Es waren ereignisreiche Tage im Fricktal, damals, Ende Januar 1979. Das «Aargauer Tagblatt», aus dem später zusammen mit dem «Badener Tagblatt» die AZ hervorging und das nicht für boulevardeske Schlagzeilen bekannt war, stellte jedenfalls am 31. Januar 1979 im Titel des Hauptartikels auf der Fricktal-Seite die provokante Frage: «‹Auf Teufel komm raus› Wohnungen gefüllt?»

Im Artikel geht es um die Rheinfelder Betreibungshausse im Vorjahr. Unscheinbar habe sich die Mitteilung der Rheinfelder Staatskanzlei ausgenommen, setzt der Autor behutsam an. Im vergangenen Jahr seien 2098 Betreibungen und 1096 Pfändungen zu registrieren gewesen. Vergleiche man dieses Zahlenmaterial aber mit dem des Vorjahres, stelle man fest, dass die Betreibungen um 653 und die Pfändungen um 612 geklettert seien.

Der Journalist, von Natur aus ein neugieriges Wesen, fragte beim Betreibungsamt nach. Dieses weist auf die (damals noch neue) Grossüberbauung Augarten hin, die «hauptsächlich mitbeteiligt» sei. Da «roch man förmlich das Feuer im Dach», konstatiert der Journalist. Die grösstenteils im Bewohnerverein organisierten Augärtler «protestierten gegen ‹die Diskriminierung››, die Siedlungsleitung und mit ihr die AG für Wohnungsbau der Industrie (Ciba-Geigy) wiegelte ab «und der im Nebenamt tätige, vor der Pensionierung stehende Betreibungsbeamte Hans Augsburger stöhnte: ‹Jetzt ist der Teufel los!›»

Die «Möblierten»

Ein Grund für die Hausse (oder für die Baisse, je nach Blickwinkel) sei, so erörtert der Artikel in epischer Länge, dass man versucht habe, die Wohnungsvermarktung, die harzte, mit Zinssenkungsrunden anzukurbeln – oder eben, wie es der Titel insinuierte, die Wohnungen «auf Teufel komm raus» zu füllen. Zum Stein des Anstosses wurden auch die möblierten Wohnungen, die ebenfalls angeboten wurden. Das «Tagblatt» zitiert hier aus dem «Augarten-Spatz», der Quartierzeitung, die es bis heute gibt: «Die Zunahme (der Belegungszahl, die Red.) wurde unter anderem auch durch das Angebot von möblierten Wohnungen begünstigt, was uns aber leider auch Probleme gebracht hat, die bisher im Augarten unbekannt waren.»

Der Autor spricht von einem «Fleck im Siedlungsreinheft» und lässt dann, quasi auch als Beleg, den Bewohnerverein zu Wort kommen. Die Reklamationen hätten sich gehäuft, wird dieser zitiert, wonach etliche Augärtler Anstoss am Krach und Lärm in den Hochhäusern nahmen. «Vielen fiel zudem auf, dass etliche ‹Möblierte› sich in erster Linie im Siedlungsrestaurant dem süssen Nichtstun hingaben, das Arbeiten also eher vom Hörensagen her kannten», schreibt der Redaktor und weiss: «Auch kam es ab und zu vor, dass ein ‹Möblierter› in uniformierter Begleitung die Siedlung wieder verliess.»

Die Verwaltung konterte die Vorwürfe, derweil Bewohner dem «Tagblatt» noch das eine oder andere Müsterchen erzählten. Ungemütlich wurde es aber auch für den «Jetzt ist der Teufel los!»-Betreibungsbeamten. Er habe mittlerweile ebenfalls zu kämpfen, schliesst der Artikel. Die Augarten-Verwaltungsspitze sei bei Stadtammann Richard Molinari vorstellig geworden, wobei man sich über das Betreibungsamt allgemein und in Rheinfelden speziell unterhalten habe. «Auf alle Fälle dürften die letzten Monate im Amt für Augsburger unvergesslich bleiben.»

Reimann und die Parteifrage

Nur wenige Tage und eine «okkulte Welle: Protest und Bekenntnis» sowie einige «Personalwechsel bei diversen Kanzleien» später bleibt das Auge, das die Meldungen scannt, an einer klitzekleinen Meldung hängen: «Maximilian Reimann kandidiert für Gemeinderatsposten», titelte das «Tagblatt» am 9. Februar. Eine kurze Google-Recherche zeigt: Reimann, heute 76, zog erst rund zwei Jahre vorher, 1977, nach Gipf-Oberfrick, sass ab 1979 im Gemeinderat, war dann ab 1987 National- und ab 1995 Ständerat. Seit 2011 ist er wieder Nationalrat.

Das Auge will schon weiterflitzen, da bleibt es in der gleichen Meldung an drei Buchstaben hängen: CVP. Richtig, erinnert sich der (älter werdende) Politikinteressierte: Reimann stand, bevor er für die SVP in den Ring stieg, der CVP nahe. Und so heisst es in der kurzen Meldung, dass die CVP Gipf-Oberfrick für den vorzeitig demissionierenden Rolf Zehnder «Dr. Matimilian [sic!] Reimann» vorschlage. Reimann, damals 36, sei Mitglied der Geschäftsleitung der Fricker Maschinenfabrik Jakob Müller AG, «dem Grossteil der Bevölkerung besser von seiner nebenberuflichen Tätigkeit als Sportberichterstatter des Schweizer Fernsehens bekannt».

Der Verschreiber hat Reimann mitnichten geschadet, wie ein Blick auf den 19. Februar zeigt, den Montag nach dem Wahltag. «Eine klare Sache» sei es für Reimann gewesen, schreibt das «Tagblatt». «Für den von der CVP für ‹ihren Sitz› portierten und von der SVP darüber hinaus unterstützten Dr. Maximilian Reimann stellte das absolute Mehr von 219 kein unüberwindbares Hindernis dar. 251 Stimmen konnte er für sich verbuchen.» Seinen Konkurrenten, Theophil Schläpfer, verwies er damit mit 77 Stimmen Vorsprung doch recht klar auf die Plätze. Das war, fürwahr, ein parteiübergreifender Moment.

Der Zahlenmensch

Das Auge wandert derweil zum Hauptartikel auf der Fricktal-Seite an diesem Montag. Da geht es um die Referendumsabstimmung zum Museum Schiff, über die wir vor einer Woche an dieser Stelle sprachen. «Mit ‹Schiff›-Referendum Schiffbruch erlitten», lautet die Schlagzeile. Ganze drei Stimmen hätten den Ausschlag zugunsten des 250'000-Franken-Darlehens der Gemeinde an den örtlichen Museumsverein gegeben. Der Autor des Artikels muss, wie der Autor dieser Zeilen, ein Freund der statistischen Zahlen gewesensein, rechnet er doch die drei Stimmen Differenz flugs in den Prozentanteil an den Laufenburger Stimmberechtigten um. Er kommt zum Schluss: Die Differenz lag bei lapidaren 0,325 Prozent der Stimmbeteiligung.

Den Redaktor freut derweil eine andere Zahl: die Stimmberechtigung. «Mit über 62 Prozent war die Stimmbeteiligung überdurchschnittlich hoch», bilanziert er und ordnet die Zahl auch gleich ein. «Diese Tatsache erstaunt – angesichts der regen Diskussion dieser Vorlage im Bezirkshauptstädtchen – nicht.»