Einmal, da grub in Möhlin einer einen Tunnel unter der Landstrasse durch. Weil er auf der anderen Seite eine Wasserleitung anzapfen wollte. Tunnel- und Leitungsbau gingen gut. Aber als er die Rohre aneinanderschloss, da spritzte ihn der Wasserstrahl von unten bis oben nass. Erst, als der gebuddelte Graben schon voll war und er bis zum Hals im Wasser stand, schaffte er es, den Wasserstrahl zu stoppen.

Die Geschichte erzählt Franz Acklin, Bastler, Mechaniker und Mehler Dorforiginal, bekannt auch als «Schanghaier». Festgehalten ist sie auf einer DVD. Einer von vielen im Bild- und Tonarchiv der Gemeinde Möhlin. Seit über zehn Jahren sammelt eine Arbeitsgruppe Zeitdokumente aus der Geschichte des Dorfes. Nebst Büchern, Protokollen, Rechnungen und Postkarten sind das auch etliche Film- und Tonaufnahmen.

Von Demonstrationen und Eiszeit

Etwa von 1927: Da arbeiten Männer mit Schaufel und Pickel am Bau des Stauwehrs des Rheinkraftwerks Ryburg-Schwörtstadt, während das Wasser durch die Verbauung drückt. Oder von 1958: Da demonstrierten in Möhlin tausende Menschen gegen die von der Aluminiumfabrik in Rheinfelden (D) angerichteten Fluorschäden. Oder von 1963: Da war es im Winter während Wochen so kalt, dass der Rhein zufror.

Die Szenen aus vergangenen Zeiten werden in den Filmen im Archiv durch Gespräche mit alteingesessenen Mehlern oder Mehler Geschichten von Markus Delz ergänzt und dann jeweils im Spätherbst an einem Filmabend im Steinli-Chäller aufgeführt. «Eigentlich betreiben wir eine Art Heimatschutz», sagt Ueli Sager, langjähriger Hausarzt in Möhlin und passionierter Filmemacher.

Er gehört gemeinsam mit Gemeindeschreiber Dieter Vossen, Werner Erni (Tonarchivator), Paul Mahrer (Kamera und Technik) sowie André Beyeler (Leiter Kultur- und Standortmarketing) der Arbeitsgruppe an. «Es geht darum, die alten Geschichten zu erhalten, die den Charakter des Dorfes ausmachen», sagt Werner Erni. Also nicht nur an die längst verschwundenen Gebäude zu erinnern, sondern eben auch an die Menschen, die darin und mit ihnen lebten.

Einmal im Jahr ein Filmabend

Wie kommen die Archivare auf diese Geschichten? Ueli Sager lacht. «Sprechstunde», sagt er. Während 34 Jahren war Sager in Möhlin Hausarzt und als solcher Vertrauensperson vieler alter Mehler. Gesprochen wurde nicht nur über Halsschmerzen und Hautausschlag. «Dieses Vertrauensverhältnis ist entscheidend bei unserer Arbeit», sagt Sager. Und Werner Erni erklärt: «Die Leute kennen uns und erzählen daher teilweise auch aus dem Nähkästchen.» Und dabei stossen die Archivare nicht selten gleich auf die nächste Geschichte.

2017, so plant es Sager, wird im Steinli-Chäller ein Film über das «Rössli» gezeigt. Ein weiteres Gebäude des Mitteldorfes also, das derzeit Teil eines grossen Bauprojekts ist. Vielleicht sei danach Schluss. «Vielleicht haben wir alle Geschichten erzählt», sagt Sager. «Vielleicht war es auch nur die Spitze des Eisbergs», ergänzt Erni und beide lachen. Beide jedenfalls erwähnen weitere Ideen für Porträts, die sie noch verwirklichen wollen. Weitere Geschichten, die zu erzählen es sich lohnt. Damit auch künftige Generationen wissen, dass einmal einer einen Tunnel unter der Landstrasse durch grub.