Ein Mitarbeiter bei der Sandoz, wo Christian Schweizer seine Lehre zum Agrobiologie-Laboranten absolvierte, züchtete Gespensterschrecken. «Ich war hin und weg, als ich die Tiere zum ersten Mal sah», sagr er.

Vor allem faszinierte ihn, wie es die Gespenstschrecke – und mit ihr viele andere Insekten – geschafft hatte, sich der Natur so sehr anzupassen, dass man sie oft nur mit Mühe von einem Stein, einer Blüte oder einem Zweig unterscheiden kann.

Auf Brennesseln sitzend und schmatzend

Der Mitarbeiter gab ihm einige Eier – «und damit war es um mich geschehen», sagt Schweizer schmunzelnd. Der Startschuss zu einer lebenslangen Passion war gelegt.

Schweizer blickt sich in seiner «Basisstation» in Wittnau um, wo heute auf rund 500 Quadratmetern an die 50 tropische Tierarten mit mehrere tausend Tieren leben, nimmt behutsam eine Stabschrecke aus einem der Terrarien. «Die Faszination über das Wunder der Natur ist mir bis heute erhalten geblieben.»

Eine der grössten Schrecken ist auch ein Chamäleon

Eine der grössten Schrecken ist auch ein Chamäleon

Christian Schweizer stellt die Stabschrecke vor – die ganz entspannt über sein Gesicht krabbelt.

Entdeckt hat Schweizer dieses Wunder mit etwa acht Jahren – auf Brennnesseln sitzend und schmatzend. «Ich zog durchs Dorf, sammelte Raupen ein und hatte jedes Mal eine Riesenfreude, wenn daraus ein Schmetterling schlüpfte.» Später, als es um die Ausbildung ging, suchte er einen Beruf, der seiner nicht alltäglichen Passion nahe kam.

Bis zu 100 Dezibel laut

Der Einzige, der einen Bezug hatte, war jener des Agrobiologie-Laboranten. Hier züchtete er Schädlinge, um an ihnen die Wirksamkeit von chemischen Produkten für die Landwirtschaft zu testen.

Nach der Lehre schaute er sich nach einem «weniger chemielastigen Arbeitsumfeld» um und fand dieses bei Agroscope in Zürich, der eidgenössischen Forschungsanstalt für landwirtschaftlichen Pflanzenbau, wo er seit nunmehr 35 Jahren als Entomologe – als Insektenkundler – arbeitet.

Hier ist Schweizer, 57, für die biologische Bekämpfung von Maikäfern zuständig. Diese sind in einigen Gebieten, insbesondere im Bündnerland und dem Berner Oberland, «ein riesiges Problem und vernichten ganze Ernten». Den Bergbauern mit natürlichen Mitteln helfen zu können, «ist immer aufs Neue eine grosse Genugtuung».

Christian Schweizer präsentiert die Riesensichelschrecke – und ihr ohrenbetäubendes Zirpen.

Christian Schweizer präsentiert die Riesensichelschrecke – und ihr ohrenbetäubendes Zirpen.

Schweizer wirkt zufrieden, wie er von seinem Job spricht, von seinen Tieren, von den Naturwundern, die er jeden Tag erlebt.

«Noch heute ist es für mich das Grösste dabei zu sein, wenn ein Tier schlüpft.» Schweizer geht von Terrarium zu Terrarium, erklärt beim einen das Wesen der Gottesanbeterin, holt bei einem anderen eine handgrosse Heuschrecke heraus, die mit über 100 Dezibel loszirpt. «Eines der lautesten Tiere der Welt.»

Er lacht. «Bei einer Ausstellung in einem Einkaufszentrum kam das Wachpersonal einmal gehörig ins Rotieren, weil es das Zirpen für die Alarmanlage hielt.»

Die Riesensichelschrecke, ein lautes Exemplar der Insektenausstellung im Shoppi Tivoli.

Ganz schön laut: Die Riesensichelschrecke verschreckt die Besucher der Insektenausstellung im Shoppi Tivoli in Spreitenbach.

Zerstörte Dschungelwelt

Schweizer ist in seinem Element. Er erzählt von seinen Reisen nach Malaysia und Indonesien, von den Glücksmomenten, wenn er im Dschungel eine neue Insektenart entdeckt, erzählt auch von den traurigen Momenten, wenn er sieht, wie die Menschen vor Ort mit dem Dschungel umgehen.

«Es ist längst 5 vor 12 gewesen», sagt er, schüttelt den Kopf. Aus reiner Profitgier werde der Lebensraum von zigtausenden Tieren zerstört. Seine bittere Bilanz nach unzähligen Reisen in die Tropen: «Die Dschungelwelt ist kaum mehr zu retten.»

