Westernhelden schiessen aus der Hüfte, Melanie Lester tut es aus der Wade: Die junge Portugiesin steht auf den Händen und klappt die Beine horizontal über ihren Kopf. Ihr Vater reicht ihr Bogen und Pfeil, sie fasst beides mit dem linken Fuss, spannt mit dem rechten den Bogen, zielt und – der Pfeil steckt in der Strohscheibe.

Das ist einer von vielen atemberaubenden Momenten im neuen Programm von Circus Nock. «Magic World» heisst es und der Tessiner Fabrizio Arigoni schöpft denn auch tief aus der Trickkiste klassischer Magie: Eingeschlossen und gefesselt übersteht er selber den Totalangriff von zwei martialischen Sägeblättern. Auch bangen die Zuschauer um hübsche Damen, die gevierteilt oder von brennenden Spiessen durchbohrt zu werden scheinen. Man hat’s schon oft gesehen und auch schon attraktiver präsentiert als hier.

Roli und Gaston in Hochform

Die «Magic World» von Nock geht indes weit über Zauberei hinaus: In diesem, dem 155. Programm, ziehen vor allem die Nummern hochklassiger Artistinnen und Artisten sowie zauberhafte Tiernummern magisch in Bann – nicht zu vergessen der Humor. Gaston und Roli sind in Höchstform – auch, aber bei weitem nicht nur, wenn Roli als Hypnotiseur seinen Partner in allerlei Getier verwandelt und Gaston als Huhn nicht nur herzerweichend gackert, sondern ein halbes Dutzend Eier legt. Da kann man nur sagen: Halten Sie Ihren Bauch fest beim Kugeln vor Lachen. Komik, verbunden mit Artistik und einer Prise Rap bieten die Mustache Brothers aus Brasilien.

Zu beachten ist aber auch diese Warnung: Vergessen Sie vor lauter Staunen nicht zu atmen, denn einige Nummern sind wahrlich atemberaubend. So die Rollschuhnummer von Vater und Tochter Dalton aus Portugal, die durch Waghalsigkeit und Tempo besticht. Mit ihrer raffinierten Luftnummer in einer drehenden Kugel begeistern vier Brasilianerinnen. Sie fliegen erneut – diesmal zusammen mit vier Männern – in einer Trapeznummer durchs Chapiteau, die vollendeter und eindrücklicher – dreifach Salto inklusive – nicht sein könnte. Mit Tennisbällen macht die Italienerin Kelly Huesca in Sachen Faszination Roger Federer Konkurrenz: Sie jongliert mit vier, sechs, acht Bällen nicht in der Luft, sondern auf dem Boden und auf zwei schiefen Ebenen: In ständig wechselnden, ebenso verblüffenden wie eleganten Formationen und Rhythmen prallen die Bälle auf – nicht nur eine faszinierende Augenweide, sondern auch ein Erlebnis für die Ohren.

Mit Francesco Nock, ist schon mal der älteste von mittlerweile sechs Vertretern der 8. Nock-Generation – fünf Buben und eine Emily – in die Fussstapfen seiner Mutter Verena jun. getreten: Der attraktive Bursche gefällt sehr gut in einer eleganten Strapaten-Nummer, die er gemeinsam mit seiner Tante Franziska bestreitet. Sie in einer wunderschönen Hohen Schule auf dem Rücken ihres braunen Andalusiers Malagenio.

Nock wäre nicht Nock, würden im Programm die Tiernummern fehlen. Sie sind die Domäne von Franziska, welche es aus ausgezeichnet versteht, die Nummern mit Fantasie, Akribie und Können immer wieder neu und weiter zu entwickeln. So können die Zuschauer ebenso eine wunderbar harmonische Freiheitsdressur mit vier schwarzen Friesen und vier weissen Andalusiern geniessen, wie sich vergnügen beim Exotentableau mit Kamelen, Guanakos und erstaunlich wenig störrischen Eseln.

«Magic World» wird ebenso tatkräftig vom bestens eingestimmten siebenköpfigen Orchester abgerundet, wie von einer raffinierten Lichtführung, die das Sägemehl eins übers andere Mal in einen Teppich von unterschiedlichem Design verwandelt. Was dem Sägmehl aber – Gott sein Dank – nicht seinen unverwechselbaren Duft nimmt. Denn ohne den wäre Zirkus höchstens ein Achtel so schön.