Rheinfelden

Das Experiment Musical statt Operette ist geglückt

Die Fricktaler Bühne bringt mit «My Fair Lady» erfolgreich junges Leben in den alten Bahnhofsaal. Das Musical wurde mit grosser Begeisterung oder – um es mit Eliza zu sagen – «mit Pfeffer im Arsch» umgesetzt.

Der Bahnhofsaal steht für Vergänglichkeit. Sein Zustand kratzt selbst an nostalgischen Gefühlen. Besonders prekär sind, für das Publikum unsichtbar, die technischen Einrichtungen auf, über und hinter der Bühne. Umso grossartiger ist, was sich gegenwärtig auf ebendieser Bühne abspielt: Ein Musical – das erste in der 20-jährigen Operetten-Tradition der Fricktaler Bühne. «My Fair Lady», mit seinen 60 Jahren auch etwas in die Jahre gekommen, bringt frisch wie eh und je, beschwingt und mitreissend, neues Leben in die alte Bude.

Das auf Georg Bernhard Shaws Komödie «Pygmalion» basierende Libretto vom selbstherrlichen, versnobten Sprachwissenschaftler Professor Higgins, der aus dem einfachen Blumenmädchen Eliza eine Herzogin macht, indem er ihr beibringt, wie die feine Gesellschaft spricht, hat nichts von seinem Reiz verloren. Von Frederick Loewes Musik ganz zu schweigen: Man hört den ersten Ton und schwelgt fortan von Ohrwurm zu Ohrwurm. Man tut dies doppelt begeistert in dieser Aufführung, die von den Mitwirkenden der Fricktaler Bühne mit grosser Begeisterung oder – um es mit Eliza zu sagen – «mit Pfeffer im Arsch» umgesetzt ist.

«My freche Lady»

«My freche Lady»

Für einmal ist die Hauptrolle von «My Fair Lady» eine rüpelhafte Dame. Eine erfrischende Abwechslung, findet das Promipublikum an der Premiere.

Der Chor ist in Hochform

Ein solches Werk mit seinen zahlreichen Szenenwechseln unter den gegebenen äusserlichen Umständen zu inszenieren, ist wahrlich kein Sonntagsspaziergang. Regisseur Christian Vetsch hat die Herausforderung brillant gemeistert mit spielerischen Szenenwechseln auf offener Bühne, Auftritten aus dem Publikum und vielen kleinen Solorollen für die Chormitglieder. Sie lösen nicht nur diese Aufgaben bestens – vor allem zeigt sich der Chor geschlossen stimmlich in Hochform. Dasselbe gilt für die Musikerinnen und Musiker, die alternierend von Renato Botti und Jonas Ehrler geleitet werden. An der Premiere stellte der erst 24-jährige Ehrler sein Talent souverän und überzeugend unter Beweis. Dass das Orchester den Gesang bisweilen etwas allzu sehr dominiert, liegt leider in der Natur des nicht vorhandenen Orchestergrabens.

Etwas für die Augen und Ohren

Im Mittelpunkt steht klar das Geschehen auf der Bühne, wofür sich nebst den Ohren naturgemäss auch die Augen interessieren. Diese kommen rundherum auf ihre Rechnung: Das Bühnenbild von Kristin Osmundsen ist hübsch und zugleich zweckdienlich, die Make-ups und Frisuren von Nina Wyser sind ebenso reizvoll, wie die sorgfältig und liebevoll zusammengestellten Kostüme von Verena Haerdi. Gäbe es einen Oscar für Hüte, müsste er Theresa Stöcklin für ihre Ascot-Kreationen verliehen werden.

Nebst den Laien stehen immer einige Profis für die Fricktaler Bühne im Einsatz. Entsprechend gibt es immer wieder neue Gesichter und Talente zu geniessen. Solches ist diesmal grandios der Fall mit Lisa Weiss als Eliza Doolittle. 29 Jahre jung, ist die Innsbruckerin ein Glücksgriff, eine Trouvaille: Ausstrahlung, Darstellung und Gesang – da stimmt einfach alles.

Leider ist dies bei Bodo Krumwiede als Professor Higgins nicht der Fall. Mehr Hampelmann als snobistischer Upperclass-Rüppel, agiert er über weite Strecken an der Figur vorbei und vermag auch stimmlich wenig zu überzeugen. Werner Biermeier hingegen bringt einen prachtvoll von Müllkutscher-Leben strotzenden Vater Doolittle auf die Bühne. Auch Niklaus Rüegg als Oberst Pickering, Irène Fritschi als Haushälterin von Higgins sowie Heidi Diggelmann als dessen Mutter fügen sich gekonnt in die sehr gelungene Inszenierung.

So verlässt man den alten Bahnhofsaal nach zweieinhalb beschwingten Stunden, mit vielen beglückenden Eindrücken im Sinn, Musik in den Ohren und dem Gefühl «ich hätt’ getanzt heut’ Nacht» im Herzen.

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