Jakob Müller AG
CEO einer der letzten Schweizer Textilmaschinen-Hersteller: «Die Familie steht zum Standort Frick»

Die Jakob Müller AG in Frick ist eine der letzten Textilmaschinen-Hersteller der Schweiz. CEO Robert Reimann spricht im Interview über den volatilen Markt, den starken Franken, nötige Restrukturierungen, die Schweizer Verschwiegenheit und schädliche Bundesentscheide.

Thomas Wehrli
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Sandra Ardizzone

Robert Reimann, wenn man das laufende Geschäftsjahr als gewobenes Band beschreiben müsste – wie sieht das aus?

Robert Reimann: Es begann dünn, die Auftragslage war mässig. Doch schnell legte es an Breite zu. Wenn ich heute das Band betrachte, gefällt es mir gut. Mit den Zahlen im dritten Quartal sind wir zufrieden. Wir liegen klar über den Erwartungen.

Da ist die Frage: Weil es so gut läuft – oder weil die Erwartungen so niedrig waren?

Wir setzen die Erwartungen sicher nicht zu niedrig an. Natürlich lassen wir das wirtschaftliche Umfeld in die Planung hineinfliessen. Eine Herausforderung war in den letzten Jahren vor allem der starke Schweizer Franken. Da wir international aufgestellt sind, gilt es zudem, den internationalen Markt zu beobachten und auf Veränderungen schnell zu reagieren.

Wie erleben Sie das Geschäft mit Webmaschinen?

Als Wellenbewegung. Es gibt Zeiten, in denen wir bestens unterwegs sind und es gibt Zeiten, in denen wir uns nach der Decke strecken müssen.

Sie stellen ja nicht ein Endprodukt her, sondern die Maschinen, die dann die Textilien produzieren. Sind Sie damit eine Art Pulsuhr der Wirtschaft?

Das kann man so sagen. Wir merken als erste in der Industriebranche, wenn sich eine Entwicklung abzeichnet – sei sie nun wirtschaftlicher, politischer oder klimatischer Natur. Unruhen oder auch schwere Unwetter in den Ländern, die unsere Maschinen kaufen, schlagen sofort bei den Bestellungen zu Buche. Und wenn die Wirtschaft in eine rezessive Phase rutscht, stellt man Investitionen in neue Maschinen als Erstes zurück.

Wie schlägt der Puls derzeit?

Der Puls ist gut, die Wirtschaft läuft ordentlich – trotz den vielen politisch getriebenen Problemzonen, die wir derzeit auf der Welt haben.

Welche meinen Sie?

Die Führung der USA ist, sagen wir es so: derzeit eher speziell. Auch in der Türkei ist die politische Lage schwierig. Man spürt aber gerade in der Türkei, dass die Zuversicht zurückkehrt. Für uns kommt es da derzeit gut. Wir wissen aber auch, dass dies bereits morgen wieder kehren kann.

Das tönt aber doch nach einem leichten Unwohlsein, nach einem volatilen Puls.

Ganz wohl ist es einem angesichts der Weltlage nicht. Solange die Brandherde nicht längerfristig abgekühlt sind, kann man nicht entspannt sein. Denn die Brandherde können jederzeit wieder neu entflammen.

Welche Brandherde machen Ihnen am meisten Sorgen?

Eigentlich alle. Einen grossen Einfluss hat auf unser Geschäft der asiatische Raum. Dieser ist stark in den Textilien. Für höherwertige Produkte, beispielsweise Sicherheitsgurte, ist aber auch der europäische Markt wichtig. Portugal und Spanien etwa.

Wo präsentiert sich die Situation aktuell schwierig?

In Zentral- und Südamerika. Hier ist die Korruption ein riesiges Problem.

Wo liegt die Zukunft?

Für uns in Afrika, weil grosse Firmen wie H&M hier produzieren. Hier erleben wir ein klares Nord-Süd-Gefälle. Im Norden ist die Produktion etabliert, aber teurer als im Süden. Deshalb tendieren viele Textilfirmen dazu, ihre neuen Fabriken in Ländern wie Äthiopien zu bauen. Hier sind die Personalkosten nochmals deutlich tiefer als in Nordafrika.

Nach dem Motto: Je günstiger, desto besser?

Ja, solange es noch ein günstigeres Land als jene gibt, in denen heute produziert wird, bewegt sich die Textilindustrie dahin.

In solchen Ländern sind dann aber oft die Arbeitsbedingungen schlecht. Kann man als Maschinenhersteller einen Einfluss nehmen und beispielsweise keine Maschinen liefern?

Das empfiehlt sich nicht, denn dann ist man weg vom Fenster. Es ist illusorisch zu glauben, wir könnten von der Schweiz aus den Moralapostel spielen. Wenn man nicht liefert, kauft der Kunde einfach anderswo – oder kauft die Maschinen pro forma für ein anderes Land und exportiert sie dann selber ins Zielland.

Unter Preisdruck stehen aber auch Sie. Kann man sich da noch einen Produktionsstandort in der Schweiz leisten?

