Wahlen 2019

Das Fricktal verliert seinen Nationalratssitz — trotz vieler Stimmen

Nach der Wahl ist vor dem Abräumen: Christoph Riner sammelte am Montag die im ganzen Kanton verteilten Plakate wieder ein.

Nach der Wahl ist vor dem Abräumen: Christoph Riner sammelte am Montag die im ganzen Kanton verteilten Plakate wieder ein.

Nach 32 Jahren sind die Bezirke Rheinfelden und Laufenburg nicht mehr in Bern vertreten. Oder doch bald wieder? Eine Nachwahlbetrachtung aus regionaler Sicht.

Es ist für das Fricktal so herausgekommen, wie es zu erwarten war: Die Bezirke Laufenburg und Rheinfelden sind ab Dezember nicht mehr im Bundesparlament vertreten – erstmals seit 32 Jahren.

Zwar trat Maximilian Reimann, der seit 1987 ununterbrochen in Bern politisiert, nochmals an. Allerdings tat er dies nicht auf der Liste seiner Partei, der SVP, sondern kandidierte mit einer eigenen Liste, dem Team65+. Dies deshalb, weil sich Reimann der Altersguillotine, welche die SVP für die Nomination eingeführt hat, nicht beugen wollte. Neu gilt bei der SVP die Regelung, dass Kandidierende ab einem gewissen (Amts-)Alter eine Zweidrittelmehrheit bei der Nomination erreichen müssen.

Maximilian Reimann selber holte am Sonntag zwar beachtliche 13 142 Stimmen – für einen Sitz reichte es aber mit einem Wähleranteil seiner Gruppierung von 1,38 Prozent bei weitem nicht. Er habe das Fricktal 16 Jahre im Ständerat und ebenso lange im Nationalrat vertreten dürfen, sagt Reimann zur AZ. «Seit Mitte des letzten Jahrhunderts war kein anderer Politiker aus dem Aargau so lange in Bern.» Dabei entstamme er erst noch dem bevölkerungsschwächsten Bezirk.

Zweiter Wahlgang birgt noch Hoffnung

Reimann sieht für das Fricktal gleichzeitig intakte Chancen, wieder in Bern vertreten zu sein. «Dann nämlich, wenn sich bekannte Leute wie etwa der aktuelle Regierungsrat Alex Hürzeler zur Verfügung stellen und sich die fricktalische Wählerschaft möglichst geschlossen hinter sie stellt.»

Vielleicht muss das Fricktal aber gar nicht so lange darauf warten, wieder in Bern präsent zu sein. Denn noch ist nicht aller Tage Wahlabend: Die beiden Aargauer Sitze im Ständerat sowie der nach dem Rücktritt von Franziska Roth frei gewordene Sitz im Regierungsrat werden erst im zweiten Wahlgang im November ausgemarcht. Und damit beginnt das muntere Sitzeraten.

Nehmen wir die SVP. Sie ist zwar die grosse Verliererin der Nationalratswahlen im Aargau (-6,5%), hat aber bei den noch zu besetzenden Sitzen zwei Trümpfe im Ärmel: Hansjörg Knecht könnte den Sprung in die kleine Kammer schaffen, Jean-Pierre Gallati jenen in den Regierungsrat. Beide wurden am Sonntag aber auch in den Nationalrat gewählt. Im Fall ihrer Wahl in den Stände- respektive Regierungsrat würden zwei SVPler ihre Sitze im Nationalrat erben – und Christoph Riner wäre plötzlich erster Ersatz.

Riner hat am Sonntag 53 198 Stimmen geholt – so viele wie kein anderer Fricktaler. Seine Fricktaler Parteikollegin Désirée Stutz kam auf 49 161 Stimmen, mit 23 134 Stimmen erzielte zahlenmässig Carole Binder (SP) das drittbeste Fricktaler Ergebnis.

Christoph Riner könnte erster Ersatz werden ...

