Dem Fricktal stehen politisch heisse Monate bevor. In den nächsten Wochen sagt der Regierungsrat, wie er die Berufsschullandschaft reformieren will. Für das Berufsbildungszentrum Fricktal (BZF) sieht es, glaubt man das, was die Polit-Spatzen von den Dächern pfeifen, dabei nicht allzu gut aus. Das KV dürfte das BZF verlieren, bei den anderen Berufsbereichen ist die Entwicklung unsicher. Daneben bereitet auch das neue Spitalgesetz Sorgen. Der Kanton will die kleineren Spitäler mittelfristig in Gesundheitszentren umwandeln – ein massiver Eingriff in die unternehmerische Freiheit, moniert die Leitung des Gesundheitszentrums Fricktal. Verkehr, Wachstum, Mittelschule, Tiefenlager sind weitere heisse Themen. Die AZ hat sechs Politikerinnen und Politiker gefragt, welche drei Hauptherausforderungen sie sehen.

«Wir brauchen ein Berufsbildungszentrum»

Für Christian Fricker, Präsident des Planungsverbandes Fricktal Regio, ist der Erhalt des Berufsbildungszentrums Fricktal zentral. «Als prosperierende Region brauchen wir ein Berufsbildungszentrum», ist er überzeugt. Falle das Zentrum weg, schwäche dies die Lehrbetriebe. Die Folge: «Die Lernenden weichen in andere Regionen aus.» Man räume so die Berufslandschaft im Fricktal leer. «Und dagegen wehren wir uns mit aller Kraft.»

Eine zweite Herausforderung sieht Fricker in der Spitallandschaft. Das, was der Regierungsrat mit dem neuen Spitalgesetz angedacht habe, sei noch nicht das Gelbe vom Ei. Es könne nicht sein, dass alles, was Cash bringe, in die Zentrumsspitäler abgezogen werde und den Regionalspitälern nur die Brosamen blieben. Auch die Regionalspitäler müssten die Möglichkeit haben, sich zu spezialisieren. «Das Gesundheitszentrum Fricktal ist heute mit seinem Brustzentrum führend – und das muss es auch künftig sein können.» Fricker wehrt sich nicht gegen Konzentrationen im Gesundheitswesen. «Aber diese sind mit Augenmass anzugehen.»

Eine dritte Herausforderung ist für Fricker die Solidarität zwischen den grossen, finanzstarken und den kleinen Gemeinden. Für ihn ist es gerade auch eine der Aufgaben des Planungsverbandes, darauf zu achten, dass die Gemeinden nicht auseinanderdividiert werden. Grossen Respekt zollt Fricker, der auch Vizeammann von Frick ist, den vier Gemeinden Bözen, Effingen, Elfingen und Hornussen, die derzeit im Fusionsprozess sind. «Es ist mutig, dass vier kleinere Gemeinden diesen Schritt wagen wollen.» Für ihn braucht es daneben aber auch Bewegung bei grösseren Gemeinden. «Dazu ist die Zeit aber wohl noch nicht reif.» (twe)

«Schwächere nicht vergessen»

Elisabeth Burgener sitzt seit 12 Jahren für die SP im Grossrat. Ihr ist aufgefallen: «Das Fricktal steht heute kantonal deutlich stärker im Fokus, da es stark wächst.» Das sei eine schöne Entwicklung, aber: «Wir müssen aufpassen, dass uns das nicht über den Kopf wächst.» Als Beispiele nennt sie die Infrastruktur und die Baupolitik.

Als erste Herausforderung sieht sie denn auch den Bereich Soziales und Bildung. Eine intakte Bildungslandschaft sei zentral. Dazu zählt Burgener die angedachte Mittelschule ebenso wie das Berufsbildungszentrum. «Wir haben ein duales System, das gilt es zu bewahren.» Die Geschichte mit der Mittelschule zeige zudem, wie schnell etwas in Bewegung kommen könne. Bei allem Wachstum dürfe man nicht vergessen, dass es Leute gebe, die nicht mithalten können, dass es Familien gebe, die Unterstützung brauchen. «Es darf nicht Gewinner und Verlierer geben.»

Eine zweite Herausforderung sieht Burgener im Sisslerfeld. Hier gelte es, die Entwicklung in einer Gesamtschau anzugehen. «Mit dem Wachstum entstehen nicht nur neue Arbeitsplätze. Auch der Verkehr nimmt zu und es leben mehr Menschen in unserer Region. Für sie muss dann auch die entsprechende Infrastruktur wie Schulen bereitstehen.»

