Fricktal
Blick ins Fotoalbum: Bernhard Lindner tanzte an Weihnachten durchs Dorf

Prominente blättern im Fotoalbum. Heute: Bernhard Lindner und das peruanische Festfieber.

Thomas Wehrli
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Das Fricktal besteht künftig aus fünf Pastoralräumen. Eine Dekanatsebene (gesamtes Fricktal) wird es nicht mehr geben. Grafik mta

Das Fricktal besteht künftig aus fünf Pastoralräumen. Eine Dekanatsebene (gesamtes Fricktal) wird es nicht mehr geben. Grafik mta

Thomas Wehrli

Von wegen «leise rieselt der Schnee». Von wegen «weihnachtlich glänzet der Wald». Es war alles anderes, damals, an Weihnachten 1988. Ungewohnt. Unbekannt. Und doch auch faszinierend. Irgendwie.

Es war ein Abenteuer, auf das sich Bernhard Lindner und seine Frau Elisabeth 1988 einliessen. Sie reisten nach Peru, wo Lindner sieben Jahre lang in einer Pfarrei mitarbeitete. Wobei Pfarrei hier heisst: Drei Dörfer, etliche Weiler, 15 000 Gläubige, weite Distanzen, grosse Armut, schlechte Strassen, raues Klima. Pucara liegt in der Diözese Puno, auf rund 3960 Metern.

Lindner nennt es eine «intensive Lehrzeit», die sie in Peru erlebten, eine Zeit, in der er vieles, das er im Studium gelernt hatte, neu oder vielleicht besser: tiefer begriffen hat. Etwa, wie wichtig Strassen sind, um die Menschen zu erreichen. «Um in gewisse Weiler zu gelangen, waren wir fast einen Tag lang unterwegs.» Oder: «In der Einfachheit der Menschen verstand ich erst richtig, was es heisst: Gott wird Mensch.»

Bernhard Lindner feiert Weihnachten 1990 zusammen mit Ehefrau Elisabeth und Tochter Theresia in Pucara.

Bernhard Lindner feiert Weihnachten 1990 zusammen mit Ehefrau Elisabeth und Tochter Theresia in Pucara.

zvg

Gott wird Mensch. An Weihnachten. Doch mit dem Fest, wie es Lindner bis 1988 kannte und lebte, hatte Weihnachten in Pucara etwa so viel gemeinsam wie Donald Trump mit dem Papst. Nichts. Keine Weihnachtsbäume, keine Kerzen, keine Bescherung, kein Familienfest, kein «Ihr Kinderlein kommet».

Das fehlende Weihnachtsgefühl

Dafür ein einziges Kommen der Menschen. «An Weihnachten steigt in Pucara jedes Jahr ein riesiges Dorffest», erzählt Lindner. Fast eine Woche lang wird gebetet, getanzt, gesungen, gelacht, gefeiert. Im ersten Jahr hatte Lindner seine liebe Mühe mit dieser Art, Weihnachten zu feiern. Ihm fehlte das Vertraute, das Familiäre. «Denn Weihnachten hat für mich viel mit Gefühlen und Stimmung zu tun», sagt er. «Diese kamen so nicht auf.»

Das Ungewohnte verlor sich schnell im Nirwana der Gewohnheiten, die Faszination blieb. Bereits im Jahr darauf war es für die Familie Lindner (fast) normal, Weihnachten nicht mehr europäisch-familiär, sondern peruanisch-gemeinschafltich zu feiern. Man ging mit, machte mit, war Teil der Dorffamilie, wie auch das Bild von Weihnachten 1990 zeigt. Bernhard Lindner trägt den traditionellen Umhang eines Musikers, seine Frau Elisabeth eine Pollera, das typische Festkleid der Region. Mit Hut, wie es sich gehört. Auch Tochter Theresia, 3, trägt Kleider, die vor Ort gefertigt wurden.

Lindner beeindruckte gerade auch an Weihnachten, wie die Menschen ihr nicht eben leichtes Leben annahmen, ihre Armut auch, wie sie nicht zauderten, sondern lebten. Das Fest sponserten diejenigen Bewohner, die etwas Geld hatten, denen es etwas besser ging. Gelebte Solidarität, gelebter Gemeinsinn statt Ich-bezogener Starrsinn.

Als die Familie Peru 1995 wieder verliess, als sie nach Europa zurückkehrte, war es für Lindner «ein Stück Heimat», das er verliess. Zweimal besuchte er die Menschen in Pucara seither. «Es war jedes Mal ein stückweit ein Heimkommen», erzählt er, selbst beim zweiten Mal, 17 Jahre nach seinem Abschied von Peru. Die Intensität des Heimkommens hat über die Jahre abgenommen, auch deshalb, weil einige, die für ihn wichtig waren, nicht mehr sind.

Der Bezug zu den Menschen aber, zu ihrer Einfachheit, ihrer Herzlichkeit, ihrer Direktheit, ihrer Fröhlichkeit ist geblieben. «Heimat», sagt Lindner, «Heimat ist für mich weniger ein Ort. Heimat sind für mich die Menschen und die Dinge, die man gemeinsam tut.»

Die Überforderung der Zeit

Ein Um- oder besser: Ein Eingewöhnen brauchte es schon, als die inzwischen sechsköpfige Familie von Peru zurückkehrte, als sie wieder in die Welt eintauchte, in der Zeit Geld ist und Geld fast alles. Die schleichende Sinnentleerung, die Lindner in der Schweiz immer wieder antrifft, macht ihm Sorgen. Die zunehmende Verkommerzialisierung von Weihnachten und anderen Festen ebenso. «Schenken ist etwas Wunderbares», findet Lindner, der andere selber gerne beschenkt. Doch dem Trend «immer grösser, immer teurer, immer ausgefallener» kann er wenig abgewinnen. «So verkommt das Schenken von einer Herzens- zu einer Geldbeutelangelegenheit.» Wird zum Stress, wird zur Überforderung.

Lindner erstaunt es nicht, dass es in manch einer Familie just an Weihnachten zum Knall kommt. «Man erwartet, dass Weihnachten all das bringt, was man während dem Jahr nicht erlebt hat: Zufriedenheit, Wärme, Nähe.» Doch diese Welt könne man nicht per Knopfdruck einstellen. Das Leben ist kein Fernseher mit Wohlfühlfunktion.

Wenn man Weihnachten voll auf Konsum ausrichte, verliere das Fest seine Identität, seine Bedeutung, seine Kernbotschaft. Diese sieht Lindner in der Vision einer besseren Welt, einer friedlicheren Welt, einer Welt, in der das Du, das Wir zählt.

Lindner wünscht sich, dass das Wir in den kommenden Tagen wieder mehr entdeckt wird, dass die Menschen mit dem «kostbaren Gut» des Gemeinschaft-Seins bewusst umgehen, dass Weihnachten nicht an zu viel Materielles geknüpft ist.

Für Lindner selber bedeutet Weihnachten vorab: viel Arbeit. Die Festtage sind eine der arbeitsintensivsten Jahreszeiten des Gemeindeleiters von Oeschgen. Hier die Balance nicht zu verlieren, das eigene Sich-Besinnen nicht zu vergessen, ist nicht ganz einfach. Es gelingt ihm, auch, weil sich seine Arbeit tagtäglich um den Kern von Weihnachten dreht: Das Füreinander-Dasein, das Wir-Sein, das In-Gott-Sein.