Ein derart gutes Resultat hätte er nicht erwartet, sagt Riner am Montag am Telefon. Er ist gerade dabei, die Plakate wieder einzusammeln. So wie er sie zusammen mit seinem Vater und Kollegen aufgestellt hat, räumt er sie auch wieder eigenhändig ab. Er ist dankbar für die vielen Stimmen, die ihm einen gewaltigen Sprung auf der Liste ermöglicht haben: von Listenplatz 15 auf Platz 9. Riner lacht. «Wenn mir am Samstag jemand gesagt hätte, du kommst so weit nach vorne, hätte ich ihm das nie und nimmer geglaubt.» Gerade auch, weil er aus einem bevölkerungsmässig kleinen, ländlichen Bezirk komme. «Das ist schon ein Handicap verglichen mit den grossen Bezirken.»

An den Gedanken, womöglich erster Ersatz zu sein, «gewöhne ich mich erst, wenn es so weit kommt». Riner bleibt, wie im Wahlkampf, bescheiden. Oder eben: «Ächt bodenständig», wie in grünen Lettern auf seinen Plakaten prangte.

Das gute Abschneiden könnte Riner bei den nächsten Nationalratswahlen in vier Jahren helfen, denn die SVP stellt ihre Liste in einem Dreischritt auf: zuerst die Bisherigen, dann die Wiederkandidierenden nach Stimmenzahl, dann die Neuen nach Alphabet. Deshalb sei er dieses Mal auch von Platz 15 aus gestartet. Wieder lacht er. «Am ‹R› lag es.»

Mit dem Abschneiden der Partei – Riner ist auch Bezirksparteipräsident – ist er indes «überhaupt nicht zufrieden». Im oberen Fricktal habe man mit 35,34 Prozent zwar immer noch eine satte Mehrheit und stehe besser da als viele andere Bezirke – aber 5,39 Prozent verloren zu haben «tut schon sehr weh». Man werde das Ergebnis genau analysieren und versuchen, Gegensteuer zu geben.

Verloren hat die SVP auch im unteren Fricktal. Mit einem Minus von 7,89 Prozent fiel das Verdikt hier sogar noch deutlicher aus. Nicht zufrieden ist denn auch Bezirksparteipräsidentin Désirée Stutz – mit dem Abschneiden der Partei ebenso wie mit ihrem eigenen. «Es hätte besser sein können», sagt sie auf Anfrage. Dass ihre Partei derart massiv verloren hat, hängt für sie auch damit zusammen, dass es für die SVP kein einfaches Jahr war, und nennt als Beispiel die Vorgänge um Franziska Roth, die im Juni als Regierungsrätin zurücktrat.

... und Carole Binder könnte sogar gewählt sein

Nehmen wir beim munteren Sitzeraten, zweitens, die SP. Die Partei, die kantonal zu den Gewinnern gehört, erlebte im Fricktal ein Wechselbad der Gefühle. Im unteren Fricktal, wo die Sozialdemokraten traditionell stark sind, verlor die Partei marginal (–0,18), im oberen legte sie 0,89 Prozent zu.

Für Carole Binder war es ein Hochgefühls-Tag, denn sie machte zwei Listenplätze gut und lief auf Platz fünf ins Ziel ein. Sie holte 23 134 Stimmen – genau gleich viele wie Parteikollegin Leila Hunziker. Beide sind sie damit zweiter Ersatz. Sollte die SP nun bei den Ständerats- und den Regierungsratswahlen noch je einen Sitz holen, was theoretisch möglich ist, wäre Binder plötzlich gewählt. Oder doch Hunziker? Niemand weiss es so genau, denn in diesem Fall würde laut Staatskanzlei das Los entscheiden (siehe Artikel Seite 24).

«Ich bin überwältigt», sagt Binder am Tag nach den Wahlen. «Mit einem derart guten Abschneiden hätte ich nie gerechnet.» Binder lacht. Sie sei am Sonntag in der Wahlzentrale der SP gewesen und habe die Resultate aus ihrem Bezirk im Auge behalten, auf die kantonalen habe sie nicht geschaut. Bis ihr jemand sagte: «Weisst Du eigentlich, dass Du auf Platz 5 liegst?» Wusste sie nicht. «Von da an war ich schon nervös», sagt sie. Rolf Schmid, der zweite Fricktaler auf der SP-Liste, kam mit 19 050 Stimmen auf Platz 13.