Eine dritte Herausforderung ist für Burgener das Tiefenlager für radioaktive Abfälle, das eventuell in der Region zu liegen kommt. Dieses liege zeitlich zwar noch weit weg, doch politisch sei es jetzt brisant. «Wir stellen in den nächsten zehn Jahren die Weichen, mit denen dann die nächsten Generationen leben müssen.» Eine grosse Chance sei, dass der Bezirk Laufenburg in der Regionalkonferenz Jura Ost stark vertreten sei. «Das gilt es zu nutzen und beim Bund mehr Mitsprache einzufordern.» (twe)

«Regionalspitäler müssen Zukunft haben»

Für SVP-Grossrat Christoph Riner ist der Erhalt des Berufsbildungszentrums Fricktal (BZF) eine zentrale Herausforderung. «Wenn das Fricktal zusätzlich eine Mittelschule bekommt, ist das schön. Aber eine Kantonsschule darf nicht zulasten des Bildungszentrums gehen.» Ein eigenes Berufsbildungszentrum sei wichtig für die Region und die Betriebe. Veränderungen in der Berufsschullandschaft darf es für Rhiner durchaus geben. Aber: «Gesamthaft darf das BZF nicht geschwächt werden.» Wenn, wie es scheint, die sieben KV-Standorte auf drei reduziert werden und das BZF seinen verliert, «dann muss es im Gegenzug mit anderen Berufsfeldern gestärkt werden». Die Fricktaler Grossräte seien sich der Tragweite bewusst und «wir sind auch schon in Aarau aktiv».

Für Riner ist eine zweite grosse Herausforderung der Gesundheitsbereich. Die Regionalspitäler dürfe man nicht mit einer Salamitaktik ausbluten lassen, findet Riner. «Die Regionalspitäler müssen eine Zukunft haben.» Gleichzeitig gelte es, die Situation mit den Hausärzten im Auge zu behalten und Rahmenbedingungen zu schaffen, dass die Hausärzte, die pensioniert werden, Nachfolger finden. «Eine Region mit zu wenig Hausärzten hat es im Standortwettbewerb schwer.»

Als dritte Herausforderung sieht Riner die Gemeindefinanzen. «Wir dürfen die Gemeinden, denen es finanziell nicht so gut geht, nicht vergessen.» Der neue Finanzausgleich, gegen den sich Riner heftig gewehrt hatte, ist in Kraft. «Es gilt zu beobachten, wie er sich entwickelt.» Bei Bedarf müsse er neu justiert werden. Sorgen machen Riner auch die zusätzlichen Kosten etwa im Pflegebereich, die auf die Gemeinden zukommen werden. «Hier muss die Politik den Finger drauflegen.» (twe)

«Wir sind es uns gewohnt, anzupacken»

Die Zukunft des Gesundheitszentrums Fricktal ist für FDP-Grossrat Franco Mazzi eine der drei grossen Herausforderungen, die in den nächsten 12 Monaten auf das Fricktal zukommen. «Gefordert ist primär die Trägerschaft», sagt der Rheinfelder Stadtammann. Sie müsse zusammen mit dem Kanton eine tragfähige Lösung finden. Ob in dieser Zukunft ein oder zwei Spitalstandorte Platz haben, «kann ich von aussen nicht beurteilen. Dies zu definieren, ist Sache der Verantwortlichen».

Als zweite grosse Herausforderung sieht auch Mazzi den Erhalt des Berufsbildungszentrums Fricktal. Mazzi ist Präsident des Schulvorstandes. Dass es Veränderungen in der Berufsschullandschaft geben wird, steht für Mazzi ausser Frage. «Diese dürfen aber nicht einseitig zulasten der kleineren Regionen gehen.» Zudem dürfe man nicht kurzfristig denken und handeln. Wenn man jetzt zu stark auf eine möglichst hohe Auslastung der Schulen abziele, so komme schon bald die Zeit, wo Schulplätze fehlen. «Denn die Bevölkerung wächst – gerade auch im Fricktal.»

