Die revidierte Nutzungsplanung Siedlung und Kulturland von Magden, über die am nächsten Freitag abgestimmt wird, sorgt für rote Köpfe. Zu reden gibt im Dorf vor allem zweierlei: Erstens die Erweiterung des Siedlungsgebietes um drei Hektaren im Gebiet «Bünn»; hier sollen künftig 300 Personen leben. Zweitens das Areal um die christkatholische Kirche; ein Teil davon soll in die Wohnzone umgezont werden. Letztlich geht es um die Frage: Soll Magden weiter wachsen? Und wenn ja: wie?

Brunette Lüscher, steht die Kirche noch im Dorf?

Brunette Lüscher: Aber klar, sie steht nach wie vor gut verankert im Dorf.

Aber es knistert hörbar im Gemeindegebälk; man kann auch sagen: Die Glocken läuten Sturm. Was ist los?

Lüscher: Das Areal rund um die christkatholische Kirche ist rund sechs Hektaren gross und liegt heute zum Teil in der Zone für öffentliche Bauten. Davon will die Gemeinde eine Hektare in die Wohnzone überführen. Bebaut werden kann davon allerdings nur die Hälfte – mindestens 50 Prozent müssen für die Öffentlichkeit als Freihaltezone zugänglich sein. Der Rest rund um die Kirche bleibt unbebaut.

Regula Bachmann, das tönt doch gut. Heute könnte man auf dem Areal ein Altersheim bauen, wie wir gestern in einem Inserat in der az lesen konnten.

Regula Bachmann: Das ist reine Angstmacherei. Das Land wird sicher nicht mit einem Altersheim überbaut. Zum einen besteht kein Bedarf, zum anderen gibt es genügend besser geeignete Flächen in der Zone für öffentliche Bauten. Wir müssen das «Herzstück von Magden», wie das Ensemble mit Kirche, Pfarrhaus und Friedhof auch genannt wird, erhalten. Das Ensemble braucht dazu den nötigen Umgebungsschutz. Wahren kann man das am besten, indem man das ganze Gebiet als Grünzone ausscheidet.

Will die Gemeinde die Sicht auf die Kirche verbauen?

Lüscher: Ganz sicher nicht. Der grösste Teil des Areals wird nicht verbaut, der Blick auf die Kirche bleibt frei. Heute wächst Mais auf dem Gebiet; künftig wird hier ein Park angelegt. Das ist der bessere und schönere Umgebungsschutz.

Wieso scheidet man dann nicht das ganze Gebiet als Grünzone aus?

Lüscher: Weil die vorliegende Lösung sowohl die Anliegen der Gemeinde wie die der Kirchgemeinde berücksichtigt. Wenn wir das ganze Gebiet in eine Grünzone umwandeln würden, kostet das. Wir müssten der Kirchgemeinde durch die Auszonung wohl eine Entschädigung zahlen.

Bachmann: Das kann sich die Gemeinde leisten. Wir werden deshalb an der Gemeindeversammlung einen Rückweisungsantrag stellen. Darin fordern wir, dass das Areal in eine Grünzone umgewandelt wird. Es ist äusserst schade, dass diese Frage nicht früher diskutiert wurde. Zeit genug hatte man: Bereits an der Zukunftskonferenz 2007 kam klar zum Ausdruck, dass man die Kirche und die Umgebung schützen will. 64 Prozent der Teilnehmer sagten: Das Areal um die Kirche muss freigehalten werden. Die Mehrheit sprach sich gegen eine Überbauung aus.

Missachtet der Gemeinderat den Willen des Volkes?

Lüscher: Überhaupt nicht. Es sind nicht 64 Prozent der Einwohner, die sich für die Freihaltung aussprachen, sondern 64 Prozent der Teilnehmer. Das ist ein grosser Unterschied. Sollte die Nutzungsplanung zurückgewiesen werden, wird der Gemeinderat die gestellten Fragen klären. Ob er dann eine andere Lösung bringt oder nochmals mit der gleichen Vorlage vors Volk kommt, ist offen.

Bachmann: Natürlich kann er nochmals die gleiche Vorlage bringen. Allerdings täte er gut daran, die Anliegen der Bevölkerung bei einer Rückweisung zu berücksichtigen. Ich bin enttäuscht, dass der Gemeinderat uns nicht ernster nimmt.

Nimmt der Gemeinderat die Gegner nicht ernst?

Lüscher: Natürlich nehmen wir sie ernst. Kommt es zu einer Rückweisung mit einem Prüfungsantrag, werden wir diesen seriös und ergebnisoffen bearbeiten.

In der Diskussion fällt immer wieder ein Stichwort: das Wachstum. Oder besser: der Wunsch, langsam zu wachsen. Ist Wachstum des Teufels?

Bachmann: Nein, natürlich nicht. Wachstum ist aber auch nicht das Rezept der Zukunft. Wir leben auf einem begrenzten Planeten und müssen haushälterisch mit den Ressourcen umgehen. Magden ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Die Zukunftskonferenz befand: Wir wollen massvoller wachsen. Nur: Das Wachstum von 600 Personen, das man damals bis 2028 wollte, ist bereits heute praktisch da. Deshalb ist jetzt der falsche Zeitpunkt einzuzonen. Wir müssen verdichten und Lücken schliessen. Auch das ermöglicht Entwicklung und Wachstum.

Lüscher: Eine innere Verdichtung braucht es, da sind wir uns einig. Nur: Längst nicht alle, die Bauland besitzen, geben ihr Land zum Bebauen frei. Und wenn verdichtet wird, dann häufig nicht, um Wohnraum für zusätzliche Personen zu schaffen, sondern für sich selber. Auch unter den Gegnern der Einzonung hat es Leute, die selber grosse Grundstück besitzen – und diese nicht freigeben.

