Frick

Claudine hat genug vom Glück – und findet es vielleicht doch

Marjolaine Minot spielt Claudine, eine alte Dame, die vom Glück nichts wissen will.

Marjolaine Minot spielt Claudine, eine alte Dame, die vom Glück nichts wissen will.

Tiefgründiges Stück im Meck à Frick: Claudine scheint völlig aus der Zeit gefallen. Die alte Frau hat mit dem Glück einen Pakt geschlossen: Es soll sie in Ruhe lassen. Und doch scheint sie zuweilen glückseelig.

Ein ziemlich chaotisches, etwas heruntergekommenes Wohnzimmer, uralte, schäbige Möbel, unzählig viele Bücher, nie gelesen, und ebenso viele funzelige Lampen vom Sperrmüll, das war am Samstag die Bühne im Kleinkunsttheater Meck und ebenso auch das Zuhause der schrulligen Claudine im Stück "Mir stinkt das Glück". Claudine (Marjolaine Minot) ist alt, bewegt sich gebeugt und breitbeinig watschelnd – die Gelenke schmerzen und die Leibesfülle hat zugenommen. Die dicken Wollsocken sind selbst gestrickt, rutschen nach unten, die Haarpracht ist verwuschelt, geblümte Kittelschürze und gepunktetes Kleid entsprechen nicht mehr auch nur entfernt der Mode.

Ihr stinkt das Glück

Claudine lebt alleine und findet das auch gut so. Ihr stinkt das Glück. Windig und unzuverlässig sei dieser Geselle. Ihm läuft sie nicht mehr hinterher wie so viele andere Menschen. Sie hat mit dem Glück einen Pakt geschlossen: sie lässt das Glück in Ruhe und das Glück lässt sie in Ruhe.

Die Gäste im Meck erlebten an diesen Abend eine zutiefst berührende, pantomimische Tragikkomödie mit vielen humorvollen Momenten, bei denen herzhaft gelacht wurde, die aber auch sehr nachdenklich machten. Mit charmanter Liebenswürdigkeit zeichnete die in Paris geborene, 37-jährige Bernerin Marjolaine Minot in ihrem Soloprogramm feinfühlig das Leben einer vereinsamten, kauzigen alten Frau nach in all seinen scheinbar unbedeutenden Kleinigkeiten.

Foxtrott trotz steifer Knochen

Platz ist im Chaos von Claudine Mangelware und so schichtet sie unentwegt um. Dabei entdeckt sie hocherfreut längst abgeschriebene Gegenstände, spricht mit ihnen, erzählt ihnen Geschichten. Zum Beispiel über ihren ungeliebten Nachbarn, der sich zum Sterben ausgerechnet vor ihr Häuschen legte und wie sie ihn mühevoll wegbugsieren musste. Oder von Marianne, ihrer ebenso ungeliebten Nichte, die sie mit Anrufen belästigt und womöglich in ein Heim abschieben will. Doch nicht mit Claudine! Auf den Tod wartet sie daheim, seinen Schrecken hat er längst verloren.

Mit dem grössten Vergnügen durften die Zuschauer beobachten, wie Claudine äusserst erfinderisch wegen ihrer körperlichen Gebrechen heruntergefallene oder weit entfernte Gegenstände mit ihren diversen Zollstöcken herbeiangelt.

Gelassen nimmt sie es hin, dass sie ständig etwas vergisst, «denn meine Gedanken warten eben nicht mehr auf mich». Sie nascht genussvoll verbotene Süssigkeiten, setzt ihr mit Handkurbel funktionierendes Grammophon in Betrieb, tanzt mit ihren Fingern Tango oder erlebt kurze Momente der Glücksseeligkeit, wenn sie versucht, trotz steifer Knochen einen Foxtrott zu wagen.

Claudine, scheinbar völlig aus der Zeit gefallen, ist rührend liebenswürdig, ganz nah unter uns. Feinfühlig beobachtet und schauspielerisch exzellent dargeboten von Marjolaine Minot.

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