Es sind geübte Handgriffe. In der linken Hand hält Sonja Müller ein weisses Ei, mit einem Finger drückt sie das kleine Kerbelblättchen darauf fest, in der rechten Hand hat sie einen Nylonstrumpf. Sie zieht den Strumpf über das Ei, wickelt es eng darin ein, schiebt das Blättchen nochmal zurecht und bindet den Strumpf dann mit einem dünnen Faden zu. «So einfach geht das», sagt sie mit einem Lächeln und legt das Ei zu den anderen auf dem Küchentisch. Rund 300 Ostereier färbt die Landwirtin aus Gipf-Oberfrick in diesem Jahr, für den Eigengebrauch der Familie und für das kleine Hoflädeli ihrer Eltern.

Das Eierfärben hat in der Familie Tradition. Müller erinnert sich, wie sie bereits als kleines Mädchen auf dem Hof ihrer Eltern in Rudolfstetten loszog, um am nahen Bach die schönsten Pflanzenblätter für die Eier zu suchen, wie dann am Karfreitag die ganze Familie um den Küchentisch sass und gemeinsam Eier einwickelte. Die Technik ist seither die gleiche geblieben. «Beim Kochen im Zwiebelsud verfärben sich die Eier bräunlich, das Motiv – der Umriss der Blätter – bleibt hell», erklärt sie.

Gelebte Tradition

Die Tradition lebt sie heute mit ihrem Mann und den drei Kindern weiter. «Obwohl sie mittlerweile junge Erwachsene sind, freuen sie sich immer auf das Eierfärben», sagt Müller. Jeweils am Karfreitag ist es soweit und die Familie hockt um den Küchentisch – genau so wie in ihrer Erinnerung. «Es ist schön, diese Tradition so weiterzuleben», sagt Müller. Ihr aber geht es auch um mehr als die Tradition.

«Einerseits habe ich Freude an der handwerklichen Arbeit selber», sagt Sonja Müller. An der Suche nach den schönsten Blättern draussen in der Natur, am Färben und vor allem: am Auswickeln der gekochten Eier und dem Staunen über die detaillierten Motive. «Andererseits gehört für mich auch einfach das Zusammensein dazu.» Die Gespräche, die entstehen, gemeinsam mit der Familie am Küchentisch.

Nach all den Jahren hat sie viel Erfahrung und weiss, worauf es bei der alten Färbetechnik ankommt. Wichtig sei es etwa, Eier mit harter Schale zu verwenden. Sind die Eier weiss, kommen die Motive besser zur Geltung. Besonders geeignet sind eher dünne Pflanzenblätter. Löwenzahn, Buschwindrosen oder Kerbel, der sogar als Osterkraut bekannt ist. Gut sei ausserdem, die Pflanzenblätter nach dem Pflücken in Wasser einzulegen. «Das hält sie frisch und sie haften dank der Nässe besser auf den Eiern», erklärt Müller. Auch die Nylonstrümpfe sollten leicht feucht sein – das macht sie elastischer, was das Einwickeln erleichtert.

Acht Minuten kocht Sonja Müller die eingewickelten Eier im vorbereiteten Zwiebelsud, holt sie dann eins nach dem anderen mit einem Löffel aus der Pfanne. Wieder sind es geübte Handgriffe. Mit einer kleinen Schere schneidet Müller den Faden auf, wickelt die Eier aus dem Strumpf und löst das Pflanzenblatt davon. Wieder lächelt sie: «Das finde ich einen faszinierenden Moment – zu entdecken, welche Motive entstanden sind und wie sie wirken», sagt sie. Jedes ihrer Ostereier ist ein Unikat, und an jedem einzelnen hat Sonja Müller ihre Freude.