Tiefe Nacht umhüllt Rheinfelden. Die Dunkelheit lässt das Zähringerstädtchen wie eine mittelalterlich anmutende Szenerie erscheinen. Kein Licht brennt, nirgendwo. Die Häuser gleichen Silhouetten, gleichen grauen Pinselstrichen, auf einem schwarzen Papier gemalt.
Zwölf Männer, schwarzer Mantel, schwarzer Schal, schwarzer Zylinder schreiten über das Kopfsteinpflaster der Altstadt. Gemächlich, bedächtig. Einer trägt eine Laterne, die Kerze flackert im Wind.

Es ist Heiligabend, kurz nach 23 Uhr. Die Männer, die Schwarzgewandeten, gehören der Sebastiani-Bruderschaft an. Sie pflegen einen uralten Brauch: das Brunnensingen. Sie ziehen von Brunnen zu Brunnen in der Altstadt, sechs an der Zahl, und stimmen ihr Weihnachtslied an, immer dasselbe, jenes, das sie schon seit 475 Jahren singen.

Das Brunnensingen entstand 1541 nach einer Pestepidemie in der Stadt. Seither schreiten die Brüder an Heiligabend und an Silvester die Brunnen ab und bringen ihre Weisen dar. Ohne Unterbruch, selbst in Kriegszeiten. Vier Strophen singen sie an Heiligabend, jedes Mal, wenn der Name «Jesus Christus» fällt, heben sie ihre Zylinder.

«Eine grosse Ehre»

Einer der Zwölf ist Stadtammann Franco Mazzi. Er gehört der Bruderschaft seit 1999 an. Zuerst als Ersatzbruder, seit 2000 als einer der Zwölf. Als die Anfrage kam, ob er mitmachen wolle, fühlte er sich geehrt, ist gerührt. Er bedingt sich trotzdem Bedenkzeit aus, denn er weiss: Ein Ja verändert seine Weihnachten – für immer. «Eine Auflage der Bruderschaft ist es, immer und auf Lebzeiten an Heiligabend und Silvester in Rheinfelden zu sein und am Brauch teilzunehmen», sagt Mazzi.

Er besprach es mit seiner Frau, sie sagte: Das geht in Ordnung, denn sie spürte, wie wichtig ihrem Mann eine Teilnahme, oder vielmehr: Ein Teil-Sein an diesem Brauchtum bedeutete.
Dieses Teil-Sein ist für Mazzi, der 2003 in den Stadtrat gewählt wurde und seit 2006 Stadtammann ist, bis heute das grosse Faszinosum. «Die Vorstellung, ein Teil einer uralten Tradition zu sein, die seit 1541 ununterbrochen gepflegt wird, ist eine grosse Ehre, etwas ganz Besonderes», sagt er. Mazzi blättert im Bruderschafts-Buch, bleibt auf einer Seite hängen, zeigt auf einen Namen: Karl Becker, sein Vorgänger, war 49 Mal am Stück dabei.

Franco Mazzi durchlebt in diesem Jahr sein 16. Brunnensingen. Jedes Mal ist es der genau gleiche Ablauf – und doch ist es jedes Mal anders, jedes Mal neu, jedes Mal einzigartig. Schon der Witterung wegen. «Wir haben schon alles gehabt», sagt er, von klirrender Kälte über Schneegestöber bis hin zum Regen, der auf die Zylinder prasselte.

Letzteres sei zwar unangenehm, sagt Mazzi, doch eigentlich irrelevant. Denn während der knappen Stunde, in der die Bruderschaft in der Altstadt unterwegs ist, zählt nicht das Jetzt, nicht das Heute, sondern das Gestern, die Tradition. In diese versinkt Mazzi, wird eins mit ihr, nimmt das Umfeld, von dem er ohnehin nur die Umrisse erkennt, nur als Kulisse wahr. Als Kulisse allerdings, von der er weiss: Es sind Rheinfelder und Gäste, die ebenfalls verbunden sind mit der Tradition, die nur kommen, um sie zu hören, um sie zu sehen, soweit das geht.

Gefühl der Verbundenheit

Es ist dieses Gefühl der Verbundenheit, der inneren Wärme bei aller äusseren Kälte, die Mazzi von Mal zu Mal begeistert. «Ich habe den Schritt, Teil dieser Tradition zu sein, nicht eine Sekunde lang bereut.»

Verändert hat sie sein eigenes Weihnachten. «Wir haben die Familienfeier zeitlich vorverlegt und beginnen bereits um 18 Uhr», sagt Mazzi. Damit es reicht für Lieder, Essen, Bescherung, Gespräche. Seine Kinder, 14 und 18, kennen nichts anderes. Für sie ist es normal, dass Papa kurz vor 22 Uhr aufsteht, sich zurückzieht, sich umzieht, in Mantel und Zylinder wieder auftaucht und sich im Gang verabschiedet.

Es sind nicht viele Leute unterwegs, wenn Mazzi dann durch die Altstadt stapft, hinauf Richtung Martinskirche, wo sich die Bruderschaft versammelt, einsingt, um 22.45 Uhr die Laterne in der Kirche holt, sich noch kurz auf einem der Kirchenbänke niederlässt, um sich zu sammeln, dann hinaustritt und mit dem letzten Elf-Uhr-Glockenschlag losläuft.
Hört, ihr Leut, und lasst euch sagen: die Glocke hat Sebastiani geschlagen.
In Dreierkolonne ziehen die zwölf Männer durch die Altstadt, auf der immer gleichen Route. Alter Zoll, Zähringerplatz, Albrechtsplatz, Obertorplatz, Mädchenschulhaus, Martinskirche.

Zurück auf die Mitternachtsmesse

Um kurz vor Mitternacht sind sie zurück, die Glocken läuten schon für die Mitternachtsmesse, die in Rheinfelden, anders als vielerorts, noch wirklich um Mitternacht beginnt. Tradition verpflichtet. Auch heute Abend wieder.

Nach dem Rundgang setzt sich Franco Mazzi, zusammen mit seinen elf Mitbrüdern, in die Kirche, schaut sich um, sieht bekannte Gesichter, sieht seine Familie. Es ist ein gutes Gefühl, das sich jeweils einstellt, eine Mischung aus innerer Zufriedenheit und tiefer Dankbarkeit. In diesem Moment fühlt er sich, noch tiefer als sonst, mit und in der Stadt verwurzelt.
Es ist dieses Gefühl der Verankerung, der Verortung im Heute durch das Gestern, das Mazzi «um keinen Preis» mehr missen möchte. Wenn er zusammen mit seinen Mitbrüdern unterwegs ist, dann ist er, ganz konkret, ganz real, Teil der Tradition, Teil der Stadt.
Hört, ihr Leut, und lasst euch sagen: die Glocke hat Sebastiani geschlagen.