Meine Absätze hallern von den Pflastersteinen richtiggehend wieder, so verlassen ist das Städtchen grade und nur der Buchdruckergruss an der einen Hausfassade heisst mich mit "Gott grüsse die Kunst" willkommen. An einem der unzähligen Brunnen lege ich noch eine kurze Rast ein und schaue auf den Rhein hinaus, den die Enten für den Winter pflügen. Dann biege ich in die gesuchte Gasse ein.

"Auf dem Fluss

zwischen den Ästen

sich neigender Uferbäume –

die Königsdramen

der Enten"

Herr Haller, Sie haben einen bekannten Namensvetter in der Schweiz: Den Profi-Snowboarder Christian Haller (1989*) aus Davos. Und dann gibt es auch noch den bildenden Künstler Zeh-Ha, der eigentlich auch Christian Haller heisst, und im Bernischen Lengnau tätig ist. Kam es da schon einmal zu einer Verwechslung?

Herr Haller: Ja, tatsächlich. Auf Google war einmal ein Bild des Snowboarders zu sehen und daneben stand: Der Schriftsteller Christian Haller. Ich habe daraufhin die Verantwortlichen gebeten, das zu berichtigen.

Sie sind in Brugg geboren und später an unterschiedlichen Orten aufgewachsen, zum grössten Teil aber in Suhr bei Aarau. Heute leben Sie in Laufenburg, an dem Sie die wunderbar gestaltete Architektur, die über Jahrhundert gewachsene Struktur und natürlich den Rhein schätzen (siehe Interview mit dem Fricktaler Regionalredaktor der AZ - Thomas Wehrli). Was schätzen Sie am Aargau allgemein?

Das ist nicht ganz einfach zu beantworten, da für mich die geographische Verwurzelung mit einer Verwandtschaft, die in verschiedenen Ländern zu Hause war, nie eine grosse Rolle gespielt hat. Ich kann Orte, an denen ich lange gelebt habe, leicht auch verlassen. Aber ich habe natürlich den Grossteil meiner Lebenszeit im Aargau verbracht. Ein Gebiet, das ich mit meiner Kindheit verbinde und das ich beispielsweise auch heute noch bezaubernd finde, ist der Jura, die Bözberglandschaft. Das ist für mich der Aargau. Dort fühle ich mich wohl.

Wie hat sich der Aargau ihrer Kindheit denn zwischenzeitlich verändert?

Der Aargau meiner Kindheit ist Suhr und im Vergleich zu damals ist das Dorf kaum wieder zu erkennen. Heute ist es Agglomeration. Damals aber hatte es einen ländlichen Charakter. Es gab noch einige Bauernhöfe, viele Handwerksbetriebe und Kleingewerbe. Und es war keine reiche Gemeinde. Man muss aber auch bedenken, wie sehr sich allein schon die Vorstellungswelt verändert hat, in der die Menschen damals lebten: Anfangs der dritten Klasse habe ich noch gelernt, dass der Mensch niemals den Mond erreichen könne, weil man selbst in einem Schnellzug, der durchgehend 100kmh fahren würde, länger reisen müsste als ein Menschenleben dauert.

Und wie nehmen Sie die Veränderungen in der literarischen Szene wahr?

Als ich zu schreiben begonnen habe, war das Buch noch mit Radio und Zeitung ein Hauptmedium. Als Autor musste man zusehen, wie man überlebte: Es gab weder Fördergelder, noch Stipendien oder so etwas wie Werkbeiträge. Und man musste sich seinen Lehrmeister selber suchen, wollte man einen haben. Heute gibt es das literarische Institut in Biel, an dem man das Schreiben lernen kann. Aber auch wenn es heute Erleichterungen für Autorinnen und Autoren gibt, so ist es doch nicht einfacher geworden. Das ganze literarische Gebäude, vom Schriftsteller angefangen, über den Verlag, den Buchhandel und den Vertrieb bis hin zum Leser unterliegt einem gewaltigen Wandel. Die Türen zu den etablierteren Verlagen sind extrem schmal geworden, weshalb viele gute Schriftstellerinnen und Schriftsteller auf Kleinverlage ausweichen müssen. So gut diese auch sein mögen, oft haben sie kaum die Mittel dazu, ein Buch im Markt durchzusetzen, bzw. in die Feuilletons zu bringen, die in den letzten Jahren genauso schmal geworden oder ganz verschwunden sind. Aufmerksamkeit ist aber zum vordringlichen Anliegen geworden, während früher der Erfolg eines Buches nicht unbedingt für dessen Qualität sprach und somit noch viel anders gewichtet wurde. Ja, wenn ein Buch seinerzeit Erfolg hatte, hat sich die Autorin bzw. der Autor gar allen Ernstes gefragt, was sie bzw. er falsch gemacht habe.