Zwingen kann man niemanden, sein Land zu bebauen. Kommt es ohne Einzonungen zu einem Null-Wachstum?

Bachmann: Nein. Die Aussage, dass wir stets mehr Platz für uns selber beanspruchen, stimmt nicht. Das zeigt auch die Statistik. Die innere Verdichtung wird zu einem Wachstum führen. Mehr braucht es derzeit nicht. Zudem fällt der Druck auf die innere Verdichtung weg, wenn wir jetzt einzonen. Die neuen Gebiete werden dann schnell überbaut – und in ein paar Jahren stehen wir am selben Ort wie heute: Die Reserven sind aufgebraucht.

Lüscher: Die innere Verdichtung ist kein Allheilmittel. Zudem stimmt es nicht, dass der Mensch heute nicht mehr Raum braucht als noch vor wenigen Jahren. Wir brauchen die neue Bauzone, sonst drohen uns rückläufige Einwohnerzahlen.

Magden könnte es sich doch leisten, nicht zu wachsen.

Lüscher: Ach ja? Eine Abnahme der Bevölkerung würde höhere Steuern nach sich ziehen. Wollen wir das? Ich nicht.

Bachmann: Die Annahme ist falsch, dass die Zahl der Einwohner ohne neue Baugebiete abnimmt. In Magden wird das passieren, was wir überall beobachten: Auf dem Land, auf dem heute ein Einfamilienhaus steht, werden künftig Häuser mit zwei oder drei Wohnungen stehen.

Lüscher: (Lacht.) Das wird nur in wenigen Fällen passieren – ausser man enteignet das Land. Denn wer ein Haus kauft, will es für sich.

Bachmann: Doch, Du wirst sehen, das ist die Zukunft.

Magden soll «moderat wachsen», forderte die Zukunftskonferenz...

Lüscher: ...und genau so werden wir auch mit der neuen Bauzone wachsen. Bis 2040 wird der Kanton keine neuen Bauzonen mehr bewilligen. Das heisst, wir werden pro Jahr um 22 Personen wachsen – die innere Verdichtung eingerechnet. Die Zukunftskonferenz sprach von 30 neuen Einwohnern pro Jahr. Wir sind also im Soll.

Bachmann: So kann man es nicht rechnen. Wenn wir die «Bünn» jetzt einzonen, wird es einen Schub geben. Bis 2022 wird das Gebiet überbaut sein und die 300 Einwohner sind da. Für mich ist das der falsche Weg. Wir sollten zuerst nach innen verdichten und dann, wenn wir das dann wollen, weitere Gebiete erschliessen.

Lüscher: Nochmals: Die innere Verdichtung funktioniert nur, wenn die Landbesitzer das wollen. Davon spüre ich wenig. Jeder ist sich selbst der Nächste.

Bachmann: Ich finde es heikel, den Landbesitzern Egoismus vorzuwerfen. Zudem werden mit dem neuen Baugesetz Mittel geschaffen, um den Druck auf die Landbesitzer zu erhöhen, dass sie die freien Parzellen überbauen.

Magden zählte 1959 1000 Einwohner. Seither sind 3000 hinzugekommen. Zerstören nun die 300, die in der «Bünn» dazu kämen, den ländlichen Charakter des Dorfes?

Bachmann: Natürlich wird der dörfliche Charakter nicht per se zerstört. Man kann in der «Bünn» durchaus eine Überbauung realisieren, die qualitativ gut ist. Aber die Steuerungsmöglichkeiten der Gemeinde sind gering.

Lüscher: Das stimmt nicht. Die «Bünn» unterliegt einer Gestaltungsplanpflicht. Wir haben also durchaus Steuermöglichkeiten. Den ländlichen Charakter behält Magden auch mit der «Bünn».

Bachmann: Ich habe mit Gestaltungsplänen keine guten Erfahrungen gemacht. Letztlich gibt der, der überbaut, den Ton an. Unter dem Druck des Geldes ist vieles möglich.

Bereits heute sind die Busse zum Teil übervoll. Droht bei einem weiteren Wachstum ein Verkehrschaos?

Lüscher: Die Busse sind bereits sehr voll, wenn sie im Dorf halten. Daran ändert sich nichts – ob nun Magden wächst oder nicht. Der Verkehr ist vorhanden und wir kämpfen schon lange für eine zusätzliche Busverbindung.

Bachmann: Auch ich habe mich für eine neue Busverbindung eingesetzt. Diese wird es in absehbarer Zeit nicht geben. Wenn wir die «Bünn» nun rasch erschliessen, werden die Leute mit dem Auto zur Arbeit gehen, da die Busse in den Stosszeiten in der Tat überfüllt sind. Wir schaffen uns also neue Verkehrsprobleme, wenn wir schnell wachsen.

Was erhoffen Sie sich von einem Wachstum? Mehr Einnahmen?

Lüscher: Nein. Wir wollen auch anderen Leuten die Möglichkeit geben, im schönen Magden zu wohnen. Auch wir kamen deshalb vor vielen Jahren nach Magden.

Was spricht gegen das Wachstum? Der Egoismus, also die Haltung: Wir wohnen schon da – die anderen sollen schauen, wo sie bleiben?

Bachmann: Das ist absolut nicht meine Denkweise. Es braucht Solidarität, aber das heisst dann ja auch nicht, dass nur Magden wachsen muss.