Mettauertal
«Dann würde ich mich am liebsten zu Hause verkriechen»

Viktor Oeschger und seine Jäger verhindern, dass es im Wald zu viele Tiere gibt und blasen zur Bewegungsjagd. Auch nach 30 Jahren fällt es ihm nicht einfach ein Tier zu töten.

Sarah Serafini
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Lagebesprechung
12 Bilder
Die Jagd wird eröffnet.
Kunstvolle Verzierungen an der Jägdflinte.
Jägerutensilien
Die Flinte wird geladen
Bereit loszulegen.
Ein erlegtes Reh. Achtung: Es folgen explizite Bilder.
Nichts für schwache Nerven: Ein Reh wird ausgenommen.
Die Rehe werden noch vor Ort ausgeweidet.
Gehört ebenfalls zur Jagd: Ein Reh wird ausgeweidet.
Ein ausgeweidetes Reh.
Der Jagdgesellschaft Oberhofen bei der Bewegungsjagd über die Schulter geschaut.

Lagebesprechung

Aargauer Zeitung

Viktor Oeschger, Obmann der Jagdgesellschaft Oberhofen, steht hinter einem Baum im Wald. In seinem Gewehr stecken zwei Schrotpatronen für das Reh oder den Fuchs und eine Kugel für das Wildschwein. «Eine Sau ist robuster. Die Ladung Schrot würde sie einfach abschütteln und munter weiterlaufen», sagt Oeschger und nimmt einen prüfenden Blick durch das Zielfernrohr.

Der 58-Jährige hat einen wachen Blick und ein scharfes Gehör. Kein Rascheln bleibt unbemerkt. Auf der Suche nach dem perfekten Platz für den perfekten Schuss verlässt sich Oeschger auf sein Gefühl. Die Stelle sollte offen sein, sodass er das Wild sieht, wenn es auf ihn zurennt. Ist der Platz gefunden und die Flinte geladen, so heisst es nur noch, auf den richtigen Moment zu warten. Warten, bis die Treiber die Tiere aus ihren Verstecken holen und in Richtung der positionierten Jäger treiben.

Dreimal wird gejagt

Zwischen November und Dezember treffen sich Jäger aus dem Mettauertal und Umgebung insgesamt dreimal im Revier Meiershalden in Oberhofen, um Füchse, Wild und Wildschweine zu erlegen. Drei Jäger sind dafür gar aus dem Kanton Schwyz angereist. Meiershalden ist für sie attraktiv, weil sie dort Wildschweine jagen können. Tiere, denen man im Kanton Schwyz kaum begegnet.

Es ist ein beinahe andächtiger Moment, wie sich die Männer vor der Jagd um das Feuer vor dem Waldhaus Oberhofen stellen und die Hände wärmen. Über den abgetragenen Lederhosen tragen sie Gamaschen, darunter warme Schuhe. Die Köpfe sind bedeckt mit Hüten, die zur Begrüssung angehoben werden. Über der Schulter hängt die Flinte.

Abschussliste wird festgelegt

Ziel der Bewegungsjagd sei die Angleichung des Wildbestandes an ihren Lebensraum, so Oeschger. Die Gemeinde, Förster und Jäger bestimmen alle zwei Jahre gemeinsam, wie viele Tiere erlegt werden müssen, um die Zahl wieder auszugleichen. Im Revier Meiershalden sind es dieses Jahr 22 Rehe. Beim Fuchs muss geschaut werden, dass sich dessen Bestand in Grenzen hält und Wildschweine sollen so viele erlegt werden wie möglich, da sie die Kulturen der Landwirte zerstören, wenn sie nach Würmern wühlen.

Durch die Jagd sei in seinem Revier der Wildbestand immer gleich hoch, so Oeschger. Was an Tieren nachwächst, wird erlegt. «Ich lebe vom Zins, nicht vom Kapital.» Entgegen der Meinung von Kritikern sagt Oeschger, dass es heutzutage nicht mehr die Natur sei, welche die Anzahl der Tiere ausgleiche. «Das war vielleicht vor 200 Jahren so.» Heute sei der Wald eine übernutzte Kulturlandschaft, die sich nicht mehr natürlich reguliere.

Es hornt im Wald

«Jetzt geht es los», sagt Oeschger und leitet den Beginn der Jagd mit einem kräftigen Blasstoss ins eigene Horn weiter. Die neun Treiber beginnen in einer Linie durch Gebüsche und Dornen, bergab und bergaufwärts ein Waldstück abzulaufen. Mit Stöcken, die an Bäume schlagen, und lauten Stimmen, die manchmal zu einem gemeinsamen Lied zusammenfinden, scheuchen sie das Wild auf.

Die fünf Jagdhunde setzen zusätzlichen Druck auf. Zweimal rennt ein Reh an Oeschger vorbei. Dieser setzt sein Gewehr nicht einmal an. «Die Distanz wäre gut, aber es bewegt sich zu schnell», sagt er. Zu gross sei da die Gefahr, dass der Schuss daneben gehen könnte. Seine Kollegen scheinen mehr Glück zu haben. Zweimal knallt es laut. Einmal hat der Schuss gesessen. Ein Reh ist getroffen.

Schlimm sei es, wenn ein Schuss daneben gehe, sagt Oeschger. Das versuche man zwar zu vermeiden, aber trotzdem könne es passieren, dass ein Tier nicht richtig getroffen werde und es nicht sofort tot sei. «Dann würde ich mich am liebsten zu Hause verkriechen.» Stattdessen müsse man aber mit den Hunden an der Leine in den Wald und das angeschossene Tier suchen, bis es gefunden sei. Eine sehr unangenehme Aufgabe.

Sowieso falle es Oeschger auch nach 30 Jahren Jagd überhaupt nicht leicht, ein Tier zu töten. Bei einer Bewegungsjagd habe er keine Zeit für Emotionen, da sei er konzentriert, und alles gehe sehr schnell. «Aber wenn ich alleine auf meinem Hochsitz bin, Zeit habe, das Tier zu beobachten, dann bekomme ich richtig Herzklopfen, bevor ich abdrücke.»

Rehtod als Requiem

Um 16 Uhr treffen sich die Jäger und Treiber wieder vor dem Waldhaus. Ihre Beute: sechs Rehe. Keinen Fuchs, kein Wildschwein. Mit gekonnten Griffen werden die Rehe ausgenommen und mit Wasser gereinigt. Die Leber und die Nieren bekommt der Schütze. Für die letzte Ehrung der Tiere stellt man sich mit gezogenem Hut um das Feuer. Drei Jäger blasen den Rehtod – eine Melodie, die den toten Rehen gedenkt – durch ihre Jagdhörner. Zu ihren Füssen sind die Rehe auf Tannenzweigen gebettet. Jagdleiter Oliver Läuchli tritt vor und gratuliert den Schützen zu ihrer Beute. Diese bedanken sich mit einem «Waidmannsdank».