Mit dem Wandel hin zu komplexen Medikamenten und Therapien sind die Anforderungen an die Mitarbeiter deutlich gestiegen, sagt Reto Fankhauser vom Ausbildungsverbund Aprentas. Im Jahr 2000 schlossen sich Novartis, Syngenta und die damalige Ciba zusammen, um die Berufsausbildung gemeinsam zu organisieren.

War früher neben dem Know-how auch Muskelmasse gefragt, weil viele Arbeitsschritte noch von Hand erledigt wurden, muss heute ein Arbeiter in der Lage sein, etwa Anlagen über Computer-Terminals bedienen zu können. Es werde ein grösseres Wissen über die einzelnen technologischen Prozesse verlangt, sagt Fankhauser. Auch wenn jemand nur einen Teilschritt innerhalb eines Produktionsprozesses betreue, müsse er wissen, was davor passiere und was am Schluss dabei herauskomme.

Um den neuen Anforderungen gerecht zu werden, wurde das Berufsbild der Chemie- und Pharmatechnologen im Jahr 2014 vollständig überarbeitet, so Fankhauser. Seit 2014 gibt es drei Schwerpunkte. Lernende können sich zum Chemie- und Pharmatechnologen mit Schwerpunkt Chemie, Pharma- oder Biotechnologie ausbilden lassen.

Rund 50 Prozent aller Auszubildenden absolvierten eine Lehre mit Schwerpunkt Chemietechnologie, was am ehesten dem alten Berufsbild des Chemikanten entspricht, sagt Fankhauser. Der Rest teile sich etwa hälftig auf die Schwerpunkte Bio- und Pharmatechnologie auf. Bei letzterem Berufsbild geht es vor allem darum, den Wirkstoff in seine Darreichungsform zu bringen. So geht es etwa um die Herstellung von Tabletten, aber auch sterile Ampullen oder Fertigspritzen. Die Fachkraft mit Schwerpunkt Biotechnologie wiederum stellt Produkte auf Basis biotechnologischer Prozesse her, etwa Antikörper oder Vitamine.

Mittlerweile sei es schwieriger geworden, die richtigen Leute zu finden, sagt Fankhauser. Er spricht von einem Kampf um Talente. Die Chemie- und Pharmaindustrie steht auch in Konkurrenz zu anderen Branchen wie etwa dem Maschinen- und Metallbausektor. Auch dort würden Lernende für anspruchsvolle Jobs gesucht. Hinzu komme, dass sich gerade in urbanen Gebieten viele Jugendlichen für den schulischen Weg über das Gymnasium oder eine Mittelschule entscheiden würden.

Der Kampf um Talente werde sich noch akzentuieren, sagt Fankhauser. Biogen baut im solothurnischen Luterbach eine neue Anlage, um biotechnologisch hergestellte Medikamente zu produzieren. Der US-Konzern wird rund 600 Mitarbeiter beschäftigen. Und Biogen ist nicht der erste ausländische Konzern, der sich in der jüngeren Vergangenheit hier angesiedelt hat. In der Romandie haben mehrere Firmen ihre Produktionsstätten aufgebaut.

Hindernis für die Digitalisierung

Die Pharmabranche ist mit derlei Problemen nicht allein. Um sich an eine wandelnde Arbeitswelt anzupassen, stossen viele Unternehmen auf das gleiche Hindernis: Es fehlt an den Köpfen, die die Möglichkeiten der neuen Technologien ausschöpfen. Das gilt etwa für die Verbreitung der Digitalisierung, wie eine Umfrage der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich zeigt. «Viele Arbeitnehmer verfügen nicht über die nötigen Kompetenzen», so das wichtigste Ergebnis. Von 1183 befragten Betrieben würden 35 Prozent diesen Mangel als wichtigstes Hindernis angeben. Die Unternehmen könnten deshalb nicht mit der Digitalisierung anfangen; oder diese nicht auf eine neue Stufe heben.

Diese Umfrage dürfte man beim Industrieverband Swissmem als Bestätigung empfinden. Dort warnte Präsident Hans Hess kürzlich: «Der Wandel in den nötigen Qualifikationen wird sich in den nächsten zehn Jahren beschleunigen.» Alleine mit der klassischen Berufslehre werde man nicht genügend Fachkräfte haben, also müsse man mehr Menschen umschulen. Dafür will der Verband ein neues Modell ins Leben rufen, einen zweiten Berufsabschluss.