Wenn wir schon bei den Veränderungen sind … Auch das Theater hat sich ziemlich verändert. Was halten Sie – gerade als passionierter Theaterautor – von diesem Wandel? Oder wie nehmen Sie ihn wahr?

Dass die Regisseure begonnen haben im Rahmen des sogenannten Regietheaters eigene Sichtweisen und Problematiken in die Struktur eines Stücks mit hineinzuweben, hat dazu geführt, dass heutzutage die Regie in den Vordergrund getreten ist und Stücke kaum mehr werktreu auf die Bühne kommen. Die Versuche gerade Klassiker in die Moderne zu übersetzen, kann man zwar beliebig fortsetzen, doch sie haben irgendwann einmal keinen Reiz mehr eine zeitgenössische Dramatik hat es dagegen schwer, und die Kleintheaterszene, in der neue, vor allem auch kritische Stücke aufgeführt worden sind, hat sich gewandelt, wurde mehr und mehr von Comedy und anderen, weniger theatrale Formen wie die Conférence verdrängt, die ein grosses Publikum anziehen. Poetischere Produktionen kosten die Veranstalter auch mehr, da sie mit mehr technischem Aufwand verbunden sind.

Was muss eine Aufführung bieten, dass Sie das Theater im Gefühl verlassen,  der Abend habe sich gelohnt?

Das Stück, auf dem der Abend basiert, muss mich berühren, es muss stimmig inszeniert sein und die Schauspielerinnen und Schauspieler sollten wunderbar spielen. Einer dieser drei Punkte kann von mir aus auch fehlen, aber mindestens zwei müssen erfüllt werden.

Ich verstehe Sie richtig: Sie suchen also primär auch die Emotionen im Theater?

Ja, die Dramatik, die ich in der begnadeten Rolle des Zuschauers quasi durch das Schlüsselloch hindurch miterleben darf, muss mich irgendwo touchieren. Vor allem dort, wo sich auch meine eigenen Problematiken tummeln. Ein gutes Theater verlasse ich im Dialog mit mir selber, in dem ich mich mit den angeschnittenen existenziellen Fragen des Stücks auseinandersetze.

Vier Jahre waren Sie als Dramaturg auch am Theater Claque in Baden tätig. Gehen Sie noch oft zurück ins Städtchen?

Nein, praktisch nicht mehr. Orte, an denen ich längere Zeit gelebt habe, sind danach irgendwie "aus-gelebt" für mich. Sie sind leer wie eine Nuss, von der noch die Schale zurück bleibt, nachdem man ihren Kern gegessen hat.

Es ist bekannt, dass Sie sich ausgiebig mit dem Werk Adrien Turels beschäftigt haben. Können Sie mir noch ein paar andere Werke nennen, die Sie geprägt haben?

In erster Linie sicherlich der Mensch Max Voegeli. Ein wunderbarer Jugendbuchautor und Lehrmeister. Darüber hinaus habe ich viel von Gustave Flaubert gelernt, von Leo Tolstoi, Anton Tschechow oder Joseph Conrad.

Bei Ihren Gedichten in "Laub vor dem Winter" ist mir aufgefallen, dass Sie ihnen oft keinen Titel gegeben haben. Warum?

Ich habe Titel bei diesen Gedichten nicht für nötig befunden. Das ist eine ästhetische Entscheidung.

Stichwort: Entscheidung. Sie sind Mitglied der Jury für die Schweizerischen Literaturpreise. Wenn Sie die eingereichten Werke durchlesen, auf was achten Sie am meisten?

Da gibt es nur ein einziges Kriterium und das ist die literarische Qualität. Es mag eine Vielfalt an literarischen Gattungen geben, aber nur eine Qualität des Geschriebenen. Und die ist entscheidend.

Als ich meinen Laptop herunterfahre und mich auf die Haustür zubewege, fühle ich um mich herum die enorme Kraft von Herrn Hallers Büchersammlung auf mich einwirken. Spontan fällt mein Blick aber nicht auf ein Buch, sondern auf ein Bild mit kyrillischen Schriftzeichen, weshalb Herr Haller und ich kurzerhand noch in ein Gespräch über Russland geraten und dabei feststellen, dass wir beide schon einmal in Murmansk waren. до скорого rutscht mir lautlos über die Lippen, als ich mich verabschiede.