Für ein 08/15-Produkt kann man es sich nicht leisten, klar. Solche Maschinen müssen wir ebenfalls im asiatischen Raum produzieren. Wir haben dazu Werke in China und Indien. Diese stellen die günstigeren Maschinen her. Sie sind zwar noch teurer als Konkurrenzmaschinen – aber auch besser. Und das schätzen selbst preissensitive Firmen – vor allem, weil bei uns auch der Support stimmt.

Was bleibt dann für die Schweiz?

Die hoch spezialisierten Maschinen. Hier entwickeln wir Lösungen, die andere nicht anbieten können. Beispiel Autoindustrie: Wenn man den Fahrzeugherstellern eine Maschine anbieten kann, die hochwertige Textilien bietet und dreimal schneller produzieren kann, dann gibt er gerne etwas mehr aus. Zumal viele dieser Produkte sicherheitsrelevant sind. Einen Sicherheitsgurt, der zwar günstig ist, aber nicht hält, will niemand im Fahrzeug haben.

Das heisst aber auch, dass der Innovationsdruck, der auf dem Unternehmen lastet, hoch ist.

Der ist sogar sehr hoch. Deshalb haben wir auch eine grosse Forschungs- und Entwicklungsabteilung in Frick. Das ist unser Kapital. Das Know-how steckt in den Köpfen in der Schweiz. Ziel muss es sein, dass wir unseren Mitbewerbern gegenüber immer einen Schritt voraus sind. Bislang gelingt das ganz gut.

Was schätzen die Abnehmer an «Made in Switzerland»?

Sicher die hohe Qualität und die Terminzuverlässigkeit. Aber auch die Verschwiegenheit. Wir entwickeln für viele Firmen exklusive Neuheiten. Die Unternehmen wissen, dass bei uns bis zur Lancierung alles geheim bleibt.

Das erinnert an die Appenzeller-Käse-Werbung, wo Schauspieler Uwe Ochsenknecht mit allen Mitteln nach dem Geheimnis des Käses sucht – und nur auf Schweigen trifft.

Die Verschwiegenheit wird ganz klar als Schweizer Stärke wahrgenommen – und auch honoriert.

Das Herz der Firma wird immer in Frick schlagen?

Garantiert. Das will auch die Besitzerfamilie so.

Aber an diesem Herz musste in den letzten Jahren auch gedoktert werden.

Restrukturierungen waren unumgänglich, auch wegen des starken Frankens. Das hat leider auch Arbeitsplätze gekostet. Wir mussten in den letzten Jahren Arbeitsplätze in der Schweiz abbauen und beschäftigen heute noch knapp 400 Mitarbeitende. Das hatte auch Auswirkungen auf die Lehrlingssituation: Mit weniger Personal können wir auch nicht mehr gleich viele Lernende ausbilden. Aber es sind immer noch beinahe 40 junge Menschen, die bei uns die Lehre absolvieren.

Folgen noch weitere Personalrunden?

Nein, wir gehen nicht davon aus, dass es zu weiteren Kündigungen kommt. Die Auftragslage ist auf einem guten Niveau und auch die Perspektiven sind gut. Wir glauben sogar daran, dass wir mittelfristig die Zahl der Stellen wieder erhöhen können.

War in den letzten Jahren auch Kurzarbeit ein Thema?

Ja, auch auf dieses Instrument mussten wir mehrmals zurückgreifen. Es waren zum Glück immer nur kurze Zeiten, nicht mehr als 2, 3 Monate am Stück. Hier erwies sich als Vorteil, dass unser Geschäft recht kurzzyklisch ist.

Strukturprozesse, die zu Kündigungen und Kurzarbeit führen, verunsichern die Mitarbeitenden. Wie gingen Sie damit um?

Indem wir offen informierten und nach sozial verträglichen Lösungen suchten. Bei Frühpensionierungen boten wir finanzielle Unterstützung an, bei Kündigungen halfen wir mit externen Partnern bei der Jobsuche. Wir investierten und überliessen die Mitarbeitenden nicht sich selber.

2007 wurde in Möhlin ein zweiter Fertigungsstandort eröffnet – im letzten Jahr wieder geschlossen. War der Bata-Park eine Fehlinvestition?

Eine Fehlinvestition ist es nicht, hier setzt die Jakob Müller Immobilien AG, eine Tochterfirma, ein spannendes Projekt um und vereint Gewerbe und Wohnen in der Fabrik.

Aber Sie selber sind froh, dass sie nicht mehr zwei Produktionsstätten unterhalten müssen?

Ja. Der Schritt zurück war sicher richtig. Wir haben dazu ja im letzten Jahr in Frick auch eine weitere Produktionshalle gebaut. Zwei Standorte brachten unnötige Wege mit sich. Die Zusammenarbeit an einem Standort ist deutlich effizienter. Es braucht auch keine Lastwagen mehr, die hin und her fahren. Profitiert haben auch die Mitarbeitenden; sie können nun wieder enger zusammenarbeiten.

Dann war der Schritt nach Möhlin also doch ein Fehltritt?