Die dritte Herausforderung ist für Mazzi die Mittelschule, welche die Regierung im Fricktal angedacht hat. «Das ist eine Chance für uns», findet er und freut sich, dass aus dem Fricktal vier Bewerbungen für den Standort vorliegen. Eine davon kommt aus Möhlin und Rheinfelden, die zusammen einen Standort beim Bahnhof Möhlin eingegeben haben. Dass im Fricktal mehrere Gemeinden aktiv wurden, als sie die Chance witterten, Mittelschulstandort zu werden, erstaunt Mazzi nicht. «Das ist eine typische Eigenschaft von uns Fricktalern: Wir wagen etwas und sind es uns gewohnt, anzupacken.» Der Kanton könne nun aus vier Konzepten auswählen. «Das ist eine hervorragende Ausgangslage für eine eigene Mittelschule.» (twe)

«Tempo 30 durch die Dörfer ist sinnvoll»

In den kleinräumigen Strukturen sieht Grünen-Grossrätin Gertrud Häseli eine Herausforderung. «Diese behindern uns am Finden von guten Lösungen», findet sie. Es brauche hier eine grundlegende Reform mit deutlich weniger Gemeinden. Häseli schweben im Fricktal noch fünf Gemeinden vor – analog zu den heutigen Teilregionen. Viele Themen – Häseli nennt das Gesundheitswesen und den Wald als Beispiele – könnten erst mit grossräumigeren Strukturen richtig bewirtschaftet werden.

Ebenfalls Handlungsbedarf sieht Häseli bei der Mobilität. Sie spricht von einer Übermobilität, in der die heutige Gesellschaft lebe. Da gelte es, ein Gegengewicht zu setzen. Für Häseli wäre denn auch Tempo 30 auf Kantonsstrassen in den Dörfern «ein richtiger und wichtiger Schritt». «Wir brauchen nicht mehr Strassen, sondern wir müssen diese besser bewirtschaften», findet sie.

Eine dritte Herausforderung sieht Häseli in der Finanzierung des Gesundheitsbereiches. Auch hier scheitere viel Sinnvolles heute am kleinräumigen Denken. Als Beispiel nennt sie die Tatsache, dass in Laufenburg zwei Anbieter – das Gesundheitszentrum Fricktal und der Verein für Altersbetreuung im oberen Fricktal VAOF – Pflegeplätze anbieten. «Das macht wenig Sinn. Hier gehen Synergien verloren. Solche Reibungsverluste müssen wir eliminieren.» Auch beim Thema Spital verfolgt Häseli eine andere Linie als viele ihrer Fricktaler Grossratskolleginnen und -kollegen. «Die Reduktion auf einen Spitalstandort wäre richtig», findet sie. Da der Standort Rheinfelden heute bereits besser ausgebaut sei als Laufenburg, sei eine Fokussierung auf diesen Standort die logischere Variante. «Gerade im Gesundheitswesen bewirtschaftet heute jeder Anbieter sein Königreich. Dieses Denken müssen wir aufbrechen.» (twe)

«Verkehr grenzüberschreitend lösen»

Das Berufsbildungszentrum Fricktal (BZF) muss gestärkt werden. Dies ist eines der Kernanliegen von CVP-Grossrat Alfons P. Kaufmann. Er sieht durchaus, dass sich die Berufe und mit ihr die Berufsschullandschaft in den nächsten Jahren stark verändern werden – und sich auch verändern müssen. Für eine Konzentration der KV-Standorte – heute sind es sieben im Kanton, künftig werden es noch drei sein – hat Kaufmann durchaus Verständnis. «Aber nicht alles muss in Aarau, Baden oder Lenzburg konzentriert werden.» Im Gegenteil: «Auch die Landregionen haben ein Anrecht auf ein Berufsbildungszentrum.» Für Kaufmann ist deshalb klar: «Das BZF muss ein weiteres Berufsfeld bekommen.» Dies könnte zum Beispiel die Informatik oder der Gesundheitsbereich sein. Berücksichtigt werden muss für Kaufmann bei der Vergabe der Kompetenzfelder auch die Entwicklung der jeweiligen Region. «Wir leben im Fricktal in einer sehr dynamischen Region mit einem grossen Wachstum.»

Eine zweite Herausforderung ist für Kaufmann das Sisslerfeld. «Zentral ist, dass hier Arbeitsplätze geschaffen werden, die dem Fricktal Wertschöpfung bringen.» Gleichzeitig gelte es, die Verkehrssituation in den Griff zu bekommen. «Alleine kann die Schweiz das nicht lösen. Hier braucht es einen grenzüberschreitenden Ansatz.» Einen guten Ansatz sieht Kaufmann im zusätzlichen Rheinübergang bei Sisseln, der bereits angedacht ist.

Freude hat Kaufmann, dass der Regierungsrat im Fricktal einen der beiden neuen Mittelschulstandorte realisieren will. Vier Gemeinden und Institutionen bewerben sich um den Sitz der Schule. Eine Präferenz hat Kaufmann nicht. «Derzeit ist nicht wichtig, wohin die Schule kommt – sondern dass sie kommt.» (twe)