Obermumpf
«Bereuen ist müssig. Wir müssen mit der Realität leben, in der wir stehen»

Gemeindeammann Peter Deubelbeiss leitet heute Abend seine letzte Gmeind. Das Drehbuch dafür hat er, im Gegensatz zu den vergangengen 16 Jahren, noch nicht geschrieben.

Nadine Böni
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Blick übers Dorf: Peter Deubelbeiss auf dem Balkon seines Hauses. nbo

Blick übers Dorf: Peter Deubelbeiss auf dem Balkon seines Hauses. nbo

Das Drehbuch für den Abschied fehlt noch. Und das ist es, was Peter Deubelbeiss ein wenig aus der Ruhe bringt. Weil er in seinen 20 Jahren im Obermumpfer Gemeinderat – 16 davon als Gemeindeammann – für jede Gemeindeversammlung ein Drehbuch geschrieben hat. Im Kopf ging er dann jedes mögliche Szenario durch, überlegte, welche Fragen gestellt werden könnten. «Und vor allem: Ob ich dann eine gute Antwort darauf habe», sagt Deubelbeiss und lächelt.

Zwei Tage vor seiner letzten Gemeindeversammlung aber ist das Drehbuch noch nicht fertig.

Platz für Jüngere

Während ihn das zumindest beschäftigt, blickt Deubelbeiss dem eigentlichen Abschied gelassen entgegen. Mit einem Gefühlsausbruch ist am heutigen Abend in der Obermumpfer Turnhalle nicht zu rechnen: «Als Naturwissenschaftler gehe ich das sehr pragmatisch an und halte mich mit persönlichen Emotionen zurück.» Sagt es, und zuckt mit den Schultern. Es sei eben an der Zeit, Jüngeren Platz zu machen. Schliesslich werde er im übernächsten Jahr 70.

1993 wurde Deubelbeiss in den Gemeinderat gewählt. Nach langen Jahren, in denen er als Anlagebauer in der ganzen Welt – unter anderem Abu Dhabi, Kuwait, Polen, Dubai und Indien – Chemieanlagen aufgebaut hatte, wandte er sich der lokalen Politik zu. Dort hinterliess er in den vergangenen 20 Jahren seine Spuren.

Neue Wasserversorgung

Während seiner Amtszeit erhielt Obermumpf eine praktisch komplett neue Wasserversorgung: Die Leitungen – sie stammten grösstenteils aus den Jahren 1910 und 1911 – wurden ersetzt. Seit dem Jahr 2000 bezieht Obermumpf das Wasser aus Stein. Und seit Juni fliesst das Abwasser nach Möhlin. Die alte Kläranlage wird zur Pumpstation mit Regenauffangbecken umgebaut. Auch den Aufbau der Regionalpolizei und den Bau des Oberstufenschulhauses in Mumpf nennt Deubelbeiss, gefragt nach den grössten Projekten in seiner Amtszeit.

«Die Politik in einem Dorf von dieser Grösse ist weitaus vorgegeben», sagt Deubelbeiss. Der finanzielle Rahmen der 1000-Seelen-Gemeinde verbietet grosse Luftsprünge. «Wir müssen machen, was es braucht – Sachen, die ‹nice to have› wären, stehen gar nicht zur Diskussion», sagt der Noch-Gemeindeammann und fügt an: «Aber ganz realistisch: Was würden wir beispielsweise mit einer riesigen Kulturhalle machen?»

Geprägt von der Explosion

Der Realismus begleitet Deubelbeiss durch sein Leben, seit einem dramatischen Aprilmorgen im Jahr 1969. Deubelbeiss hatte gerade seinen ersten Job angefangen, bei der Schweizerischen Sprengstofffabrik, der Pulveri, in Dottikon. Er arbeitete an jenem Morgen, als die Fabrik explodierte und 18 Menschen ihr Leben verloren. «Ein solches Erlebnis verschiebt die Ansichten vom Leben und zum Leben massiv», sagt Deubelbeiss heute. «Es verändert die Lebenseinstellung und die Art, wie man Dinge gewichtet.»

So hat er nie etwas bereut. Nicht, dass er trotz zeitlichem Druck immer wieder für den Gemeinderat kandidierte. Auch nicht, dass wegen seines Amtes und seiner beruflichen Reisen manchmal die Zeit für das Privatleben knapp bemessen war. Nicht, dass er ein lieb gewonnenes Hobby – den Möbelbau – in den vergangenen Jahren vernachlässigte. «Bereuen ist müssig. Wir müssen mit der Realität leben, in der wir stehen, und uns Gedanken zur Zukunft machen, um dorthin zu gelangen, wo wir sein wollen», sagt Deubelbeiss.

Zeit für den Möbelbau

Deubelbeiss’ Realität wird sich schon bald verändern. Seine Aufgaben als Gemeindeammann übernimmt ab Januar seine Nachfolgerin Eva Frei. Und auch im eigenen Betrieb will Deubelbeiss kürzertreten. Dann hat er mehr Zeit für Dinge, die bis jetzt zu kurz kamen. Mit seiner Frau hat er etappenweise eine Wanderung von Obermumpf nach Genf gestartet. Die will er zu Ende bringen. Dann spielt er mit dem Gedanken, einige seiner alten Baustellen zu besuchen. Zum Beispiel die Chemieanlagen in Polen. Und vielleicht bleibt daneben etwas Zeit für den Möbelbau.

Erst aber wird er noch das Drehbuch für seine letzte Gemeindeversammlung als Gemeindeammann schreiben. Die Sanierung des Schulhausvorplatzes für 63 000 Franken sowie der Beitritt zur Spitex Fricktal werden darin vorkommen. Sicher auch ein paar Worte zum Abschied – wenn auch keine pathetische Rede.