Bözen

Birnel entwickelt sich vom Arme-Leute-Honig zum Lifestyle-Produkt

Raffael Hänny isst seit über zehn Jahren fast täglich Birnel. Claudia Meier

Raffael Hänny isst seit über zehn Jahren fast täglich Birnel. Claudia Meier

Der 21-jährige Raffael Hänny sitzt am Esstisch und bestreicht eine Scheibe Butterbrot mit Birnel. Seit über zehn Jahren geniesst er dieses naturbelassene Nahrungsmittel fast täglich. Er schätzt ihn als gesunden Brotaufstrich.

«Birnel erinnert mich von der Farbe und Konsistenz her an Berghonig», sagt Vater Hansruedi Hänny – ein gebürtiger Bündner. Raffael ist leidenschaftlicher Unihockey-Spieler und isst kaum Süsses. «Birnen mag ich zwar nicht besonders», sagt er und isst genüsslich seine Birnel-Schnitte. «Aber Birnel schmeckt einfach gut.»

Das überrascht, denn für die Gewinnung von einem Kilogramm Birnel braucht es rund zehn Kilogramm Mostbirnen (siehe Box). Hänny liebt nicht nur den Geschmack dieses Birnendicksafts, sondern er ist überzeugt, dass das Naturprodukt seinem trainierten Körper gut tut. Er möchte das Schweizer Produkt noch möglichst lange geniessen. Jeweils im Herbst bestellt die Familie Hänny bei der Gemeindeverwaltung in Bözen einen Kessel Birnel. Das könnte sich möglicherweise bald ändern.

«Seit einigen Jahren ist die Nachfrage nach Birnel rückläufig», sagt Gemeindeschreiberin Ramona Häusermann. «Um die Mindestbestellmenge von 80 Kilogramm bei der Winterhilfe Schweiz zu erreichen, haben sich die Gemeinden Bözen, Effingen, Elfingen, Hornussen und Zeihen zusammengeschlossen.» Die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten von Birnel seien in der Bevölkerung immer weniger bekannt.

Unbekanntes Nahrungsmittel

«Was, Sie wissen nicht, was Birnel ist?», sagt Frau Gemeindeammann Annemarie Baumann auf die Anfrage der Aargauer Zeitung. Birnel lasse sich nämlich nicht nur als Brotaufstrich verwenden. «Er eignet sich auch sehr gut als Ersatz für raffinierten Zucker», sagt Ursula Stadelmann vom Sekretariat der Winterhilfe Schweiz. «Für die Zubereitung eines Kuchens braucht es mit Birnel einfach ein bisschen mehr Backpulver als mit Kristallzucker.» Birnel verleihe dem Birchermüesli das gewisse Etwas und intensiviere den fruchtigen Geschmack von Obstkuchen und -desserts heisst es auf den Mitteilungsblättern der beteiligten Gemeinden. Auf der Webseite der Winterhilfe findet man eine ganze Reihe interessanter Rezeptvorschläge wie Heidelbeer-Milchshake, Birnel-Marinade für Grilladen, Eiscreme, Luzerner Bauern-Lebkuchen und Berner Birnenauflauf.

Bund bekämpfte Alkoholismus

«Eigentlich ist Birnel ein modernes Nahrungsmittel: natürlich, gesund und aus Schweizer Produktion», sagt Mutter Silvia Hänny. Sie hat auch schon Getreidestängel mit Birnel gebacken. Wegen der langen Haltbarkeit eigne sich Birnel auch gut für die Vorratskammer.

Die Winterhilfe Schweiz vertreibt Birnel seit 1952. Der Bund führte 1932 das neue Alkoholgesetz ein und damit die staatlich unterstützte «brennlose Obstverwertung». Anstelle von Schnaps sollte aus Mostbirnen Birnel hergestellt werden. Ziel des Bundes war einerseits der Kampf gegen den Alkoholismus, andererseits die Abgabe von Lebensmitteln an Bedürftige.

Da die Winterhilfe bereits über ein engmaschiges Verteilnetz in der Schweiz verfügte, erhielt sie vor 60 Jahren vom Bund das Exklusivvertriebsrecht für Birnel. «Birnel galt lange als Arme-Leute-Honig», so Stadelmann. Lager- und Transportkosten wurden bis 1997 vom Bund übernommen. Mit dem Wegfall der staatlichen Unterstützung stieg der Birnel-Preis. Das Naturprodukt aus der Schweiz ist aber nach wie vor preiswert: ein Kilogramm kostet rund zehn Franken – bei grösseren Mengen weniger.

Hilfe für Menschen und Natur

Der Vertrieb blieb bei der Winterhilfe. Mit dem Erlös unterstützt die Organisation in Not geratene Menschen in der Schweiz mit Naturalleistungen oder der Übernahme dringendster Rechnungen. «Wir vertreiben pro Jahr 40 bis 50 Tonnen Birnel», sagt Stadelmann. «Mit dem Nettoerlös von rund 100000 Franken können wir vielen Menschen in Notlagen helfen.»

Die Produzenten des Winterhilfe-Birnels sind die Mosterei Brunner in Steinmaur und die Firma Unipektin in Eschenz. Seit drei Jahren hat die Organisation zusätzlich biozertifiziertes Birnel im Angebot.

«Herstellung und Kauf von Birnel tragen auch zum Erhalt von Hochstammbäumen bei», so Stadelmann weiter. Die Feldobstbäume, die das Schweizer Landschaftsbild prägen, sind für die moderne Landwirtschaft nicht mehr rentabel und drohen endgültig zu verschwinden. Die Bäume seien aber wichtiger und oft einziger Lebensraum von bedrohten Vogelarten heisst es vonseiten des Schweizerischen Vogelschutzes.

Raffael Hänny aus Bözen hat seine Birnel-Schnitten fertig gegessen. Er macht sich auf ins Training und wird dem Birnel weiterhin treu bleiben.

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