Strom

Das Fricktal schrieb Weltgeschichte: Hier wurde Strom erst alltagstauglich

Mit der «Brown Nizzola»-Plattform wollen Stadt und IG Pro Steg an die Strompioniere und ihr Werk erinnern.

Die zwei Ingenieure Charles Brown und Agostino Nizzola schrieben in Rheinfelden Stromgeschichte. 1904 wurden weltweit erstmalig, zwei Kraftwerke verbunden – eine Plattform soll dies nun würdigen.

Peter Scholer und Kurt Beretta von der IG Pro Steg stehen derzeit doppelt unter Strom. Da ist zum einen die Abstimmung am 19. Juni über den Zusatzkredit für den Rheinsteg. Das Prestigeobjekt, das einen weiteren Brückenschlag zwischen den beiden Rheinfelden sein will, ist optisch – weitgehend unbestritten – eine Wucht. Aber eben: Er ist auch wuchtig teuer. Statt der veranschlagten 9,5 Millionen Euro kommt er auf 12,7 Millionen zu stehen, statt 1,5 Millionen Franken muss Rheinfelden 4,9 Millionen Franken daran zahlen. Ob die Rheinfelder für den Steg, der in die Kategorie «nice to have» gehört, so tief in den Geldbeutel greifen, ist unsicher.

Und da wäre die «Brown Nizzola»-Plattform, welche die beiden derzeit gehörig unter Strom setzt. Denn bis im August muss die IG Pro Steg das Geld für die grosse Plattform gesammelt haben – sonst wird nur die kleine, vom Souverän 2017 bewilligte Variante realisiert. «Und das wäre sünd und schade», ist Scholer überzeugt, «denn den beiden Ingenieuren gebührt für ihre Leistung eine angemessene Erinnerung.» Schliesslich hätten sie hier in Rheinfelden Stromgeschichte geschrieben.

Kurt Beretta spricht von einer «welthistorischen Bedeutung» von Rheinfelden bei der zweiten industriellen Revolution, der Elektrifizierung der Welt. Denn in Rheinfelden gelang es erstmals überhaupt, zwei Drehstromkraftwerke miteinander zu verbinden, nämlich jene von Beznau und Rheinfelden. Im Fricktal wurde Strom erst alltagstauglich.

Die Unterstation Theodorshof stellte dabei die Transformation der Beznauer Hochspannung auf die Rheinfelder Spannung hinunter sicher. Als Scharnier, wenn man so will, diente der alte, 2011 abgebrochene Rheinsteg: Über ihn führte die Stromleitung, welche die beiden Netze verband. Er war also die Schnittstelle zum ersten Kraftwerksverbund – und somit auch Keimzelle des europäischen Stromverbundes.

Diese «einzigartige, wegweisende Leistung» sei auf Schweizer Seite leider in Vergessenheit geraten, bedauert Beretta. Genau wie Agostino Nizzola, Direktor der Motor AG und einer der beiden beteiligten Strompioniere. «Charles Brown kennt man in der Schweiz bis heute, Nizzola aber kaum noch.» Dies soll sich mit der Plattform am Originalschauplatz ändern. «Wir wollen Nizzola aus der Versenkung holen und beiden Strompionieren ein Denkmal setzen», sagt Scholer, sie ins Scheinwerferlicht rücken, «wohin sie auch gehören».

Spielerisch Geschichte zeigen

Dafür sei die von der Stadt vorgesehene Plattform «einfach zu klein», ist Scholer überzeugt. Sie müsse etwa doppelt so gross sein, damit sie wirklich wirke und damit sie mit spielerischen Elementen, einem stilisierten Querschnitt des alten Steges und Informationen zu den beiden Strompionieren und ihrer Pioniertat Kinder und Erwachsene zum Verweilen motiviert. Das spielerische Moment sind eine 50-Hz-Wippe sowie «Fernrohre», durch welche man eine Reise durch die Zeit machen kann, zurück ins Jahr 1900, als das Kraftwerk gerade gebaut war. «Das Naherholungsgebiet um Rheinfelden erhält so am Originalschauplatz ein Highlight, das einen schönen Ausblick auf den Rhein mit Kraftwerk bietet», ist die IG Pro Steg überzeugt. Ansprechen wollen die Macher dabei «ein breites Publikum», so Scholer, und nennt Spaziergänger, Velofahrer, Touristen, Kurgäste, aber auch Schulklassen. Er ist denn auch überzeugt, dass die Plattform «eine zusätzliche touristische Attraktion» sei und deshalb auch dem Gewerbe zugutekomme.

Für die kleine Plattform hatte die Stadt vor zwei Jahren, im Juni 2017, 160'000 Franken gesprochen. Der grosse Bruder kostet 409'000 Franken – eine begleitende Sonderausstellung im Fricktaler Museum im nächsten Jahre inkludiert.

Von den Mehrkosten von 240'000 Franken ist ein beachtlicher Teil bereits zusammen. 50'000 Franken übernimmt das Museum in Form von Ausstellungen und Löhnen. 87'000 Franken steuern Lotteriefonds und andere Geldgeber bei, 19'600 Franken machen Eigenleistungen von Lehrlingen aus, welche an der Plattform bauen werden.

Crowdfunding gestartet

Für die noch fehlenden gut 90'000 Franken will die IG Pro Steg in den nächsten Wochen bei Firmen, Stiftungen und Institutionen anklopfen. Man werde auch bei den Firmen, die aus dem Verbund hervorgingen, nochmals anklopfen. «Bislang zeigten sie kein Interesse, was wir nicht verstehen können», so Scholer. Schliesslich gehe es ja darum, auch ihre Geschichte zu würdigen.

Zum anderen hat die IG Pro Steg in dieser Woche ein Crowdfunding auf «Lokalhelden.ch» gestartet. Bis Mitte Juli will sie hier mindestens 35'000 Franken sammeln. «Gerne auch das Doppelte», sagt Scholer lachend. Bis gestern Abend haben fünf Unterstützter 720 Franken zugesichert.

Die Zeit drängt. Denn die Plattform soll, daran sind auch Subventionen geknüpft, im Rahmen der trinationalen Bauausstellung IBA 2020 realisiert werden – und damit, wie es der Name bereits sagt, im nächsten Jahr gebaut werden. Gleichzeitig ist das Projekt Teil der Industriewelt Aargau; der vor einem Jahr gegründete Verein fördert und präsentiert, unterstützt vom Kanton, in diesem und im nächsten Jahr Projekte, die das fast 300-jährige Industriekulturerbe des Kantons thematisieren.

Scholer und Beretta sind zuversichtlich, dass es gelingt, die noch fehlenden Gelder zusammenzubekommen. Damit Rheinfelden unter Strom steht, damit «wir den Schatz ans Licht bringen können».

Verwandtes Thema:

Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

Meistgesehen

Artboard 1