Dienstleistungen für 155 Millionen Franken.

Parkplatzprobleme wegen Novartis-Angestellten

In Stein selbst ist kaum spürbar, dass hier Tausende von Chemie- und Pharmaangestellten arbeiten. Bauarbeiter oder Angestellte von Zulieferern verlassen das Fabrikgelände oft nur, weil sie ihre Arbeitsüberzüge abziehen müssten, um sich in der Kantine zu verpflegen.

Deswegen pilgern sie ins nahe Restaurant «Treffpunkt» zu Isabelle Wyss. Ihr Geschäft läuft am besten in der Znüni-Pause: «Fünf bis zehn Leute von Novartis leisten sich täglich je zwei Kaffees und ein Sandwich für Fr. 11.60 bei mir.»

Die Pharma-Angestellten lassen wenig Geld in Stein liegen. Nur 20 bis 30 sind täglich Kunden der nahegelegenen Migros-Filiale ein. Weniger positiv sei, klagt Filialleiterin Nicole Meyer, dass seit April Novartis-Leute ihre Parkplätze belegten.

Seit April dürfen Mitarbeiter, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln innert höchstens 45 Minuten anreisen können, nämlich keinen Parkplatz mehr auf dem Werkgelände benutzen.

Heute wohnen mehr als 100 Novartis-Mitarbeiter in Stein. Dank ihrem Arbeitgeber profitieren sie vom milden Steuerfuss von 98 Prozent. Gegen ein Sechstel der Steuereinnahmen von neun Millionen Franken stammen von juristischen Personen wie Novartis und von Quellensteuern, welche deren rund 600 Grenzgänger abliefern.

Ex-Gemeinderätin Anna Sandoz, die in Stein die Boutique «Fantasia Geschenke» betreibt, sagt: «Dank den Steuergeldern von Novartis konnten wir unsere Infrastruktur ausbauen und unsere Strassen in Ordnung bringen.»

Davon profitiert auch das örtliche Baugewerbe. Grossaufträge der Chemie- und Pharmafirmen angelten sich meist grössere Firmen als die, welche in Stein domiziliert sind, sagt Markus Rohrer von Holzbau Rohrer:

«Wir führen Unterhalts- und Wartungsarbeiten für DSM und Syngenta in Sisseln aus», sagt er. Das Volumen im Wert einiger zehntausend Franken schwanke stark: «Es macht fünf bis zehn Prozent unseres Umsatzes aus.»

Auch Bad Säckingen profitiert

«Das Dorf», klagt Rohrer, «hat sich wegen des ungestümen Wachstums stark verändert.» Die Zuzüger hätten keinen Bezug zu Stein, das Dorfleben veröde. Allerdings verfügt Stein auch über keinen gastronomischen Anziehungspunkt mit einem innovativen Angebot.

Tagsüber bietet das am ehesten noch Beck Markus Kunz aus Frick, der in Stein einen Laden samt Café betreibt. Er bewirbt sich aktuell um die Belieferung eines Kiosks mit Backwaren auf der 500-Millionen-Baustelle von Novartis.

Mittags essen deren Mitarbeiter, die sich nicht in der Kantine verpflegen, eher selten bei Kunz. Sie trippeln lieber über die Holzbrücke ins deutsche Stein-Säckingen mit seiner pittoresken Altstadt, wo sie vom günstigen Eurokurs profitieren.

Hier betreibt Christian Herzog das 4-Sterne-Hotel «Goldener Knopf«. Weil es die Nummer 1 der Region ist, bucht Syngenta oft Dutzende von Zimmern für 70 Euro. «Der Konzern ist für mich ein wichtiger Umsatzträger», sagt Herzog.

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