Der Standort Möhlin wurde 2004 gekauft, 2005 fand die Planung statt und 2006 wurde gebaut. Also wurde lange vor der Krise entschieden. Ein «Fehltritt» wäre eher gewesen, nicht den Mut zu haben, die Rückintegration in Frick zu realisieren und damit die Chance zu verpassen, die Struktur den neuen Gegebenheiten anzupassen.

Der Franken-Schock hat die Exportbranche durchgerüttelt. Rüttelt es immer noch?

In unserer Branche hat es nie richtig gerüttelt, es war ein schleichender Prozess. Das aber hat ihn umso gefährlicher gemacht, denn die Gefahr bestand so, nicht rechtzeitig zu reagieren. Ein Schock ist zwar im Moment schmerzhaft, doch in der Regel leichter zu verdauen als ein schleichender Prozess. Unser Glück war sicher auch, dass wir nicht von einem Standort abhängen, sondern global aufgestellt sind. Wir hängen nicht nur vom Euroraum ab, sondern sind auch im Dollarraum und im asiatischen Raum stark.

Ist der starke Franken heute noch ein Thema?

Wir beobachten die Entwicklung genau und bei unseren Kunden ist der starke Franken durchaus ein Thema. Wir begegnen ihm, indem wir den Kunden Mehrwerte schaffen, also Produkte anbieten, für die es sich lohnt, etwas mehr zu bezahlen.

Fühlten Sie sich während dem Franken-Hoch von Bund und Kanton genug unterstützt?

Generell ja. Die Rahmenbedingungen und auch die Instrumente wie die Kurzarbeit sind nicht schlecht. Es gab aber auch Entscheide, vor allem auf Bundesebene, die der Exportindustrie eher geschadet haben und das Leben schwerer gemacht haben. Die Worte von den Politikern klangen stets gut – die Taten fehlten dann leider oft.

Was erschwert Ihnen die Arbeit?

Die Migrationspolitik beispielsweise. Unser Aufwand, Personal aus anderen Ländern zu holen, ist in den letzten Jahren drastisch gestiegen. Das kostet. Und wir machen uns auch keine Illusionen, dass dies ändern wird: Die Bürokratie wird stetig hochgefahren. Ich erlebe nur, dass Gesetze hinzukommen – nicht aber, dass eines gestrichen wird. (Lacht.) Ich wäre für eine klare Regel: Für jedes neue Gesetz müssen zwei gestrichen werden. Aber das ist Illusion.

Welche Chancen sehen Sie für den Wirtschaftsraum Fricktal?

Er hat grosse Chancen. Er ist dynamisch und hat ein hohes Wachstumspotenzial. Bedingung allerdings ist – und das gilt für die ganze Schweiz –, dass uns nicht noch mehr bürokratische Knüppel zwischen die Beine geworfen werden. Wir sind einer der letzten Textilmaschinenhersteller, die es in der Schweiz noch gibt. Da findet man hochqualifizierte Mitarbeitende oft nicht im eigenen Land. Wir sind also darauf angewiesen, dass wir Menschen aus anderen Ländern – nicht nur aus der EU – beschäftigen können.

Sie sagen, Sie seien einer der letzten Textilmaschinenhersteller in der Schweiz. Die Schweiz war einmal eine Textil-Hochburg. Was haben Sie besser gemacht als Ihre Konkurrenten, die vom Markt verschwunden sind?

Wir arbeiteten konservativer, arbeiteten enger mit den Kunden zusammen als andere. Wir hatten auch nie die Allüren, riesengross und prominent zu werden. Wir wollten nicht im Fokus stehen, sondern unsere Arbeit möglichst gut machen. Die Zusammenarbeit mit den Kunden ist der Schlüssel zum Erfolg. Das hilft ihnen und gibt uns neue Aufträge.

In der Tat hört und liest man von der Jakob Müller AG wenig. Halten Sie sich bewusst zurück?

Ja, wir suchen den medialen Auftritt gar nicht. Es gibt keinen Grund, unsere Arbeit nach aussen zu verkaufen. Das passt nicht zur Firmenstrategie und das will auch die Besitzerfamilie nicht. In den Medien zu stehen, überlassen wir gerne anderen.

Zur «Müller-Familie» gehört auch der Immobilienteil. Wie wichtig ist dieser?

Für unser operatives Geschäft ist er nicht relevant, es gibt keine Quersubventionierung. Das wollen wir auch nicht, wir wollen als Jakob Müller AG in uns selber funktionieren. Aber natürlich ist es gut zu wissen, dass eine Familie hinter uns steht, die zum Standort steht und notfalls auch finanziell helfen kann, wenn wir temporär in Schwierigkeiten kämen.

Wo steht die Jakob Müller AG in fünf Jahren?

Wir werden am Standort Frick noch erfolgreicher sein. Davon bin ich überzeugt. Auch, weil wir einige vielversprechende Produkte in der Pipeline haben. Diese kommen in den nächsten 24 Monaten auf den Markt und werden dazu führen, dass wir in der Schweiz wieder wachsen können.

Wir verglichen das Geschäftsjahr am Anfang unseres Gespräches mit einem gewobenen Band. Wie wird sich dieses in den nächsten Monaten entwickeln?

Es wird noch etwas breiter werden, farbiger und bekommt zusätzliche Muster.

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