Bildungspolitik
Enttäuschung in Rheinfelden, Freude in Stein – das sind die Reaktionen auf den Vorschlag, die Mittelschule in Stein zu bauen

Der Vorschlag der Regierung, die Mittelschule in Stein zu bauen, kommt nicht überall gut an. Für den Rheinfelder Stadtammann Franco Mazzi hat die Regierung die Sicht der künftigen Nutzer ausgeblendet und auch die SP will sich weiterhin für Rheinfelden stark machen. Derweil ist die Freude beim Steiner Ammann Beat Käser gross.

Thomas Wehrli
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Der Regierungsrat empfiehlt den Standort Stein – das passt nicht allen.

Der Regierungsrat empfiehlt den Standort Stein – das passt nicht allen.

Zvg / Aargauer Zeitung

Sie reisten gleich zu dritt an: Mit Ammann Beat Käser, Vizeammann Bernadette Ankli und Gemeindeschreiber Sascha Roth war die Gemeinde Stein an der Medienkonferenz der Regierung, an der sie bekanntgab, dass sie die Mittelschule Fricktal gerne in Stein bauen würde, prominent vertreten. Und die Freude war dem Trio anzusehen. Käser:

Beat Käser, Gemeindeammann Stein.

Beat Käser, Gemeindeammann Stein.

Benibasler.com / Aargauer Zeitung
«Wir sind froh, dass der Regierungsrat Stein ausgewählt hat.»

Als FDP-Grossrat weiss aber Käser genau: Noch hat Stein die Mittelschule nicht, denn letztlich entscheidet der Grosse Rat – und der kann durchaus noch auf Rheinfelden umschwenken. Er wird denn auch nicht nur in seiner Fraktion, die sich in der Anhörung ohnehin für Stein ausgesprochen hatte, für seine Gemeinde weibeln, und wirbt schon einmal: «Stein ist ein Superstandort.» Einen Werbeflyer, wie ihn Frick und Rheinfelden im Vorfeld an die Grossräte verschickt hatten, will Stein aber nicht herausgeben. «Die Fakten liegen auf dem Tisch.»

Die Fakten sprechen für den Rheinfelder Stadtammann Franco Mazzi aber nach wie vor für seine Gemeinde. Er zeigt sich gegenüber der AZ enttäuscht über den Standortvorschlag der Regierung – und bläst zum Gegenangriff. Er sagt:

«Für den Regierungsrat zählte beim Standortvorschlag anscheinend mehr die Aussicht auf künftig mögliche Arbeitsplätze und Wohnungsbau im Sisslerfeld, als der Standort, an welchem 300 der 700 Schülerinnen und Schüler zu Fuss oder mit dem Velo ins Gymnasium gehen können.»
Franco Mazzi, Stadtammann von Rheinfelden.

Franco Mazzi, Stadtammann von Rheinfelden.

Sandra Ardizzone (21. Dezember 2020)

Mazzi stört sich daran, dass in der Anhörung offenbar regionalpolitische Überlegungen höher gewichtet wurden als die Interessen der Betroffenen, der Schülerinnen und Schüler sowie der Lehrpersonen.

«Wo fühlen sich wohl die Mehrzahl der Schülerinnen und Schüler und Lehrpersonen besser? In einer Stadt mit vielen Möglichkeiten über den Mittag oder in den Zwischenstunden oder in einem industriell geprägten Dorf im Umbruch?»

Und ohnehin: Wenn also Arbeitsplätze relevanter seien als Bevölkerungs- und Schülerzahlen, «so erinnere ich gerne daran, dass Kaiseraugst, Möhlin, Rheinfelden und Magden heute schon über 20‘000 Arbeitsplätze – ein Plus von 50 Prozent seit 2001 – verfügen, Stein und sein Umfeld aufgerundet 7500». Zudem würden diese Gemeinden, mit Ausnahme von Möhlin, kräftig in den Finanzausgleich einzahlen, «aktuell rund 9,9 Millionen Franken jährlich».

SP hält an Rheinfelden fest

Support bekommt Mazzi unter anderem von der SP. Sie ist mit der Standortwahl ebenfalls nicht glücklich und will sich weiter für Rheinfelden einsetzen. Die Fricktaler SP-Grossrätin Carole Binder-Meury nennt das Einzugsgebiet als einen Grund:

Carole Binder-Meury, Gemeinderätin Magden und SP-Grossrätin.

Carole Binder-Meury, Gemeinderätin Magden und SP-Grossrätin.

zvg
«Kurze Schulwege und eine gute Erreichbarkeit mit dem Velo und mit den öffentlichen Verkehrsmitteln sind gewährleistet.»

Auch könnten in Rheinfelden Synergien sofort genutzt werden und der Standort biete sich für eine überkantonale Zusammenarbeit an. Für die SP ist zudem klar: «Der Standortvorteil saubere Landluft und wenig Lärmemissionen kann für ein Wohnquartier von Vorteil sein. Junge Leute suchen vielfältige Begegnungsräume, Kulturangebote und ein anregendes Umfeld.»

Die GLP sprach sich ebenfalls für Rheinfelden aus. Für die Grünliberalen ist nicht nachvollziehbar, weshalb der Regierungsrat den Argumenten der Bildungsverbände, die sich für Rheinfelden ausgesprochen hatten, weniger Gewicht schenkte als den Argumenten aus Politik und Wirtschaft. «Hier sieht die GLP Klärungsbedarf», heisst es in einer Mitteilung.

SVP und Die Mitte nehmen Entscheid «erfreut» zur Kenntnis

Anders tönt es bei den Kantonalparteien, die sich in der Anhörung für Stein ausgesprochen haben. Die SVP nimmt den Standortvorschlag denn auch «erfreut» zur Kenntnis – und dankt ihrem Bildungsdirektor «für die saubere Evaluation und den Einervorschlag». Die Mitte nimmt den Standortvorschlag ebenfalls «mit Freude zur Kenntnis». Stein liege zentral im Fricktal, verfüge über ein grosses Areal an ruhiger Lage mit Potenzial für spätere Erweiterungsmöglichkeiten.

Für die FDP hat die Regierung mit dem Entscheid für Stein «einen wichtigen Meilenstein» gesetzt. Nun sei eine rasche Umsetzung gefordert. Die FDP verlangt zudem, dass die Regierung dem Grossen Rat «zeitnah» Lösungen für die Übergangslösung vorlege. Und sie macht klar: Man werde sich weiterhin dafür einsetzen, dass Rheinfelden auch in Zukunft «ein wichtiger Bildungsstandort im Aargau» bleibe.

«Die Chancen waren sicher schon grösser»

In Frick ist man ebenfalls enttäuscht, dass «die vielen Trümpfe unserer Bewerbung nicht gestochen haben», sagt Gemeindeammann Daniel Suter, räumt aber auch selber ein:

Daniel Suter, Gemeindeammann von Frick und FDP-Grossrat.

Daniel Suter, Gemeindeammann von Frick und FDP-Grossrat.

zvg
«Aufgrund des Ergebnisses der Anhörung war damit zu rechnen, dass Frick nicht das Rennen macht.»

Noch ist aber auch Frick nicht aus dem Rennen; der Grosse Rat ist in seiner Entscheidung frei. Auf die verbleibenden Chancen angesprochen, meint Suter: «Die Chancen waren sicher schon grösser.» Frick hat Anfang August einen Flyer an alle Grossräte verschickt, weitere Werbeaktivitäten sind derzeit nicht geplant. In Rheinfelden will man die Botschaft nun im Detail studieren und gegebenenfalls noch Fakten und Argumente nachschieben.

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