Zu den grossen Gewinnern gehören auch im Fricktal die Grünen und die Grünliberalen. Im Bezirk Rheinfelden legten die Grünen 4,66 Prozent und die Grünliberalen um 4,13 Prozent zu. Im oberen Fricktal betrug das Plus 3,47 (Grüne) und 2,57 Prozent (GLP).

Entsprechend zufrieden ist Gertrud Häseli. Die Präsidentin der Grünen im Bezirk Laufenburg trat selber an – und landete mit 15 648 Stimmen auf Platz fünf ihrer Liste. Damit hat sie zwei Plätze gutgemacht. «Das Resultat übertrifft meine Erwartungen», sagt sie. Gehofft hatte die Biobäuerin, dass sie einen Listenplatz gutmacht «und von keinem Mann überholt wird», wie sie schmunzelnd sagt. Ersteres hat sie übertroffen, Letzteres erreicht. Der erste Mann auf der Grünen-Liste kommt auf Platz sieben. Der zweite Fricktaler Grüne, Andreas Fischer, holte 11 308 Stimmen, was für Listenplatz 14 reichte.

Einen gewaltigen Sprung nach vorne machte auch Béa Bieber auf der GLP-Liste. Sie startete von Listenplatz 8 und lief mit 13 188 Stimmen auf Platz 4 ins Ziel ein. Entsprechend zufrieden zeigte sich Bieber in einem Communiqué – mit ihrem persönlichen Abschneiden ebenso wie jenem ihrer Partei. Der Wähleranteil der GLP liege in Rheinfelden mit über 10 Prozent deutlich über dem kantonalen Wert. Ein Grund für das gute Abschneiden in Rheinfelden ist sicher, dass beide GLP-Kandidaten auf der Hauptliste aus der Stadt kamen. Der zweite GLP-Kandidat aus dem Fricktal, Michael Derrer, holte am Sonntag 10 343 Stimmen.

Gaby Gerber: «Das Optimum herausgeholt»

Zu den Wahlsiegern gehört im Fricktal – wie kantonal – auch die CVP. Im Bezirk Laufenburg, wo die Partei traditionell stark ist und mit 15,61 Prozent deutlich über dem kantonalen Wert von 9,9 Prozent liegt, resultierte ein Plus von 1,9 Prozent. Im Bezirk Rheinfelden beträgt das Plus sogar 2,05 Prozent; hier kommt die CVP auf 10,94 Prozent (siehe Tabelle). Das beste Fricktaler Resultat erzielte Alfons Paul Kaufmann, er holte 11 126 Stimmen, was Platz 5 auf der Liste bedeutete. Werner Müller holte 10 097 Stimmen (Platz 7) und Marion Pfister, die dritte Fricktalerin auf der Hauptliste der CVP, 8427 Stimmen (Platz 15).

Weniger gut lief es der FDP. Sie verlor im oberen Fricktal 1,79 Prozent der Stimmen, im unteren 0,86 Prozent. Beide Fricktaler Kandidaten liefen hier auf hinteren Plätzen ins Ziel ein. Gaby Gerber mit 18 394 Stimmen auf Platz 14, Bruno Tüscher mit 14 830 Stimmen auf Platz 16. Enttäuscht ist Gerber trotzdem nicht. Sie sei die einzige Kandidatin auf der FDP-Liste gewesen, die noch kein Mandat habe, sagt sie. Zudem habe sie im Bezirk Rheinfelden sehr gut abgeschnitten. Mit 2373 Stimmen holte Gerber hier sogar 91 Stimmen mehr als Spitzenkandidat Thierry Burkart. «Das gute Abschneiden im Bezirk hat mich riesig gefreut», so Gerber. Sie ist überzeugt: «Mit unseren Mitteln haben wir das Optimum herausgeholt.»

Und wie sagt man so schön? Nach der Wahl ist vor der Wahl. Auf ein Neues. In vier Jahren.

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Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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