«Keine Zeit, keine Zeit», ruft eine Frau, die mit ihrem Sohn zwischen den Ständen auf dem Fricker Markt hindurch huscht. «Zeit für eine kleine Geschichte?» Die in Stein lebende Christine Mafli (55) hat es sich an ihrem Stand, der mit unzähligen Geschichten gesäumt ist, bequem gemacht, beobachtet die vorbeigehenden Passanten und lädt sie ein, ihren Geschichten zu lauschen – wenn sie sich denn ein wenig Zeit nehmen.

Zeit sparen ist unmöglich

Doch genau dort liegt das Problem: «Menschen hetzen von einem Ort zum nächsten, haben 1000 Sachen im Kopf, sind gestresst, weil sie dauernd Termine haben und haben deswegen keine Zeit mehr», sagt Mafli. Geschichten seien hingegen eine Möglichkeit, sich für einen Moment diesem hektischen Treiben zu entziehen: «Ankommen, zuhören, wirken lassen und sich austauschen – Geschichten sind ein Ruhepol im hektischen Treiben», erklärt Mafli.

«Momo» ist ihre Lieblingsgeschichte. Diese erzählt von den Machenschaften der grauen Herren, die versuchen, die Menschen, um ihre Zeit zu betrügen. «Ich liebe Momo wegen ihrer Kreativität und kindlichen Fantasie», schwärmt Mafli, die den Roman von rund 250 auf 25 Seiten zusammengefasst hat und ihn mit der musikalischen Begleitung einer Pianistin immer wieder erzählt. «Mir liegt es am Herzen, Menschen mit Geschichten zu inspirieren», sagt sie.

Mafli erzählt nicht nur Geschichten in Cafés und Kliniken, auf Märkten und Veranstaltungen, sie lebt diese auch. Mimik und Gestik harmonieren perfekt mit dem Erzählten, sie spielt mit ihrer Stimme. Mit grossen Augen schaut sie beim Erzählen die Zuhörer immer wieder an, deren Ohren an ihren Lippen kleben. Bereits früh entdeckte sie ihre Passion für das Geschichtenerzählen. Mit 15 Jahren wohnte sie in einem kleiräumigen Reihenhausquartier, in dem alles sehr familiär war: «Vier oder fünf Kinder aus der Nachbarschaft sind damals regelmässig zu mir gekommen und fragten mich:  ‹ Christine liesst Du uns etwas vor? ›»

Im Jahr 2015 reiste Mafli nach Guatemala, um an einem Projekt für Leseförderung für Kinder der indigenen Bevölkerung teilzunehmen. «Ich habe mit einer Spanisch-Lehrerin beispielsweise Märchen der Brüder Grimm in die spanische Sprache übersetzt und den Kindern ‹Rapunzel› und ‹Dornröschen› vorgelesen», erzählt Mafli. Dabei seien die älteren Kinder, denen die Märchen unbekannt waren, so von diesen angetan gewesen, dass sie den jüngeren schliesslich selbst vorgelesen haben.

Die passende Geschichte

Mafli erinnert sich an eine Frau aus Brasilien, die durch eine neurologische Erkrankung fortan ihr Leben im Rollstuhl führen musste und deswegen sehr deprimiert war. Die Frau fragte Mafli nach einer Geschichte. «Da Muttersprache heilt, habe ich ihr den Roman  ‹Geh, wohin dein Herz dich trägt› auf portugiesisch besorgt. Sie hat das Buch x-mal gelesen und nach einer Weile angefangen zu malen, was schliesslich zu ihrem Lebensinhalt wurde.»

Eine gute Geschichte zeichne sich im Kern durch eine Botschaft aus, die sich dem Zuhörer durch das Reflektieren erschliesst: «An Geschichten kann der Mensch wachsen und erwachsen werden», weiss Mafli. Deswegen sei es wichtig, dass Eltern sich Zeit nehmen, um ihren Kindern Märchen vorzulesen.