Auch darauf will er hinweisen, wenn er mit seinen Tieren von Einkaufszentrum zu Einkaufszenrum zieht. «Nur was man kennt, kann man schützen», sagt er.

Jeder könne einen kleinen Beitrag leisten – indem er etwa auf Besen verzichtet, die einen Stiel aus Tropenholz haben und stattdessen einen aus einheimischem Holz kauft.

«Der kostet vielleicht ein paar Franken mehr», sagt er. «Aber das ist gut investiertes Geld.» In Leben investiertes Geld.

Vor allem will er mit den Ausstellungen seine Faszination weitergeben, will den Besuchern Einblicke in eine Welt geben, die sie sonst nur in den Tropen erleben können.

Aute in Auge: Christian Schweizer mit einer seiner Riesengottesanbeterinnen.

Aute in Auge: Christian Schweizer mit einer seiner Riesengottesanbeterinnen.

Denn in Zoos sind Insekten Randerscheinungen. «Schade», sagt Schweizer. «Aber auch begreiflich, denn die Insektenzucht braucht viel Zeit und Know-how.»

Auch er musste ab und an Lehrgeld zahlen, etwa, als er seinen Insekten zum ersten Mal eine Gurke gab und sie nicht schälte. Die Tiere verendeten – obwohl die Gurke aus biologischem Anbau stammte.

Des Rätsels Lösung: Im Biolandbau darf pro Jahr eine bestimmte Menge Kupfer zur Pilzbekämpfung eingesetzt werden; an den Schalen hafteten Spuren – zu viel für die Insekten.

Die Tour de Shoppi

Die rund 20 Zentimeter lange Stabschrecke, die er aus einem der Terrarien geholt hat, krabbelt ihm über das Hemd ins Gesicht. Er lacht, nimmt sie und setzt sie ins Terrarium zurück.

Den Menschen einen direkten Bezug zu den Tieren zu vermitteln, ist ihm wichtig. Auch deshalb zeigt er seine Tiere gerne in Einkaufszentren.

Entstanden ist das Konzept dafür vor gut 25 Jahren. Nach einer Ausstellung in einem Naturmuseum kam der Zentrumsmanager des «Shoppi Tivoli» in Spreitenbach auf ihn zu und sagte: «Das müssen wir einer breiteren Öffentlichkeit zeigen.»

Ganz meine Rede, dachte Schweizer, denn da erreiche ich mit meiner Message viele Menschen aus allen Altersklassen und Schichten – und er machte sich an die Arbeit.

Die ersten Entwürfe zeichnete er in den Ferien – in den Sandstrand. Zwei Jahre und etliche Entwürfe später ging die erste Ausstellung im Shoppi über die Bühne – und war ein Grosserfolg.

Ein halber Zoo

Seither hat sich seine Insektenwelt zu einem kleinen KMU entwickelt. Drei Teilzeit-Mitarbeiter betreuen die Tiere. Zu den Ausstellungen reisen er und sein Team mit einem speziellen 40-Tönner, dessen Laderaum sich im Sommer kühlen und im Winter heizen lässt.

«Die Tiere brauchen konstant 30 Grad», erklärt er. Für eine Ausstellung, wie sie derzeit im Shoppi gezeigt wird, karrt er gut sieben Tonnen Material an. «Die Logistik, die es braucht, ist gewaltig», sagt er.

Sie hat sich perfekt der Natur angepasst: Eine Orchideen-Gottesanbeterin aus Malaysia.

Sie hat sich perfekt der Natur angepasst: Eine Orchideen-Gottesanbeterin aus Malaysia.

Bei den Insekten ist es nicht geblieben. Vier verschiedene Ausstellungsthemen bietet Schweizer an und reist wahlweise mit Insekten, Fröschen, Kröten, Echsen, Schlangen, Vogelspinnen, Chamäleons, Leguanen, Geckos und Skorpionen durch die Schweiz. «Ich habe heute einen halben Zoo.»

Wer Respekt hat, hat nichts zu befürchten

Schweizer nimmt vorsichtig einen Skorpion in die Hand. Angst, gestochen zu werden, hat er nicht. «Er sticht nur, wenn er sich in die Enge gedrängt fühlt.»

Wer mit dem nötigen Respekt an die Tiere herangehe, habe wenig zu befürchten. Natürlich habe ihn auch schon ein Skorpion gezwickt. «Aber das ist halb so wild. Das schmerzt nicht mehr als ein Bienenstich.»

Das kleine Gespenst geistert noch heute in seinen Räumen herum. Die Gespenstschrecke war das erste Insekt, das er 1978 züchtete. Und sie ist bis heute einer seiner Favoriten geblieben.

Derzeit hat er mehr als 100 von ihnen. Und jedes Mal, wenn wieder Jungtiere schlüpfen, ist es wie vor 35 Jahren: «Das Herz klopft schneller.»